StartNachrichtenAgrarpolitikRücksichtnahme ist keine Einbahnstraße

Rücksichtnahme ist keine Einbahnstraße

Editorial zur Sicherheit im Ernteverkehr
Von Julian Haase
Während der Ernte kann es auf den Straßen im Norden eng werden. Gegenseitige Rücksichtnahme reduziert nicht nur Gefahren, sondern dient dem Ansehen der Branche insgesamt. Foto: jh

Nahezu zeitgleich mit dem Beginn der Ernte in Schleswig-Holstein starteten in vielen Bundesländern die Sommerferien. Das ohnehin durch Baustellen und Umleitungen strapazierte Verkehrsnetz im Norden wird nicht nur auf stark befahrenen Bundes- und Landstraßen vielerorts erst recht zum Nadelöhr. Auf dem Asphalt droht derzeit manch brisantes Aufeinandertreffen: Landwirte unter Zeitdruck und Autofahrer im Urlaubsstress ringen um ein zügiges Fortkommen, dazu kommen etwa Rad- und E-Bike-Fahrer, die die Feldwege zwischen Nord- und Ostsee unsicher machen.

Der Bauernverband Schleswig-Holstein rief daher in der vergangenen Woche auf Gut Annenhof bei Kiel gemeinsam mit dem Landesverband der Lohnunternehmer und der Landespolizei zur gegenseitigen Rücksichtnahme im Straßenverkehr auf. Dabei sind die Betriebe im Land offenbar gut davor: Laut Landespolizei machten Unfälle unter Beteiligung landwirtschaftlicher Fahrzeuge mit einer Anzahl von 189 im Jahr 2025 nur einen geringen Anteil der rund 88.000 registrierten Verkehrsunfälle aus. Kracht es aber erst einmal, sind Schäden und Folgen nicht selten erheblich – für Mensch und Material. Eine rücksichtsvolle Fahrweise, intakte Beleuchtung, korrekte Ladungssicherung oder freiwilliges Tempo 30 in Ortschaften helfen, die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer zu erhöhen – und dienen dem Image der Branche insgesamt.

Für Menschen, die keinerlei Bezüge zur Landwirtschaft haben und noch nie mit einem Landwirt in Kontakt getreten sind, kann die Begegnung mit dem Trecker auf der Landstraße oder dem Mähdrescher auf dem Feldweg den Blick auf die Branche verändern – zum Guten, aber auch zum Schlechten. Wie sich Fahrer landwirtschaftlicher Maschinen im Straßenverkehr verhalten, fällt weit mehr auf als die Fahrweise des durchschnittlichen Pkw-Fahrers. Die Teilnahme am Straßenverkehr wird so zu einem Teil der Öffentlichkeitsarbeit, jeder Mitarbeiter oder Erntehelfer am Steuer zu einem „Botschafter der Branche“. Machen Autofahrer dem Schlepper oder Mähdrescher Platz, sollte ein kurzer Dank selbstverständlich sein, was umgekehrt genauso gilt.

Rücksichtnahme in der Gemeinschaft funktioniert dann am besten, wenn sie von allen praktiziert wird. Wer sie von anderen einfordert, sollte daher selbst bereit sein, sie zu gewähren – auch wenn er auf der größeren Maschine sitzt und für die Ernährung der anderen sorgt. Ein zu robustes Auftreten im Straßenverkehr – womöglich noch mit Smartphone am Steuer – kann dabei nicht nur gefährlich werden, sondern erweist auch dem Ansehen der Landwirtschaft insgesamt einen Bärendienst. Zumal einem oft nur geringen Zeitgewinn die Gefahr von Personen- oder Sachschäden, Maschinenausfällen und jeder Menge Papierkram gegenübersteht.

Ob heimischer Landwirt im Erntestress oder auswärtige Familie im Sommerurlaub: Beide haben das Recht, unbeschadet an ihrem Zielort anzukommen. Gegenseitige Rücksichtnahme und defensives Fahren zahlen sich auf vielen Ebenen aus – auch wenn dies in der Erntezeit mitunter schwerfallen kann.

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