Jazz scheint so beliebt zu sein wie nie zuvor: volle Hallen bei den Hauptkonzerten im Maritim Hotel, Stuhlbesetzungen eine Stunde vor Beginn auf der Open-Air-Bühne – und drängelnde Schlangen vor dem Jazz Café, wo nicht alle Hörwilligen Platz fanden. Die Jazz Baltica in Timmendorfer Strand knackte Rekorde. Der Bauernblatt-Reporter hat zwei Auftritte besucht.
Jazz verbindet – so das immer wiederkehrende Mantra vieler Musiker. Wo es keinen Eintritt kostete, auf der Open Air Bühne und in der Rotunde, war das nicht immer der Fall. Da konnte schon mal ein heftiger Wortwechsel mit den Ordnern oder untereinander wegen Drängelei ausbrechen. Das schwül-warme Wetter tat ein Übriges zur Gereiztheit, hielt aber die Leute keineswegs davon ab, sich lange vorher einen Platz zu sichern und darauf auszuharren – Reservierungsversuche mit Klamotten am Stuhl sinnlos. In die Rotunde kam der Reporter nur für einen schnellen Fotoschuss hinein und wieder hinaus – so viel zu seinem „dritten“ Konzert!
„Noch nie waren unsere kostenfreien Open-Air-Konzerte so gut besucht“, freut sich „riesig“ der Festivalleiter Nils Landgren. Das hatte nicht nur Vorteile. Insgesamt waren rund 18.000 Gäste gekommen.
Dafür waren die beiden vom Autor besuchten Konzerte auf der Hauptbühne aller Mühen wert. Lyrisch stieg die Schwedin Karin Hammar auf der Bassposaune ein. Erinnerte ihre Skala anfangs noch etwas an Jagdhornbläser, so verließ sie diese bald temporeich, als sie zur Tenorposaune wechselte. Die Schweden haben es drauf, das rasante, wilde Improvisieren! Doch offensichtlich lieber noch sind ihnen melodiös verträumte Kapriolen, zarte Pizzicati am Bass und elegische Phrasierungen in melancholischem Moll. Das Quartett (Karin Hammar, Posaune, Andreas Hourdakis, Gitarre, Niklas Fernqvist, Bass, und Fredrik Rundqvist, Schlagzeug) wurde als „Four plus One“ bereichert durch die italienische Pianistin Rita Marcotulli – musikalisch bei den Nordländern beheimatet, als wäre sie immer schon dabei gewesen. Überhaupt waren die Frauen stark vertreten auf dieser Jazz Baltica, wie dem Programm zu entnehmen war, und keineswegs hauptsächlich als Sängerinnen.
Die zweite Band im Set indessen sind doch Männer und wiederum in Schweden verortet: das Tingvall Trio
(Martin Tingvall, Piano, Omar Rodriguez Calvo aus Kuba, Bass, und der deutsche Jürgen Spiegel, Schlagzeug), seit elf Jahren in gleicher Besetzung immer wieder Stammgäste auf der Jazz Baltica.
Von Anfang an bauen sie einen stabilen Tonraum, in dem sich das Ohr sicher bewegen kann, die Grenzen ausloten, ohne abzustürzen. Eine Figur rankt sich um einen einzelnen Ton, unentwegt am Piano angeschlagen: das Stück heißt „Specht“. Bei „Birds“ streicht der Bass mit dem Bogen die Flügel und hebt in lieblichen Sexten zum Klavier ab – es muss ein großer Vogel sein. Wenige Jazzbands spielen wie diese auch ab und zu in Dur.
Zum Abschluss ein „SOS an die Welt, ein SOS an uns alle“ um das Morsesignal herum, am Bass gezupft, während eine sich drehende Weltkugel projiziert wird. „Vieles in der Welt läuft gerade nicht so schön wie in diesem Raum“, findet Martin Tingvall.




