Störungen im Bewegungsapparat können vielfältige Ursachen haben – von Verletzungen der Sehnen, Bänder und Gelenke über muskuläre Probleme und Entzündungen bis hin zu altersbedingten Einschränkungen wie Arthrosen. Wie Homöopathie bei akuten und chronischen Lahmheiten unterstützen kann, erläutert Susanne Kleemann, die in der klassischen Homöopathie nach der Lehre von Dr. Samuel Hahnemann arbeitet und sich auf Lahmheiten spezialisiert hat.
Als Lauftiere sind Pferde besonders anfällig für Bewegungsstörungen. Ursachen können beispielsweise Chips, Blockaden des Iliosakralgelenks oder Kissing Spines sein. Bei alten Pferden ist es oftmals Arthrose. Während äußere Traumata nur etwa 10 % der Fälle ausmachen, spielen Überlastungen eine große Rolle. Das Thema ist sehr komplex und jede selbst geringgradige Bewegungsstörung ist ernst zu nehmen, zumal Pferde als Fluchttiere Schmerzen aufgrund ihres Kompensationsmechanismus lange zu verbergen wissen.
Kleemann appelliert an Reiter, das Training möglichst vielseitig zu gestalten und auch mal ins Gelände zu gehen: „Wenn man täglich seine Kreise auf ‚blankem Parkett’ zieht, verlernen Gelenke, Sehnen und Muskeln ihre Anpassungsfähigkeit. Unterschiedliche Bodenreize hingegen stärken den Bewegungsapparat.“
Falsches Equipment, wie etwa ein unpassender Sattel, aber auch ein schiefer Sitz können ebenfalls zu Lahmheiten führen. Ein potenzieller Störfaktor kann auch der Hufbeschlag sein, wenn dadurch der Pumpmechanismus im Huf behindert wird. Soll Gesundung stattfinden, muss auch das Immunsystem funktionieren. Um den Zellstoffwechsel, die Durchblutung und dadurch den Abtransport von Entzündungs- und Schadstoffen über Leber und Niere zu fördern, ist auf eine artgerechte und ausgewogene Fütterung zu achten.
Der ganzheitliche Blick
So vielfältig die Ursachen für Lahmheiten sein können, so vielfältig ist auch die Mittelauswahl in der Homöopathie. Das Repertorium für homöopathische Arzneimittel für Menschen listet beispielsweise für akute Verletzungen der Sehnen allein 29 Mittel auf, bei Entzündungen der Gelenke sind es 183. Genau das passende zu finden und in der adäquaten Dosierung anzuwenden, das ist die Aufgabe des Homöopathen. Dabei werden die Mittel nicht nur auf Basis der Diagnose ausgewählt, sondern unter Einbeziehung der individuellen Patientengeschichte. Denn in der Homöopathie wird der Patient – in diesem Fall das Pferd – immer ganzheitlich betrachtet. Das Augenmerk richtet sich nicht allein auf die Erkrankung an sich, sondern bezieht den Gemütszustand mit ein.
Zu den populärsten Arzneien zählt Arnika, das zu Recht als Verletzungsmittel erster Güte bekannt ist. Es ist besonders angezeigt für den Behandlungsbeginn von Blutergüssen, die durch stumpfe Traumata wie Stürze oder Unfälle erzeugt wurden. Arnika erweitert die kleinen Kapillargefässe und sorgt so für den schnelleren Abbau von Blutstau oder Ödemen. Im Fall von offenen, blutenden Wunden ist Arnika deshalb kontraindiziert. Bei Lahmheiten, die sich durch Wärme und Bewegung verbessern, nimmt Rhus toxicodendron eine Schlüsselposition ein. Will sich das Pferd hingegen nicht bewegen, ist Bryonia das Mittel der Wahl.
Ähnliches mit Ähnlichem
Akute und chronische Lahmheiten, auch wenn sie nur minimal sind, sind auf keinen Fall zu bagatellisieren. „Sie sollten immer in Zusammenarbeit mit dem Tierarzt behandelt werden“, so Kleemanns Appell an die Pferdebesitzer.
Gemäß § 5 Absatz 2 des Tierarzneimittelgesetzes gilt es seit Ende Januar als Ordnungswidrigkeit, auch verschreibungsfreie Humanarzneimittel ohne tierärztliche Behandlungsanweisung bei Lebensmittel liefernden und nicht Lebensmittel liefernden Tieren anzuwenden. Das betrifft auch homöopathische Arzneimittel.
Bis einschließlich Potenzstufe D6 sind alle homöopathischen Mittel dopingrelevant. Je höher die Potenz, desto effektiver ist die Wirkung. Susanne Kleemann hält nichts davon, auf Komplexmittel, eine Zusammensetzung verschiedener Arzneien in Potenzen unter D6, zurückzugreifen: „Die unspezifische Zusammensetzung widerspricht dem Hahnemann’schen Prinzip, Ähnliches mit Ähnlichem zu heilen.“ Ihr Einsatz sei vergleichbar mit einer Schrotflinte, die ihr Ziel nur zufällig trifft. Außerdem könnten einzelne Bestandteile sogar kontraindiziert sein.
Sie rät vielmehr, mit Tierärzten Hand in Hand zu arbeiten: „Ich persönlich habe gute Erfahrungen gemacht, haben wir doch beide dasselbe Ziel im Blick: den optimalen Heilungserfolg des tierischen Patienten.“



