Im Regelfall entledigt sich die Natur eines werdenden Zwitters durch Fehlgeburt im Verlauf der Tragzeit. Dazu kam es diesmal allerdings nicht. Es erblickte ein seltenes Mischlingswesen das Licht der Welt: eine „Schiege“ – mit einem Schaf als unzweifelhafter Mutter und anscheinend einem Ziegenbock als Vater.
Geboren wurde die Schiege auf einem Resthof östlich von Flensburg. Dort betreibt der Eigentümer etwas Hobbytierhaltung mit Hühnern, drei Schafen und einem Schafbock sowie einem Ziegenbock als Überbleibsel eines früher größeren Ziegenbestandes. Er möchte ungenannt bleiben, um unerwünschten Besuch fernzuhalten.
Geboren wurde das kleine männliche Lamm (oder Zicklein?) Mitte August. Zu der Zeit lief auf dem Hof das Flugmodus-Festival mit 350 Fans der Techno-Musik. Deshalb trägt es den Namen „Flumo“. Seine Mutter „Selma“ ist eine sechs Jahre alte Moorschnucke und Vater „Rune“ eine 2017 geborene Kreuzung aus Burenziege und einer Milchziegenrasse. Beide müssen mit großer Wahrscheinlichkeit etwa fünf Monaten zuvor ihren ungewöhnlichen Nachwuchs gezeugt haben.
Der Fachbegriff „Hybride“ aus der Biologie bezeichnet ein Lebewesen, das aus der geschlechtlichen Fortpflanzung zwischen Elternteilen verschiedener Gattungen oder Arten hervorgegangen ist. Zwar gehören die Gattungen der Schafe und Ziegen zur Unterfamilie der Ziegenartigen. Sie unterscheiden sich aber in der Anzahl der Chromosomen, der Träger der Erbanlagen. Schafe haben 54 und Ziegen 60 davon. Bei zufälligen Kreuzungen ergaben sich bei einer früheren Untersuchung 57 Chromosomen.
Vor zehn Jahren wurde im Süden Niedersachsens schon einmal eine Schiege geboren. Mit ihr befasste sich Prof. Christoph Knorr vom Department für Nutztierwissenschaften der Universität Göttingen. Kreuzungen solcher Art seien besonders schwierig und bisher wenig erforscht. „Das ist ein Mysterium des Lebens“, sagte der mittlerweile verstorbene Hochschullehrer.
Um mehr zu erfahren, wollten die Göttinger Forscher die Entwicklung der Schiege damals dauerhaft wissenschaftlich begleiten. Wie jetzt von dort mitgeteilt wurde, starb das Tier leider nach einiger Zeit. Bei seiner Obduktion sei allerdings festgestellt worden, dass es – ohne vorherige Kenntnis oder gar Absicht – tragend war. Mit der Schiege als Mutter wäre ein lebensfähiges Tier per Definition eine neue Spezies gewesen. Aus evolutionärer Sicht diene die Hybridisierung nahe verwandter Spezies der Artbildung. Mittlerweile hat auch „Flumo“ das Interesse der Göttinger Wissenschaftler geweckt.
In der Mythologie und Legenden sind Hybriden als Fabelwesen gang und gäbe. Aus der griechischen Mythologie bekannt ist der Zentaur, ein Mischwesen aus Mensch und Pferd, weiterhin der Satyr als Mensch mit tierischen Extremitäten.
Auch tatsächlich vorkommende Hybriden sind nicht auf Schafe und Ziegen beschränkt. So kommen zum Beispiel „Liger“ als Mischung aus Löwen und Tigern vor. Als Zebroide werden Hybriden aus Paarungen zwischen Zebras und anderen Pferdearten bezeichnet. Gezielte Kreuzungen gibt es bei Pferden und Eseln. Ist die Mutter eine Eselin und der Vater ein Pferd, wird der Nachwuchs als Maulesel bezeichnet. Das Ergebnis einer Paarung von Pferdestute und Eselshengst ist ein Maultier, auch Muli genannt.
Maultiere sind allgemein gutmütig, nicht scheu und wesentlich belastbarer als Pferde. Zudem weisen sie eine hohe Lebenserwartung von bis zu 50 Jahren auf. Aufgrund dieser Eigenschaften und nicht zuletzt wegen ihrer Trittsicherheit kommen sie vor allem in unwegsamem Gelände zum Einsatz, wo sie schwere Lasten über weite Strecken transportieren, so zum Beispiel bei der Gebirgstruppe. Nach Aussage eines Sanitätsoffiziers der Veterinärmedizin beim Einsatz- und Ausbildungszentrum für Tragtierwesen der Bundeswehr in Bad Reichenhall werden diese Tiere bei Züchtern gekauft. Mit der Zucht gebe es keine Probleme, wahrscheinlich aufgrund der nahen genetischen Verwandtschaft der Elterntiere. Pferde weisen 64 und Esel 62 Chromosomen auf, der Unterschied ist also sehr gering. Infolge der ungeraden Zahl sind Maultiere mit 63 Chromosomen, wie alle hybriden Nachkommen der sogenannten ersten Filial- oder Folgegeneration, regelmäßig nicht fortpflanzungsfähig. Trotzdem gibt es auch äußerst seltene Ausnahmefälle.
Hybriden sind das Ergebnis einer natürlichen geschlechtlichen Paarung. Davon unterschieden wird die „Chimäre“. Mit diesem Begriff bezeichnet die Biologie Organismen, die aus unterschiedlichen genetischen Zellen bestehen, aber dennoch eine Einheit bilden. Zumeist sind Chimären das Ergebnis menschlicher Manipulation. Am bekanntesten ist die Veredelung von Obstbäumen oder Weinstöcken durch Pfropfen.
Auch die Transplantation eines artfremden Organs (Schweineherz für Menschen) macht den Empfänger zur Chimäre. Allerdings kann es bei Säugetieren – so auch bei Menschen – bei mehreiigen Mehrlingsschwangerschaften in der Plazenta durch Blutvermischung zu sogenannten Blutchimären kommen. Als „Freemartins“ bezeichnet, treten sie auch unter dem Begriff „Zwicke“ am häufigsten bei Rindern auf und zeigen sich an Fehlbildungen der Geschlechtsorgane.



