„Totgesagte leben länger“ – eine Redewendung, die auf die Zulassungsposse des Pflanzenschutzmittelwirkstoffs Glyphosat perfekt passt. Zur Erinnerung: Am 4. September 2019 erklärte die damalige Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU), dass Glyphosat – ungeachtet der vorliegenden wissenschaftlichen Bewertungen – „politisch ein totes Pferd“ sei. Im Rahmen des Aktionsprogramms Insektenschutz hatte die Bundesregierung den Glyphosat-Ausstieg Ende 2023 beschlossen. Entsprechend ist laut Pflanzenschutzanwendungsverordnung in Deutschland ab 2024 ein Verbot vorgesehen.
Klöckner bezeichnete eine erneute Verlängerung der Zulassung des Wirkstoffs auf EU-Ebene über 2023 hinaus als „nicht vorstellbar“. Mit dieser Einschätzung lag sie jedoch aller Voraussicht nach daneben. Die EU-Kommission hat nämlich vergangene Woche vorgeschlagen, die Zulassung des Pflanzenschutzmittelwirkstoffs um zehn Jahre zu verlängern. Dieser Vorschlag basiert auf der Risikobewertung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa), nach der aus wissenschaftlicher Sicht keine grundsätzlichen Bedenken gegen eine erneute Zulassung bestehen.
Die Efsa-Experten räumen zwar ein, dass nicht alle Fragen abschließend hätten geklärt werden können. Hierzu gehörten Aspekte des ernährungsbedingten Risikos für die Verbraucher sowie die Bewertung der Risiken für die Wasserpflanzen. Zudem fehlten Informationen über die Toxizität sogenannter Cocktail-Effekte. Dennoch bleibt festzuhalten, dass Glyphosat bereits seit 1974 eingesetzt wird und einer der am besten untersuchten Wirkstoffe der Welt ist.
Ungeachtet der Efsa-Bewertung wirbt Deutschland auf europäischer Ebene weiter für einen Ausstieg aus der Anwendung von Glyphosat. Das stellte Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) auf Bauernblatt-Nachfrage bei der Vorstellung der Beschlüsse der Agrarministerkonferenz in Kiel klar. Aus seiner Sicht ist das Thema Biodiversität in der Bewertung der Efsa nicht ausreichend berücksichtigt worden.
Tatsächlich kritisiert beispielsweise der Naturschutzbund Deutschland beim Einsatz von Glyphosat den flächendeckenden Verlust von Nahrungsvorkommen für Insekten und Vögel in der Agrarlandschaft. Ob aber eine wendende Bodenbearbeitung die bessere Alternative ist, darf zumindest bezweifelt werden, zumal mit einer intensiveren Bodenbearbeitung mehr Verdunstung, eine höhere Erosionsgefahr und mehr klimaschädliche Emissionen verbunden sind.
Özdemir ließ in Kiel offen, ob er die Pflanzenschutzanwendungsverordnung anpasst, sofern eine Mehrheit der Mitgliedstaaten in den kommenden Wochen für eine Glyphosat-Verlängerung votieren wird. Ein deutscher Verbotsalleingang wäre jedoch ein klares Misstrauensvotum an die wissenschaftsbasierte Einschätzung der Efsa und würde das Vertrauen in die Fachlichkeit politischer Entscheidungen erschüttern. Das „Pferd Glyphosat“ ist nachweislich genesen und gut auf Trab.




