Am Lehr- und Versuchszentrum Futterkamp (LVZ) der Landwirtschaftskammer drehte sich Ende April alles um ein Thema, das in der Schweinehaltung oft unterschätzt wird: die Stalllüftung. Unter dem Motto „Die optimale Lüftung entscheidet“ kamen Teilnehmende aus Praxis, Beratung und Tierarztpraxen zusammen – eine Mischung, die bereits zeigt, wie zentral das Thema für die gesamte Branche ist. Durch den Tag führte Philipp Rohmeier vom Förderkreis Stallklima. Dank des Netzwerks Fokus Tierwohl war die Veranstaltung kostenfrei.
Der Seminartag begann mit einem theoretischen Block, in dem schnell deutlich wurde, dass Stallklima weit mehr umfasst als die Frage, „wie warm oder kalt es ist“. Entscheidend ist das Zusammenspiel aus Lüftung, Heizung, Kühlung und einer funktionierenden Steuerung. Erst wenn diese Komponenten ineinandergreifen, entstehen stabile Bedingungen für Tier und Technik.
Stallklima verstehen
Dabei wurde schnell klar, wie viele Faktoren auf das Stallklima einwirken. Äußere Einflüsse wie Jahreszeiten, tägliche Temperaturschwankungen, Luftfeuchtigkeit, Wind oder Sonneneinstrahlung lassen sich nicht steuern, müssen aber mitgedacht werden. Selbst die Ausrichtung des Stalls spielt eine Rolle, da einzelne Gebäudeseiten unterschiedlich stark aufgeheizt werden. Hinzu kommt die Dämmung, die entscheidet, wie stark sich diese äußeren Einflüsse im Inneren bemerkbar machen.
Neben äußeren Bedingungen beeinflussen vor allem die Tiere selbst das Klima im Stall. Belegdichte, Gruppengröße, Genetik und Leistungsniveau bestimmen maßgeblich, wie viel Wärme und Feuchtigkeit entstehen. Auch Haltungssystem, Fütterung und eingesetzte Technik tragen ihr Teil dazu bei.
Besonders spannend war der Blick auf den physiologischen Hintergrund: Der Wärmehaushalt der Tiere wirkt sich direkt auf Stoffwechsel, Atmung, Kreislauf und Wasseraufnahme aus. Ziel ist es daher, eine Umgebung zu schaffen, in der sich die Tiere im Komfortbereich bewegen – ohne zusätzlichen Energieaufwand zur Temperaturregulation.
Technik und Steuerung
Ein Schwerpunkt lag auf der Lüftungstechnik selbst. In heutigen Schweineställen dominiert die mechanische Lüftung, allen voran die Unterdrucklüftung. Sie gilt als energieeffizient und gut steuerbar – vorausgesetzt, sie ist richtig geplant und eingestellt.
Entscheidend ist dabei die Luftführung. Nur wenn die frische Luft gleichmäßig verteilt und verbrauchte Luft zuverlässig abgeführt wird, funktioniert das System wie gewünscht. Auch unterschiedliche Abluftsysteme und ihre jeweiligen Vor- und Nachteile wurden beleuchtet. Ein weiterer Punkt: die Bauweise. Materialien mit hoher Wärmespeicherfähigkeit können Temperaturschwankungen abpuffern und so für ein stabileres Stallklima sorgen. Das zeigt, dass Lüftung nicht isoliert betrachtet werden kann, sondern immer im Zusammenhang mit der gesamten Gebäudehülle steht.
Moderne Klimaregler ermöglichen heute eine automatische Steuerung vieler Parameter und arbeiten mit hinterlegten Temperaturkurven. Trotzdem wurde deutlich betont, dass die Technik nicht das Auge des Tierhalters ersetzt. Gerade nach der Erstbelegung eines Stalls ist es wichtig, Einstellungen regelmäßig zu kontrollieren und gegebenenfalls anzupassen. Auch wirtschaftliche Aspekte kamen zur Sprache. Eine etwas großzügigere Dimensionierung von Lüftungsanlagen verursacht oft nur geringe Mehrkosten, kann sich aber langfristig durch eine effizientere Nutzung auszahlen. Ergänzend wurden Kühl- und Befeuchtungssysteme vorgestellt, die insbesondere in Hitzephasen entscheidend sein können.
Für Ställe mit Auslauf gelten besondere Anforderungen. Hier müssen unterschiedliche Klimabereiche geschaffen und getrennt gesteuert werden. Eine klare Struktur im Stall ist dabei die Grundlage, um die verschiedenen Zonen sinnvoll zu managen.
Luft sichtbar gemacht
Nach dem Mittagessen ging es in den praktischen Teil: Hygieneschleuse, Duschen, betriebseigene Kleidung anlegen und anschließend direkt in den Stall. Dort wurde es dann anschaulich: Mithilfe eines Nebelgerätes konnten alle Teilnehmenden die Luftführung des jeweiligen Lüftungskonzeptes sehen. Plötzlich war nicht mehr nur Theorie im Raum, sondern konkret zu sehen, wie sich die Luft tatsächlich bewegt.
Die Unterschiede zwischen Verdrängungs- und Strahllüftung wurden dabei besonders deutlich. Während die Verdrängungslüftung mit ruhigen, gleichmäßigen Luftbewegungen arbeitet, zeigte die Strahllüftung deutlich höhere Geschwindigkeiten und gezielte Luftstrahlen, die sich erst im Raum verteilen müssen.
Im Wartestall wurde außerdem der Coanda-Effekt dargestellt. Die Nebelbilder zeigten eindrucksvoll, wie Luftströme aus den Wandventilen an Oberflächen haften und ihnen folgen. Dieses Prinzip wird gezielt genutzt, um Frischluft entlang von Decken oder Wänden zu führen und Zugluft im Tierbereich zu vermeiden. Ganz anders verhielt sich die Luft in Systemen mit diffuser Decke: Hier war kaum Bewegung sichtbar. Genau das ist gewollt – die Luft wird langsam und großflächig eingebracht. Der direkte Vergleich machte deutlich, wie unterschiedlich Lüftungskonzepte funktionieren können.
Besonders praxisrelevant war die Darstellung häufiger Lüftungsfehler. Ein Beispiel ist sogenannte Falschluft: Strömt Luft von einer ungewollten Stelle oder zu schnell ein, verteilt sie sich nicht gleichmäßig, sondern bildet gerichtete Strömungen. Einzelne Stallbereiche werden dann unzureichend versorgt.
Auch das „Abwandern“ von Luft durch Undichtigkeiten wurde demonstriert – ein Problem, das oft unbemerkt bleibt, aber die gesamte Durchlüftung verschlechtern kann. Solche Effekte sind in der Praxis schwer zu erkennen, haben aber direkte Auswirkungen auf die Tiergesundheit und die Leistung.
Ein weiterer Punkt war das Zusammenspiel von Zu- und Abluft. Änderungen in der Abluftrate zeigten unmittelbar, wie empfindlich das System reagiert. Ein ausgewogenes Verhältnis ist entscheidend für stabile Strömungsverhältnisse.
Zum Abschluss des Tages wurde auch der neue Deck-Wartestall mit Außenklimareizen untersucht. Dafür wurde mit geöffnetem sowie geschlossenem Windschutznetz gearbeitet. Der Unterschied war deutlich: Ohne Schutz kam es zu schnellen, windrichtungsabhängigen Luftbewegungen. Mit Windschutz war die Luftführung deutlich langsamer und gleichmäßiger. Die Windbrechlast der Windschutznetze wurde so sehr gut sichtbar.
Fazit
Das Seminar machte deutlich, dass eine funktionierende Stalllüftung weit mehr ist als die richtige Temperatureinstellung am Klimaregler. Entscheidend ist das Zusammenspiel aus Stallbau, Technik, Luftführung und der täglichen Kontrolle durch den Tierhalter. Gerade kleine Fehler in der Luftführung können große Auswirkungen auf Tiergesundheit, Leistungen und das Verhalten der Tiere haben. Besonders wertvoll war der starke Praxisbezug. Durch die Nebelversuche konnten die Teilnehmenden direkt sehen, wie unterschiedlich Lüftungssysteme arbeiten und wo typische Schwachstellen entstehen. Mitgenommen haben die Teilnehmenden vor allem, wie wichtig die regelmäßige Kontrolle der eigenen Lüftungsanlage ist – nicht nur über die Technik, sondern auch über die Beobachtung der Tiere und der Luftbewegungen im Stall. Ebenso wurde deutlich, dass eine gut geplante und sauber eingestellte Lüftung langfristig sowohl Tierwohl als auch Betriebserfolg verbessert.




