Als der Entwurf für die neue Kälbertransportregelung, nach der Kälber künftig erst in der fünften statt in der dritten Woche den Betrieb verlassen dürfen, in den Bundesrat eingebracht wurde, war die Begründung jene, dass ältere Kälber stabiler seien und den Transport besser verkraften könnten. Nicht wenige hatten ihre Zweifel an dieser Argumentation, da bekanntlich die sogenannte immunologische Lücke auch in diesen Zeitraum fällt und der mütterliche Schutz mit jeder Woche schwächer wird. Um hier Klarheit zu schaffen, soll die aktuelle wissenschaftliche Erkenntnislage zusammengefasst werden.
Transporte sind seit jeher ein wichtiger Faktor für die Entstehung von Erkrankungen. Besonders stehen hier Atemwegserkrankungen im Fokus, die im Englischen oft als „shipping fever”, also als transportbedingter Allgemeininfekt zusammengefasst werden. Auf einem Transport kommen meist verschiedene begünstigende Faktoren zusammen: Die Verladung auf ein Fahrzeug und der rollende Transport sind für viele Jungrinder etwas vollkommen Neues und daher mit Stress verbunden. Stresshormone, die dabei die Alarmreaktion des Körpers unterstützen, bremsen gleichzeitig die Aktivität der körpereigenen Abwehrzellen und machen den Körper weniger wehrhaft gegen Infekte. Zwischen Stall, Transporter und neuem Stall können zudem erhebliche Klimaunterschiede bestehen, die den Tieren eine hohe Anpassungsleistung abverlangen und den Körper belasten. Bis dahin vorhandene, aber still schlummernde Erreger können diese Schwächephase nutzen und sich im Körper ausbreiten, sodass Erkrankungen kurz nach dem Transport schon ausbrechen. Wenn zugleich Tiere aus verschiedenen Herden aufeinandertreffen, entsteht eine bunte Mischung von verschiedenen Keimen, die auf bisher nicht gegen diese Erreger geschützte Wirtstiere treffen. Daher sind schwere Infektwellen einige Tage nach der Zusammenstellung neuer Gruppen kaum zu vermeiden.
Mütterlicher Schutz
Bekanntlich sind Kälber in den ersten Lebenstagen zwingend auf den mütterlichen Schutz angewiesen, den sie durch die frühe und reichliche Aufnahme von Kolostrum erhalten. Zahlreiche Studien haben gezeigt: Je besser die Versorgung in den ersten Lebensstunden ist, desto besser entwickeln sich die Kälber, sind später gesünder und leistungsstärker. Doch dieser erste Schutz ist endlich: Die übertragenen Antikörper (Immunglobuline) werden verbraucht und vom Körper abgebaut, sodass nach einiger Zeit die körpereigene Abwehr übernehmen muss. Dafür braucht es neben ausreichend Energie und Nährstoffen auch das richtige Training der Abwehrzellen durch Kontakt mit den herdentypischen Keimen und durch Impfungen. Klassischerweise wird der Übergang vom mütterlichen auf den Eigenschutz, die sogenannte immunologische Lücke, irgendwo zwischen der dritten und sechsten Lebenswoche angesiedelt. Daher erscheint es logisch, wenn Kälber eher früh mit einem noch guten mütterlichen Schutz in der dritten Lebenswoche transportiert werden als in der fünften Woche, wenn vom kolostralen Schutz nicht mehr viel übrig ist und das eigene Immunsystem gerade erst laufen lernt.
Kolostrum: Fakten
Schaut man aber einmal in die jüngere wissenschaftliche Literatur, wird die immunologische Lücke immer mehr infrage gestellt. Sie ist in erster Linie eine Folge einer zu geringen Kolostrumaufnahme. Fällt die frühe Versorgung zu knapp aus, ist der mütterliche Schutz schneller aufgebraucht als der Eigenschutz ausreichend stark werden kann. Studien haben für die mütterlichen Antikörper aus dem Kolostrum eine Halbwertszeit von zehn bis 16 Tagen ermittelt. Das heißt, dass sich nach dieser Zeit der Blutspiegel halbiert und so je nach Ausgangslage nach zwei bis fünf Wochen die mütterlichen Antikörper als alleiniger Schutz nicht mehr ausreichen (Abbildung 1). Zugleich baut ein gut versorgtes Kalb aber auch ab dem ersten Tag seine eigene Abwehr auf, sodass diese im besten Fall ab der sechsten Woche allein für den Schutz des Körpers sorgen kann. Da sich beide Schutzsysteme gegenseitig ergänzen, kann idealerweise das Abklingen der kolostralen Antikörper durch die allmähliche Ausbildung des eigenen Schutzes kompensiert werden. Die Abwehrzellen sind ab dem ersten Lebenstag aktiv und tragen so täglich mehr zum anhaltenden Schutz bei. Es ist aber auch erwiesen, dass diese Zellen erst ausreifen müssen, um ihre volle Leistung zu erreichen. Ältere Kälber sind demnach auch im Bereich der Zellen abwehrstärker als jüngere.
Folgen für das Kalb
Messungen von Blutwerten im Labor helfen, die Abwehrmöglichkeiten einzuschätzen. Wirklich sicher lassen sich Effekte auf das Kalb aber nur durch Experimente mit lebenden Tieren untersuchen. Dafür wirken im Bereich der Infektabwehr einfach zu viele Faktoren zusammen. Um die Auswirkungen unterschiedlicher Transportalter auf die Kälbergesundheit zu untersuchen, wurde in den Niederlanden durch die Universität Wageningen ein Großversuch mit knapp 700 Mastkälbern (Fleischkreuzungen und Holsteins) gestartet (Marcato et al, 2021): Während eine Hälfte der Tiere konventionell am 14. Lebenstag auf Mastbetriebe verbracht wurde, wurden andere Kälber aus den gleichen Herkunftsbetrieben erst am 28. Lebenstag auf die gleichen Mastbetriebe transportiert. So bestand der einzige relevante Unterschied im Transportalter. Starke Ähnlichkeit bestand auch bei den Laborwerten: Die untersuchten Kälber hatten insgesamt ähnliche Antikörperblutspiegel am Ende der ersten Lebenswoche. Auch der Tiefpunkt der Schleimhautschutz bildenden Antikörper (IgA) lag bei beiden Gruppen in der vierten Lebenswoche (Abbildung 2).
Die deutlichen Unterschiede zeigten sich erst in der weiteren Entwicklung der Kälber (Tabelle): So wurden die Kälber mit dem höheren Transportalter (28-Tage-Kälber) seltener medikamentell behandelt, auch wenn der Antibiotikaeinsatz ähnlich war. Weiterhin war die Zahl der Todesfälle in dieser Gruppe nur halb so hoch und die Schlachtkörper am Ende der standardisierten Kälbermast waren mehr als 9 % schwerer. Die später transportierten Kälber waren somit deutlich robuster und haben diesen Vorteil in bessere Gesundheit und stärkeres Wachstum umgesetzt.
Umsetzung in der Praxis
Diese umfangreiche Studie zeigt also deutlich, dass keine negativen Effekte durch das höhere Transportalter zu erwarten sind, wenn die sonstige Behandlung der Kälber vor dem Transport gleich bleibt. Klar ist aber auch, dass sich die Betreuungsarbeit auf den Herkunftsbetrieben erhöht, wenn mehr Kälber länger bleiben. Dass der höhere Platzbedarf auf einem durchschnittlichen Milchviehbetrieb überschaubar ist, hat der Artikel in Bauernblatt-Ausgabe 35 deutlich gezeigt. Mit der neuen Vorschrift verbunden ist aber auch die Pflicht, alle Kälber mit ausreichend geeignetem Futter zu versorgen. Wird diese Pflicht nicht erfüllt, kann dies als Verstoß gegen Tierschutzvorschriften im Ordnungs- und auch im Prämienrecht geahndet werden. Dieser Mehraufwand besteht neben der erhöhten Fütterungsarbeit auch in einem höheren Verbrauch von Milch oder Milchaustauscher. Insbesondere für ökologisch wirtschaftende Betriebe besteht hier die Pflicht zur Vollmilchtränke, auch wenn die Kälber anschließend mangels aufnehmender Biomastbetriebe oft konventionell vermarktet werden müssen. Dabei sind bei drei Wochen alten Kälbern Tränkemengen von über 12 l Milch pro Tag einzuplanen, um bedarfsdeckend zu füttern.
Fazit
Die wichtigste immunologische Entwicklung des Kalbes passiert in den ersten Lebenswochen. Hier erfolgen Weichenstellungen, die sich ein Rinderleben lang auswirken. Dabei haben Kolostrumversorgung, Haltungsbedingungen und Ernährung den größten Einfluss. Eine Verschiebung des Transportalters hinein in die klassische „immunologische Lücke“ als bekannte Schwächephase wirkt daher auf den ersten Blick unlogisch. Betrachtet man aber die Entwicklung der Körperabwehr als Ganzes und nimmt auch die Ergebnisse der großen niederländischen Transportstudie von 2021 zur Kenntnis, ist zu erwarten, dass insgesamt die positiven Effekte für das transportierte Kalb überwiegen werden, wenn Haltung und Fütterung auf Herkunfts- und Aufnahmebetrieb auf einem guten Niveau sind. Ohne Risiko wird der Einkauf von Kälbern verschiedener Herkünfte dennoch nie sein, sodass feste Lieferbeziehungen langfristig immer das Ziel sein sollten.



