„Der Ostsee geht es schlecht, das wissen wir alle.“ Dieser Aussage von Umweltminister Tobias Goldschmidt (Grüne) und dem Fazit daraus, dass dringend etwas zum Schutz der Ostsee getan werden muss, wird kein verständiger Mensch widersprechen – und das tut auch keiner. Die als selbstverständlich daraus gezogenen Schlussfolgerungen auf dem Naturschutztag in Neumünster müssen jedoch, gelinde gesagt, irritieren. In einem Heimspiel vor mehr als 700 Unterstützern wurde in den Holstenhallen in Neumünster ein Nationalpark Ostsee als unabdingbare Voraussetzung für die Rettung der Welt (sic!) gefeiert. Skeptiker oder Gegner des Projektes wurden auf der Bühne als lautstark, verstockt und unwissend geradezu verspottet. Wer von diesen – wenn auch in geringer Anzahl – anwesend war, hielt sich dezent zurück. Auf dem Podium spielte man sich unverdrossen die Bälle zu, Kritiker waren dort nicht eingeladen.
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Hingegen zeigte der umfangreiche Konsultationsprozess im Vorfeld ein anderes Bild. Im abschließenden Verzahnungsworkshop hätten sich rund 80 % gegen einen Nationalpark ausgesprochen, berichten Teilnehmer. Dabei seien vielfältige Sachargumente ins Feld geführt worden, wovon die Kosten einer Nationalparkverwaltung angesichts knapper Kassen noch das geringste Problem seien. Räumung von Altmunition: nicht in der Zuständigkeit eines Nationalparks. Nitratbelastung der Ostsee: kommt maßgeblich über die Zuflüsse, die nicht in der Kulisse liegen, und muss über andere Maßnahmen angegangen werden. Zu schwache Bestimmungen der bestehenden Schutzgebiete: werden aus Mangel an Personal und Geldmitteln nicht ausreichend durchgesetzt. Dass Freiwilligkeit allein nicht voranbringt, weil es immer Leute gibt, die sich nicht daran halten, ist richtig. Es gibt aber durchaus Hebel, den Schutz zu verbessern, ohne die Anwohner in ihren berechtigten Interessen zu verstören oder zu behindern, sie müssen nur konsequent genutzt werden.
Bezüglich dieser Interessen zeigt sich die Argumentation der Nationalpark-Akteure widersprüchlich. Einerseits wird beteuert, ein Nationalpark schade nicht dem Tourismus, dem Wassersport, der Wirtschaft. Man könne (fast) alles weitermachen wie bisher, ausgenommen vielleicht in der Fischerei. Warum überhaupt neue Bestimmungen, angeblich lebenswichtig, wenn „gar nicht schlimm“? Wenn es kein scharfes Schwert ist, warum es dann schwingen? Das weckt Skepsis.
Tief sitzt die Sorge, es könnten, wenn einmal eingerichtet, über einen Nationalpark später stärkere Beschränkungen erlassen werden. Ein Beispiel aus dem Schwarzwald spricht Bände: Nach stark gewachsener Akzeptanz im Land wurde dort eine Flächenerweiterung als Lückenschließung anvisiert, die – oh Wunder – wieder eine Gegenbewegung wachrief. Wie erstaunlich auch, dass die anrainenden Gemeinden diese hohe Akzeptanz nie teilten! Und mögen andere Nationalparke „Erfolgsmodelle“ sein, wie es im Titel des Naturschutztages hieß: Die Ostseeküste als Siedlungs- und Wirtschaftsraum ist nicht vergleichbar mit einem Waldgebirge, ja noch nicht einmal mit dem Wattenmeer an der Westküste. Da werden Äpfel mit Birnen verglichen.
Die Schlussfolgerung, die gezogen wird, ist besonders fatal: Man müsse die Menschen „mit dem Herzen erreichen“, ihnen nahebringen, dass ein Nationalpark „unverzichtbar ist, um der Menschheit eine lebenswerte Welt zu sichern“. Im Umkehrschluss heißt dies: Wer gegen den Nationalpark ist, verhindert die Rettung der Welt.
Emotionen sind wichtig und gehören zu einem Meinungsbildungsprozess. Wenn sie die Federführung über Argumente gewinnen, wird die Auseinandersetzung zu nichts anderem als zu Agitation.



