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Wie man Herdentieren den Stress nimmt

Schweine aktuell: Low-Stress-Stockmanship im Schweinestall
Von Dr. Ariane Horst, Janna Fritz, Landwirtschaftskammer SH
Ronald Rongen beim Seminar zu Gast in Futterkamp. Foto: Janna Fritz

Am 31. August hatte das Verbundprojekt Netzwerk Fokus Tierwohl gemeinsam mit der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein zum Seminar „Low-Stress-Stockmanship im Schweinestall“ im Lehr- und Versuchszentrum (LVZ) Futterkamp eingeladen. Im Folgenden ein Erfahrungsbericht, worauf die Tiere positiv oder negativ reagieren.

Referent war Ronald Rongen, seines Zeichens Tierarzt und Verhaltensforscher aus den Niederlanden, der die Methode des Low-Stress-Stockmanship (LSS) auf landwirtschaftlichen Betrieben und auf Schlachthöfen schult.

LSS stammt aus den USA und heißt frei übersetzt „stressarmer Umgang mit Herdentieren“. Ziel ist es, den Umgang mit den Tieren so zu gestalten, dass die natürlichen Verhaltensweisen genutzt und berücksichtigt werden können und so weniger Stressfaktoren für das Tier entstehen und die Unfallgefahr für den Menschen minimiert wird. Vor allem beim Mastschwein ist die Auswirkung von Stress auf die Mastleistung und Fleischqualität hinreichend erforscht. Aber auch im täglichen Umgang mit den Sauen und Aufzuchtferkeln kann unfachmännisches Treiben zu Stress führen, der sich negativ auf die Gesundheit und Leistung der Tiere auswirkt.

Fluchtzone und Balancepunkt

Die Fluchtzone des Schweins ist tier- und situationsabhängig. Intention des Schweins ist bei seiner individuellen Fluchtzone immer der „sichere“ Abstand zum Tierbetreuer. Es lässt sich beobachten, dass die Tiere eine Art 360°-Kreis um sich herum als Fluchtzone schaffen, unabhängig davon, ob sie alleine oder in der Gruppe sind. An oberster Stelle steht für ein Schwein aber immer der Anschluss an die Gruppe, weil der Herdeneffekt dem Tier Sicherheit gibt. Deshalb ist es einfacher, eine Gruppe von Schweinen zu bewegen als ein einzelnes Tier von der Gruppe zu selektieren.

Der Balancepunkt des Schweins bestimmt die Richtung und den Richtungswechsel und kann im Zusammenhang mit der Fluchtzone für den treibenden Menschen genutzt werden, um das Tier in die gewünschte Richtung zu bewegen, ohne unnötig körperlichen Druck auszuüben.

Das Schwein verlässt sich bei der Fortbewegung und der Orientierung in erster Linie auf sein Gehör und seinen Geruchssinn. Das Sehvermögen spielt bei der Orientierung nur eine untergeordnete Rolle.

Schweineverhalten: Fluchtzone, Balancepunkt und blinder Fleck beim Schwein. Quelle: Ronald Rongen

Hören, Riechen und Sehen

Laute metallische Geräusche, wie das Aufeinanderschlagen von Werkzeug und Metall, weckt zwar die Neugier der Tiere, erzeugt aber unnötigen Druck, der zu Stress führen kann. In dem Fall kann man beobachten, wie alle Tiere zusammenzucken, die Ohren und den Kopf alarmiert aufrichten, die Augen weit aufreißen und Spannung in den ganzen Körper kommt. Hohe, helle Töne sind im Gehirn der Schweine mit Gefahr und Anspannung verknüpft (zum Beispiel das Schreien der Ferkel beim Hochheben oder das Schreien der Sauen während eines Rangkampfes). Tiefe, brummende Töne hingegen zeigen die Tiere in entspannten Situationen (etwa Grunzen der Sau während des Säugens). Andere, weniger intensive akustische Reize, wie zum Beispiel eine Rassel oder ein Shaker-Paddel können als Hilfsmittel verwendet werden.

Für den visuellen Reiz kann ein „Matadorencape“ als Abgrenzung dienen. Gelbe Gegenstände dienen ebenso als Hilfsmittel. Die Farbe Gelb wird von nahezu allen Herdentieren als Warnung empfunden. Hintergrund sind die in der Natur vorkommenden gelben Giftpflanzen und giftigen Tiere, die meist auch die Farbe Gelb als Warnsignal tragen.

Ohne Druck in Bewegung bleiben

Schweine bewegen sich in der Gruppe kreisend um den Tierbetreuer, der sich der Gruppe nähert. Diesen Bewegungsfluss halten sie aufrecht und orientieren sich dabei an den vorderen Tieren. Ohne Druck und Lärmäußerungen kann der Tierbetreuer diesen Fluss nutzen, um die gewünschte Richtung der Tiere einzuschlagen. Vereinfacht wird dies zusätzlich durch eine reduzierte Gruppengröße, wodurch sich die Tiere locker verteilen und so weniger Einzeltiere durch das Querstellen den Weg versperren.

Ein Zurückweichen, Sich-Sträuben und Erstarren, genauso wie der Versuch, am Tierbetreuer vorbeizulaufen, lassen nach Rongen auf eine Angstreaktion und Stress schließen.

Haltung auf Stresspotenzial überprüfen

Rongen betont, dass es immer eine Ursache gebe, wenn Schweine zögernd liefen oder ganz blockierten. Es sei die Aufgabe des Tierbetreuers, diese Ursachen ausfindig zu machen und die Stalleinrichtung auf potenzielle Stressquellen zu prüfen. Als Beispiele für solche Hindernisse nannte der Verhaltensforscher für das Tier unbekannte Bodenstrukturen, Gegenstände (Schaufel), Gullideckel, extreme Licht-Schatten-Verhältnisse und so weiter. Auch die Anwesenheit zusätzlicher Personen kann das Verhalten der Schweine stark beeinflussen. Ebenso kann das Herausführen der Schweine aus vollen Ställen durch enge Türen und Tore ein Hindernis darstellen. Durch das Reduzieren der Gruppengröße kann das Treiben erheblich vereinfacht werden. Je häufiger aber ein Kontrollgang mit intensiver Tierbeobachtung in den Buchten erfolgt, desto weniger ausgeprägt ist das Fluchtverhalten der Schweine. Auch das Treiben nach der LSS-Methode kann bei den Kontrollgängen in der Bucht praktiziert und so von den Schweinen erlernt werden. Dies kann beispielsweise beim Verladen das Treiben der Tiere für alle Beteiligten vereinfachen.

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