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Zwischen Tradition und Selbstverwirklichung

Forum für Frauen in der Landwirtschaft in Kiel
Von Patrick Mühling
Anne Dirksen machte den Teilnehmerinnen Mut, ihre Position und Aufgaben auf dem Betrieb bewusst zu definieren Foto: Claudia Kleimann-Balke

Frauen übernehmen auf landwirtschaftlichen Betrieben oft zentrale Verantwortung, arbeiten aber weiterhin häufig unter traditionellen Rollenerwartungen – darüber diskutierten Teilnehmerinnen vergangene Woche beim Forum für Frauen in der Landwirtschaft in Kiel. Die Veranstaltung wurde vom LandFrauenverband Schleswig-Holstein (lfv) in Kooperation mit der Investitionsbank Schleswig-Holstein (IB.SH) an der Kieler Hörn durchgeführt.

„Ich habe vier Töchter und war froh, dass das fünfte Kind endlich ein Sohn war.“ Auch im Jahr 2026 sehen sich Frauen auf landwirtschaftlichen Betrieben immer noch mit solchen Aussagen konfrontiert. Denn Geschlechterrollen sind in der Branche weiterhin historisch geprägt. Dass diese Sichtweisen überholt sind, zeigten Sina Steensen und Christine Kühl in der Podiumsdiskussion des Forums. Die beiden Unternehmerinnen berichteten von ihren persönlichen Werdegängen und hinterfragten klassische Rollenzuschreibungen. Steensen ist Betriebswirtin und leitet die Trollebüller Eiscremerei in Nordfriesland, wo sie in Handarbeit die Milch ihrer eigenen Kühe zu Eis verarbeitet. Nachdem sie auf den Betrieb ihres Mannes gezogen war, übernahm sie aufgrund ihrer beruflichen Expertise zunächst die Buchhaltung. Im Lauf der Zeit habe sie jedoch gemerkt, dass sie viel lieber Eis mache als im Büro zu sitzen. Neben Betrieb und Organisation trug sie lange auch die Verantwortung für den Haushalt. Diese Mehrfachbelastung sei für viele Frauen auf Höfen nach wie vor Alltag. Verantwortung abzugeben und historisch weiblich geprägte Aufgaben gegen die Bereiche einzutauschen, in denen sie sich tatsächlich einbringen möchten, scheint für viele Frauen immer noch mit Scham verbunden zu sein. Steensen erklärte: „Da gehört ein Stück Ehrlichkeit dazu, sich einzugestehen, dass sich etwas verändern muss.“ Den Haushalt hat sie mittlerweile an eine Fachkraft abgegeben und sich damit ein Stück Lebensqualität zurückgeholt. Heute freut sie sich über Komplimente zu ihrem Eis. Claudia Jürgensen, Präsidentin des lfv, äußerte ihre Zustimmung: „In anderen Bereichen des Betriebs stellt man selbstverständlich Personal ein. Nur im Haushalt besteht immer noch dieses Schamgefühl. Nur weil man Frau ist, muss man nicht automatisch für den Haushalt verantwortlich sein.“

Christine Kühl war als Vertreterin des Unternehmerinnen-Netzwerks des Bauernverbandes Schleswig-Holstein (BVSH) geladen. Sie leitet gemeinsam mit ihrem Mann einen Milchviehbetrieb in Stafstedt, Kreis Rendsburg-Eckernförde. Wichtige Bereiche wie die Kuhbesamung und Tiergesundheit, die Lehrlingsausbildung und die Verwaltung liegen in ihrer Verantwortung. Bei der Fülle an Aufgaben auf dem Betrieb sei es nicht schwer, sich irgendwann darin zu verlieren und sich dabei zu überlasten. „Man bekommt immer wieder neue Aufgaben dazu. Irgendwann muss man lernen, Nein zu sagen und auf sich selbst zu achten“, erklärte sie. Das Thema Wertschätzung spielt für Kühl ebenfalls eine wichtige Rolle: „Als Selbstständige muss man sich regelmäßig selbst loben.“ Vieles werde zwar stillschweigend anerkannt, müsse aber manchmal auch bewusst ausgesprochen werden.

Steensen und Kühl machten es vor und gaben ihre Erfahrungen an die Teilnehmerinnen des Forums weiter, die ihre eigenen Erfahrungen anschließend in drei verschiedenen Workshops diskutieren durften. Die Themen hießen „Absicherung der Frauen“, „Ein eigenes Standbein für mich“ und „Meine Rolle auf dem Betrieb“ und liefen parallel zueinander in zwei Runden, sodass jede Teilnehmerin zwei der Workshops besuchen konnte. Im Workshop „Meine Rolle auf dem Betrieb“ bat Anne Dirksen von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen die Frauen, ihre Aufgaben in den Betrieben zu skizzieren. Anschließend sollten sie diese nach persönlicher Motivation und Belastung sortieren und benennen. Ziel der Übung war es, sich darüber bewusst zu werden, wo Verbesserungspotenzial besteht, was widerwillig nebenbei mitläuft oder mitlaufen muss und welche Aufgaben die Frauen tatsächlich übernehmen wollen. Viele Teilnehmerinnen sehen weiterhin strukturellen Verbesserungsbedarf und wünschen sich eine stärkere Anerkennung ihrer Leistungen. Das Forum machte deutlich, dass Sichtbarkeit und Wertschätzung von Frauen in der Landwirtschaft auch 2026 aktuelle Themen bleiben.

Beratung, Workshops und Motivation

Neben der Podiumsdiskussion bot der Markt der Möglichkeiten den Teilnehmerinnen die Gelegenheit, Beratungsangebote und Hilfsmittel in Anspruch zu nehmen und miteinander ins Gespräch zu kommen. In Workshops setzten sich die Frauen intensiv mit ihrem Leben auf dem Betrieb auseinander und entwickelten Ideen, wie sich der Status quo weiter verbessern lässt. Den Abschluss der Veranstaltung bildete ein Vortrag von Kathrin Volquardsen („dielandmarie“), in dem sie ihren persönlichen Werdegang schilderte und Einblicke in ihren Einstieg ins Hofleben gab. 

Sina Steensen (li.) und Christine Kühl berichteten von Herausforderungen der Frauen auf landwirtschaftlichen Betrieben.
Auf dem Markt der Möglichkeiten informierten sich die Teilnehmerinnen über Themen rund um das Hofleben.
Während ihres Motivationsvortrags sprach Kathrin Volquardsen (r.) auch über ihre Schwiegermutter, die Präsidentin der Landwirtschaftskammer, Ute Volquardsen. Foto: Claudia Kleimann-Balke
Doris Baum (li.) und Julia Kortum vermittelten im Workshop „Ein eigenes Standbein für mich“ Anregungen für eigene Perspektiven und Projekte.
Nach der Podiumsdiskussion erhielten die Teilnehmerinnen Astern – ein Symbol für die Unternehmerinnen im BVSH.
Im Workshop „Meine Rolle auf dem Betrieb“ wurde den Teilnehmerinnen deutlich, wie vielfältig ihre Rollen auf den Betrieben sind.
Unter dem Namen „dielandmarie“ gibt Kathrin Volquardsen auf Instagram humorvolle Einblicke in das Hofleben.


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