Wer heute den Ingenhof in Malkwitz, Ostholstein, besucht, begegnet einem Betrieb, der weit mehr ist als ein klassischer Erdbeerhof. Erdbeeren, Himbeeren, Ferienwohnungen, Hofladen, Feldcafé und inzwischen sogar Weinbau prägen das Bild des Familienunternehmens. Doch der Weg dorthin war lang und von mutigen Entscheidungen begleitet.
Die ersten Schritte in Richtung touristischem Angebot ging der Hof mit Ferienwohnungen. Bis heute erfreuen sie sich großer Beliebtheit. Wer in der Hauptsaison Urlaub auf dem Ingenhof machen möchte, muss häufig frühzeitig buchen, da kürzere Aufenthalte von drei oder vier Tagen oft nur schwer möglich sind. Heute führt Melanie Engel den Betrieb. Nach ihrem Studium in Kiel übernahm sie die Verantwortung auf dem Familienhof. Dass mehrere Generationen gemeinsam auf einem Hof arbeiteten und lebten, sei nicht immer einfach, erzählt sie. Gleichzeitig sei genau diese familiäre Struktur eine wichtige Grundlage für die Entwicklung des Unternehmens.
Begonnen hat alles vergleichsweise klein. Auf 5 bis 7 ha wurden Erdbeeren angebaut und über zahlreiche Verkaufsstände vermarktet – von Kropp über Schleswig und Flensburg bis hin zur Westküste. Inzwischen gibt es nur noch fünf Verkaufsstände. Die Gründe sind vor allem wirtschaftlicher Natur: Hohe Standgebühren und zusätzliche Umsatzbeteiligungen machen viele Standorte unattraktiv. Während immer mehr Erdbeerproduzenten auf den Markt drängten, suchte die Familie nach einem Alleinstellungsmerkmal.
Die Chance bot sich im Jahr 2008. Damals konnten in Deutschland umfangreiche Rebanbau- beziehungsweise Rebrechte erworben werden. Innerhalb von vier bis fünf Monaten mussten zahlreiche Voraussetzungen geschaffen werden, um in den Weinbau einzusteigen. Zunächst erhielt der Betrieb Rebrechte für 3 ha, später kamen weitere 4,8 ha hinzu. Wer Wein anbauen will, braucht jedoch Geduld. Rund 35.000 € kostet die Anlage von 1 ha Weinberg, bis Reben, Infrastruktur und Technik stehen. Den ersten vollen Ertrag liefern die Pflanzen erst nach etwa fünf Jahren. Heute wachsen auf dem Ingenhof sieben verschiedene Rebsorten. Die wichtigste Weißweinsorte ist ‚Solaris‘. Insgesamt werden rund 8 ha Wein angebaut. Etwa zwei Drittel der Produktion entfallen auf Weißwein, ein Drittel auf Rotwein. Sogar Weißwein aus roten Trauben wird hergestellt.
Der Weinbau unterscheidet sich deutlich vom Erdbeeranbau. „Im Weinberg könnte man jeden Tag Arbeit finden“, beschreibt die Betriebsleiterin die Situation. Trotz zunehmender Mechanisierung bleibt vieles Handarbeit. Rund 60 % der Trauben werden inzwischen mit einem Vollernter geerntet, der Rest von Hand. Der technische Fortschritt bietet dabei einen entscheidenden Vorteil: Die Trauben können genau zum optimalen Reifezeitpunkt gelesen werden.
Die Weinlese beginnt Mitte September und dauert bis Ende Oktober. Geerntet wird möglichst in den kühlen Morgenstunden, denn die besten Fruchtaromen entwickeln sich, wenn die Trauben noch kalt sind. Je nach Sorte und Jahrgang entstehen zwischen 3.000 und 5.000 l/ha Wein.
Ein wichtiger Baustein des Erfolgs sind sogenannte PIWI-Sorten – pilzwiderstandsfähige Reben. Dennoch kommt der Weinbau nicht völlig ohne Pflanzenschutz aus. Während vier Behandlungen pro Jahr als üblich gelten, werden auf dem Ingenhof bis zu sechs Anwendungen durchgeführt, um die Traubenqualität auf hohem Niveau zu halten, denn die klimatischen Bedingungen im Norden begünstigen verschiedene Pilzkrankheiten. Zudem könnten Leguminosen zwischen den Rebzeilen künftig helfen, den Stickstoffbedarf über Knöllchenbakterien zu decken und den Einsatz mineralischer Dünger zu reduzieren. Nach der Lese beginnt die eigentliche Weinbereitung. Unterschiedliche Hefen prägen die Charakteristik der einzelnen Weine. Bei kontrollierten Temperaturen von etwa 16 °C erfolgt die Gärung. Anschließend wird der Wein steril abgefüllt, damit keine unerwünschten Mikroorganismen die Qualität in der Flasche beeinträchtigen. Die Abfüllung erfolgt meist im Mai. Die Qualität der Weine hat inzwischen auch überregional Aufmerksamkeit erregt. Im Jahr 2023 schaffte es ein Wein des Ingenhofs unter die besten vier eines renommierten Wettbewerbs.
Neben Wein bleibt der Erdbeeranbau weiterhin ein zentrales Standbein. Auf insgesamt rund 300 ha Betriebsfläche werden etwa 30 bis 35 ha Erdbeeren sowie 2 ha Himbeeren bewirtschaftet. Während der dreimonatigen Erdbeersaison herrscht Hochbetrieb. Rund 50 bis 60 Erntehelfer unterstützen dabei die Arbeit. Vermarktet werden die Erdbeeren nicht nur direkt über Hofladen, Feldcafé und Gastronomie. Ein Teil gelangt über den Großhandel bis nach Süddeutschland und Skandinavien. Früher wurden überreife Erdbeeren zur Weiterverarbeitung an Schwartau geliefert. Aufgrund gestiegener Lohnkosten lohnt sich dieses Geschäft heute jedoch kaum noch. Auch beim Wein setzt der Ingenhof auf Direktvermarktung. Im Lebensmitteleinzelhandel sind die Weine nur selten zu finden. Der Grund: Die Preise überschreiten meist die magische Grenze von 10 € pro Flasche – ein Bereich, in dem sich hochwertige Weine besser direkt an Kunden verkaufen lassen.
Für Melanie Engel und ihre Familie steht fest, dass der Norden Deutschlands großes Potenzial für den Weinbau besitzt. Die klimatischen Bedingungen entwickeln sich zunehmend in eine Richtung, die dem Wein zugutekommt. „Die Zukunft des Weines liegt im Norden“, lautet deshalb die Überzeugung auf dem Ingenhof.
Der Ingenhof zeigt damit eindrucksvoll, wie sich ein landwirtschaftlicher Familienbetrieb immer wieder neu erfinden kann, ohne seine Wurzeln zu verlieren.




