„Der Wald ist ein Ort, dessen Heilkräfte sich auf wunderbare Weise direkt auf unseren Körper und Geist auswirken“, weiß Dr. Hannelore Zapp-Kroll. Als klinische Waldtherapeutin bietet sie zertifizierte Führungen durch das Grün an. Bauernblattreporterin Silke Bromm-Krieger war mit ihr in einem Waldgebiet im Hamburger Westen unterwegs.
Ein Sonntagmorgen, norddeutsches Schmuddelwetter, 12 °C Lufttemperatur. Regen tropft leise vom grünen Blätterbaldachin auf uns herab. Es riecht würzig nach Moos, Pilzen und Holz. Wir atmen tief durch, tauchen in die friedvolle Atmosphäre des Waldes ein. Rechts schlängelt sich ein plätschernder Bach entlang. Erlen, Buchen, Birken und Eichen säumen den Weg. Nach ein paar Minuten erreichen wir eine idyllische Lichtung. „Hier lege ich bei meinen Führungen einen Zwischenstopp ein. Ich erkläre, was die klinische Waldtherapie ist, und die Teilnehmer stellen sich vor“, bemerkt Hannelore Zapp-Kroll. Die Fachärztin für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie im Ruhestand ist eine von bisher fünf zertifizierten klinischen Waldtherapeuten in Deutschland. Über 40 Jahre war sie in einer Klinik und eigener Praxis tätig. „Da war ich den ganzen Tag drinnen. Dass ich jetzt viel draußen sein kann, macht mich froh“, erzählt sie mit einem Strahlen im Gesicht.
Wissenschaftlich belegt
Die klinische Waldtherapie sei ein wissenschaftlich belegtes Heilverfahren mit präventiver und therapeutischer Wirkung. Sie habe ihre Wurzeln in Japan, wo sie seit Jahrzehnten eine anerkannte Therapieform und wirksame öffentliche Gesundheitspraxis sei. „Dort entstand dafür der Begriff Shinrin Yoku, das heißt übersetzt: eintauchen in die Waldatmosphäre. In den 1980er Jahren entwickelte das japanische Landwirtschaftsministerium in Zusammenarbeit mit Ärzten dieses Konzept für gestresste Großstädter“, informiert sie. Mittlerweile sei es auch in Deutschland angekommen.
Die International Nature and Forest Therapy Alliance Germany, kurz Infta Germany, die sich 2021 gründete, hat sich zum Ziel gesetzt, die klinische Waldtherapie als wissenschaftlich anerkanntes Naturheilverfahren in Deutschland zu etablieren. Infta möchte, dass es sie zukünftig auf Rezept gibt. Dafür ist der gemeinnützige Verein zusammen mit der Charité Berlin an einem Forschungsprojekt beteiligt. Die Fördermittel wurden über den Waldklimafonds durch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft bereitgestellt. Das Ergebnis der laufenden Studie an verschiedenen Standorten wird zum Jahresende erwartet. Auch Zapp-Kroll nahm mit mehreren Probandengruppen daran teil. Sie engagiert sich bei Infta Germany, ist hier als Beisitzerin im Vorstand tätig. „In der klinischen Waldtherapie gehen wir nicht nur in den Wald. Es kommen gezielt körperliche, sensorische und mentale Übungen zur Anwendung. Diese führen nachweislich zur Regulation von Atmung, Puls und Blutdruck. Sie bauen Stress ab, stärken das Immunsystem sowie unser Wohlbefinden“, zählt die Medizinerin auf. Der Waldaufenthalt könne sogar natürliche Krebs-Killerzellen im Körper aktivieren. Möglich machten dies unter anderem sogenannte Phytonzide. Bäume bildeten jede Menge solcher Substanzen, um sich vor Krankheitserregern und Schädlingen zu schützen. „Bei einem Aufenthalt im Wald nehmen wir diese Stoffe über die Atmung und die Haut auf, was heilsam für uns ist“, betont sie.
Mit allen Sinnen
Aber genug der Theorie, weiter geht’s, einen schmalen Trampelpfad hinauf. „Jetzt erreichen wir gleich den Liebesbaum“, macht es Zapp-Kroll spannend. „Ist er nicht entzückend?“ Eine Lärche und eine Buche haben sich mit ihren kräftigen, hochgewachsenen Stämmen kunstvoll ineinander verwoben. Unter ihren Wipfeln ist der ideale Ort, um verschiedene Körperübungen durchzuführen und alle Sinne zu aktivieren: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten. Mit den Händen fahren wir der Struktur einer Baumrinde nach, wir schnuppern an einem Baumstamm, zerreiben ein Blatt leicht zwischen den Fingern. „Jeder kann seine ganz eigenen Erfahrungen machen. Hier muss niemand einen Baum umarmen“, stellt die Expertin schmunzelnd heraus. Eine nächste Übung folgt, bei der das langsame Gehen, allein und in Stille, im Mittelpunkt steht. „Jetzt ist die Möglichkeit, bei sich zu sein“, ermuntert sie. Es gehe bei ihren Führungen eben nicht darum, effizient und schnell viele Schritte zu machen, sondern herunterzufahren und zu entschleunigen, die Gerüche, Geräusche und Farben des Waldes bewusst wahrzunehmen, sich mit der Natur zu verbinden und im Hier und Jetzt zu sein. Mit etwas Abstand voneinander gehen wir deshalb weiter. Tatsächlich, die Gedanken kommen zur Ruhe. Wie Wolken ziehen sie vorüber.
Allmählich geht der Mischwald in einen Nadelwald über. Hier ist der Boden mit Moos bedeckt. Der dichte Teppich federt unter den Füßen leicht nach. Fliegenpilze und Stockschwämmchen sprießen heraus. Es duftet modrig. Die Stimmung des Waldes wechselt, sie hat plötzlich etwas Zauberhaftes, Geheimnisvolles, Verwunschenes.
Während ihrer Gruppenführungen würde Zapp-Kroll jetzt mit den Teilnehmern noch ein bisschen durchs Waldgebiet streifen, bis hin zur sogenannten Lärcheninsel, wo dicht bemooste und einige abgeholzte Baumstämme stehen. „Zum Ende unserer Tour, nach etwa drei Stunden, zelebrieren wir eine japanische Teezeremonie“, verrät sie. Bei dem nassen Wetter heute schlägt sie jedoch vor, das Abschlussritual in eine nahe Waldschänke zu verlegen. Gesagt, getan. Mit einem wärmenden Becher Tee in der Hand sprechen wir abschließend über die Frage, warum es nicht ausreicht, einfach nur im Wald spazieren zu gehen. Wieso braucht es die klinische Waldtherapie?
Positiver Effekt
Hannelore Zapp-Kroll bekräftigt, dass die frische Waldluft und die Bewegung selbstverständlich gut für den Menschen seien, auch ohne geführt zu werden. „Wenn Sie allein gehen, nehmen Sie aber immer das eigene Kopfkino und das eigene Tempo mit. Bei der klinischen Waldtherapie geben Sie die Verantwortung für Zeit und Raum an die Therapeutin oder den Therapeuten ab. Sie lassen los, entschleunigen und werden so frei für neue Sinneserfahrungen. Dadurch vertieft sich das Naturerlebnis auf besondere Weise, und Sie profitieren umso mehr von den positiven Effekten des Waldes.“
Info
Die Infta Germany befindet sich noch im Aufbau. Zukünftig will der gemeinnützige Verein sein Konzept weiter ausbauen, Waldbesitzer mit ins Boot holen und die Ausbildung von klinischen Waldtherapeuten vorantreiben.
Mehr Infos unter infta.org
Kontakt für Anfragen:
secretary@infta.net oder
dr.zapp-kroll@infta.org




