Das vergangene Jahr hinterließ erneut viele Flächen in Schleswig-Holsteins Wäldern, die nun zu
einem Neuaufbau anstehen. Die wichtigste Ursache hierfür waren die Starkwindereignisse im Februar 2022, die vor allem den Süden Schleswig-Holsteins trafen. Aber auch andere Waldschäden führten landesweit zu Baum- und Bestandesverlusten.
Dabei spielte vor allem der erneut sehr trockene und warme Witterungsverlauf im Sommer eine entscheidende Rolle. Größe und Zahl der nun wieder aufzuforstenden Flächen im Wald sind für die Waldbesitzenden eine echte Herausforderung.
Das Absterben von Bäumen, Baumgruppen oder ganzen Waldbereichen ist in aller Regel auf eine Kombination unterschiedlicher Stressfaktoren für die Bäume und meist ein oder mehrere akute Schadereignisse zurückzuführen, gegen die sich die Bäume nicht mehr wehren können. Selbst Stürme bis Orkanstärke treffen gesunde, gemischte Wälder mit guter Durchwurzelung aller Bodenschichten meist deutlich weniger stark als einschichtige Reinbestände mit deutlich geringerer Widerstandsfähigkeit.
Schadergebnis 2022
Daher wurde der größte Teil der im vergangenen Jahr im Schleswig-Holsteiner Privat- und Kommunalwald erfassten Schadholzmengen und entwaldeten Flächen auch aus weniger stabilen, bereits vorgeschädigten Wäldern oder naturfernen Nadelbaumreinbeständen gemeldet. Erwartungsgemäß waren die abiotischen Ursachen, vor allem Starkwindereignisse wie die Februarorkane, aber auch Trockenheit und Hitzefolgen besonders schädlich. Sie führten zu gut 245.000 fm Nadelschadholz und etwa 13.400 fm Laubschadholz. Schäden biotischer Ursache wurden mit rund 39.300 fm Nadelholz und 21.700 fm Laubholz angegeben.
Besondere Bedeutung kommt hier den Schadursachen Buchdrucker an Fichte, Fichten-Röhrenlaus, Eschentriebsterben und weiteren pilzlichen Erkrankungen zu. Insgesamt beläuft sich die Schadholzmenge im Privat- und Kommunalwald Schleswig-Holsteins 2022 auf über 284.000 fm Nadelholz und über 35.000 fm Laubholz. Diese Mengen fallen zwar deutlich weniger dramatisch aus als im Rest der Bundesrepublik, liegen aber trotzdem im vierten Jahr in Folge deutlich über dem Jahresdurchschnitt für Schleswig-Holstein.
Abbildung 1 zeigt den Anteil der Schadholzmengen aus dem Privat- und Kommunalwald in Schleswig-Holstein im Vergleich zur üblichen, regulären Holznutzung einschließlich aller Pflegeeingriffe zwischen 2019 und 2022. Für 2023 wird mit weiteren Folgeschäden in einer Größenordnung von zusätzlichen 43.000 fm durch Käfer und Pilze sowie 18.000 fm durch Stürme und langfristige Trockenschäden gerechnet. Erste Windwürfe im Februar störten bereits die Wiederaufforstung durch Behinderung der Schutz- und Pflanzarbeiten.
Nach wie vor muss von einem Feuchtigkeitsdefizit in den Böden, vor allem im Wurzelbereich zwischen 0,5 und 1,5 m unter der Oberfläche, ausgegangen werden. Die Klimadaten des Deutschen Wetterdienstes zeigen, dass 2022 mit den sieben vorangegangenen Jahren zu den europaweit wärmsten zählte und in Deutschland das sonnigste Jahr seit Messbeginn war. Schleswig-Holstein schloss 2022 mit einer Jahresmitteltemperatur von 10,2 °C und einer Niederschlagssumme von 732 l/m² ab, wobei der Südosten besonders stark vom langjährigen Mittel abwich. Insgesamt war das Jahr landesweit 1,9 K wärmer und 7 % trockener als das langjährige Mittel.
Im Spätherbst 2022 wurde eine ungewöhnlich starke Schwarmaktivität der Frostspannerarten in Alteichenbeständen beobachtet. Diese könnten im Mai starke Fraßschäden erleiden, sofern der Schlupf der Raupen zeitgleich mit dem Blattaustrieb der Eichen erfolgt und damit eine Koinzidenz gegeben ist. Außerdem kann in diesem Jahr mit einem erneuten Anwachsen der möglichen Schaderreger in Forstkulturen wie der Kurzschwanzmäuse oder des Großen Braunen Rüsselkäfers gerechnet werden.
Die Überwachung dieser möglichen Schäden ist im Sommer sehr wichtig, um Kulturausfälle frühzeitig zu erkennen und Gegenmaßnahmen ergreifen zu können. Wo es nötig ist, muss auch die aufkommende Konkurrenzvegetation im Zuge von Kulturpflegemaßnahmen zurückgeschnitten werden, um die neue Waldgeneration zu sichern.
Dabei sollte aber unbedingt beachtet werden, dass Begleitvegetation in Jungwüchsen auch positive Wirkungen haben kann. Leichter Schatten und verringerte Windgeschwindigkeiten in Bodennähe tragen oft zu einer höheren Luftfeuchtigkeit für die Jungpflanzen bei. Es geht nicht darum, dass Kulturen „sauber“ aussehen und man nur die gewünschten Jungbäume des neuen Waldes sieht, sondern dass diese sicher an- und aufwachsen können.
Stabile Wiederaufforstung
Nach dem extremen Trockenjahr 2018 wurden in Schleswig-Holstein von 2019 bis 2022 Wiederaufforstungen von gut 605 ha aus Mitteln der Gemeinschaftsaufgabe zur Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes (GAK) gefördert. Hiervon waren 75 % Laubbaumkulturen und 25 % Nadel-Laub-Mischkulturen mit mindestens 40 % Laubbäumen. Hinzu kommt eine nicht erfasste Fläche, die vom Waldbesitz ohne Inanspruchnahme der Förderung wieder aufgeforstet wurde. Für 2023 geht die Forstabteilung der Landwirtschaftskammer von einem Flächenumfang zur Wiederbewaldung im Privat- und Kommunalwald von weiteren etwa 200 ha aufgrund der Schäden von 2022 aus. Die Entwicklung der notwendigen Wiederaufforstungsfläche im Privat- und Kommunalwald des Landes zeigt die Abbildung 2.
Eine zukunftsorientierte Wiederaufforstung muss die erwarteten Klimaveränderungen berücksichtigen. Das heißt, dass der neu angelegte Wald wenig stressanfällig, dafür aber möglichst anpassungsfähig sein sollte. Dies kann durch die Berücksichtigung einiger Grundanforderungen erreicht werden:
– Heimische, bewährte Baumarten bilden das ökologische Grundgerüst des neuen Waldes.
– Weitere unter Berücksichtigung der erwarteten Klimaänderungen standortgerechte Baumarten erweitern die Vielfalt der Bestände.
– So begründete Mischbestände können den Boden optimal erschließen, sich gegenseitig stützen und den möglichen Ausfall einzelner Arten ausgleichen.
Die in Schleswig-Holstein nicht heimischen Nadelbaumarten sollten keinesfalls mehr im Reinbestand angebaut werden, da diese ökologisch sehr naturfernen Waldformen einem hohen Bestandesverlustrisiko unterliegen. Bei passenden Standortverhältnissen können sie aber ein vor allem ökonomisch wichtiger Bestandteil zukünftiger Mischbestände sein.
Die auf fast allen Standorten in Schleswig-Holstein dominierende Rotbuche befindet sich hier bislang in ihrem ökologischen Optimum. Allerdings leidet diese Baumart unter den erwarteten Klimaänderungen besonders stark. Daher wird eine angemessene Berücksichtigung der Rotbuche in fast allen Neukulturen unter Beimischung oder sogar Dominanz möglicherweise klimastabilerer Baumarten empfohlen.
In Schleswig-Holstein kommt der Stieleiche bei der Aufforstung von Freiflächen eine besonders große Bedeutung zu. Allerdings zeichnet sich derzeit bereits ab, dass für die laufende Pflanzsaison die entsprechende Baumschulware knapp wird. Die Eiche ist ein gutes Beispiel für einen Zielkonflikt: Einerseits sollte der Saat von Bäumen in Zukunft mehr Aufmerksamkeit zukommen, da gesäte Bäume ein ungestörtes und damit optimales Wurzelwachstum haben – und die Herausforderungen durch Sturm und Trockenheit erfordern das bestmögliche Wurzelwachstum. Andererseits stellt die Anzucht in der Baumschule die höchstmögliche Ausbeute aus knappen Saatgutressourcen dar – und die Forstwirtschaft benötigt zunehmend mehr Vermehrungsgut.
Daher sollte auch überall dort, wo es zielführend ist, die natürliche Verjüngung von Nachbar- und Vorbeständen in den Wald der Zukunft einbezogen werden.
Vorbereitung der Flächen
Auch die Vorbereitung der Wiederaufforstungsflächen ist im Zusammenhang mit Waldschutzaspekten zu beurteilen. Je intensiver die nach einer Kalamität zurückbleibenden Kronen, Äste und Stubben zum Beispiel durch Mulchen zerkleinert werden, umso einfacher sind Pflanz- und nachfolgende Pflegemaßnahmen.
Diese Erleichterung wird aber teuer erkauft: Die intensive Flächenvorbereitung führt zu hohen Kosten. Eine vollflächige Befahrung verdichtet den Boden und stört die empfindliche Porenstruktur, die für die Wasserhaltekraft unerlässlich ist. Das zerkleinerte organische Material wird schnell umgesetzt, was zu Nährstoffverlusten führen kann. Totholzstrukturen auf der Fläche führen zu einer Windberuhigung und stellen einen wertvollen Lebensraum dar. Sofern dieser Lebensraum nicht zur Massenvermehrung möglicherweise forstschädlicher Organismen, vor allem Borkenkäfer, führt, sollte er erhalten bleiben, da die Biodiversität auf der Fläche Grundlage der ökologischen Stabilität ist.
Ein Erhalt von Totholz auf der Wiederaufforstungsfläche kann zum Beispiel dadurch erreicht werden, dass von den Rückegasse aus von einem Bagger Pflanzstreifen gezogen werden.
Zur Bewältigung der Folgen von Extremwettereignissen stehen Fördermittel zur Verfügung. Diese sind als Anteilfinanzierung an konkrete Projekte des Waldschutzes und der Wiederaufforstung gebunden. Um für die Zukunft möglichst stabile Waldökosysteme zu erhalten, unterliegen die förderfähigen Projekte klaren Vorgaben. Dies sind zum Beispiel die angemessene Berücksichtigung standortheimischer Laubbaumarten in der Wiederaufforstung oder der Ausschluss von Pflanzenschutzmitteleinsätzen in der Waldschutzförderung. Aufgrund einer noch nicht gesicherten Fördermittellage ab 2024 wird dringend empfohlen, noch in der laufenden Pflanzsaison möglichst viele Aufforstungsvorhaben abzuschließen.
Fazit
In den vergangenen Jahren und insbesondere im durch die Februarstürme geprägten Jahr 2022 sind viele Freiflächen im Wald entstanden. Wetterextreme und Insekten-Massenvermehrungen hinterließen auch in Schleswig-Holstein ihre Spuren. Die Wiederbewaldung dieser Schadflächen ist eine große Herausforderung, in der den erwarteten Klimaveränderungen durch eine bestmögliche ökologische Stabilität der neuen Waldbestände begegnet werden muss. Hierzu kann auch gehören, bei der Flächenvorbereitung mehr Mut zur „Unordnung“ zu zeigen. Ein Umbau zu strukturreichen, gemischten Wäldern erfordert Arbeit, Zeit und Geld, aber nicht zwingend die Wiederaufforstung „aus einem Guss“.




