StartNachrichtenMarktDüngermarkt bleibt unberechenbar

Düngermarkt bleibt unberechenbar

Marktkommentar
Von Karsten Hoeck, LKSH-Markt
Foto: Imago

Am Düngemittelmarkt ist die Ruhe wieder vorbei. Händler ziehen Angebote zurück, Lieferfristen werden unklar, und für einzelne Stickstoffdünger werden höhere Forderungen genannt. Die Frage lautet: Bilden diese Aufschläge bereits eine echte internationale Knappheit ab – oder reagieren Hersteller und Handel vor allem auf Unsicherheit und Hektik?

Ein Blick auf die internationalen Harnstoffnotierungen spricht bislang eher für die zweite Erklärung. Der vordere US-Golf-Kontrakt liegt Anfang der Woche bei etwa 370 US-$/US tn. Ende Juni lag der Kurs bei 360 US-$/US tn. Der Markt hat sich damit befestigt, von einem explosionsartigen Anstieg ist aber noch nicht zu sprechen. Granulierter Harnstoff FOB Naher Osten notiert mit rund 408,50 US-$/t ebenfalls nur wenig über dem Niveau von Anfang Juli. Fester zeigt sich die Importnotierung CFR Brasilien mit rund 437,50 US-$/t. Darin spiegeln sich neben dem Warenwert auch Frachtkosten und die saisonal hohe Importnachfrage wider. Beim ägyptischen Harnstoffkontrakt werden kaum Umsätze registriert, die angezeigten Werte sind daher nicht aussagekräftig. Insgesamt haben die internationalen Kurse schon angezogen, aber bislang nicht in einer Größenordnung, die jeden kräftigen Aufschlag im europäischen Handel erklärt.

Fundamental gibt es dennoch Gründe für höhere Risikoprämien. Der europäische Gaspreis ist zuletzt deutlich gestiegen. Da Erdgas den größten Kostenblock der Ammoniak- und Stickstoffproduktion bildet, verteuert sich die Wiederbeschaffung europäischer Produzenten. Gleichzeitig wissen Händler nicht, zu welchen Preisen sie heute verkaufte Mengen später ersetzen können. In solchen Phasen werden Offerten vorsorglich zurückgezogen oder nur mit kurzer Bindungsfrist gestellt. Das kann den Eindruck akuter Warenknappheit erzeugen, obwohl auf dem Weltmarkt grundsätzlich noch Ware vorhanden ist.

Höhere Getreidepreise

Zur Nervosität trägt auch die Nachfrageseite bei. Die Preise für Weizen, Mais und Raps haben zuletzt zugelegt. Damit verbessert sich rechnerisch das Verhältnis zwischen Erzeugerpreis und Düngerkosten. Betriebe, die ihren Einkauf aufgeschoben hatten, zeigen plötzlich wieder Interesse. Treffen diese Anfragen auf vorsichtig disponierte Händlerlager, kann der Markt schnell eng erscheinen. Die Knappheit wäre dann weniger Folge fehlender weltweiter Produktion, sondern eher die Folge von Zurückhaltung, Risikozuschlägen und gleichzeitig einsetzender Nachfrage – der Markt wird knappgeredet.

Der aktuelle Preisanstieg ist deshalb nicht völlig unbegründet, aber möglicherweise stärker von Erwartungen als von bereits eingetretener physischer Knappheit geprägt. Die internationalen Harnstoffkurse liefern ein gemischtes Bild: fester als Ende Juni, aber noch weit entfernt von einem neuen Preisschock. Auch der breiter gefasste internationale Harnstoffindikator lag Mitte Juli bei rund 420 US-$/t und damit zwar gut 13 % über dem Niveau eines Monats zuvor, aber noch unter dem Vorjahreswert.

Steigen Gaspreise und Weltmarktnotierungen weiter, wären höhere Forderungen nachvollziehbarer. Bleiben die internationalen Kurse dagegen auf dem jetzigen Niveau, dürfte sich zeigen, dass ein Teil der jüngsten Aufschläge vor allem der Hektik des Marktes geschuldet war. Der Markt handelt derzeit weniger eine gesicherte Knappheit als die Möglichkeit, dass sie noch entsteht.

oder Angebot auswählen und Artikel gleich weiterlesen

Abonnement
upgraden

Für Abonnenten der gedruckten Ausgabe nur 1,50 €/Monat (Jahresabo 18,- €).

Abonnement
abschließen

Digital-Abonnement für nur 64,- € für 6 Monate (Jahresabo 120,- €).

Ihre Vorteile auf einen Blick:
  • • unbegrenzter Zugriff auf alle bb+ Artikel
  • • das Bauernblatt bereits ab Donnerstagmittag auf Smartphone oder Tablet
  • • Zugang zum Archiv bisheriger Bauernblatt Ausgaben (seit August 2013)
WEITERE ARTIKEL
- Anzeige -
- Anzeige -

Meistgeklickt