Nähmaschinen rattern, auf mehreren Tischen liegen Stoffe, Schnittmuster, Nadeln, Maßbänder und Scheren, Bügeleisen dampfen, es herrscht ein geschäftiges Treiben in einem Haus im Hofkoppelweg in Hanerau-Hademarschen. Hier näht ein Team von zehn Frauen aus dem Ort unter der Anleitung und Mithilfe von Kostümbildnerin und Gewandmeisterin Hermine Seifert aus Hamburg die Kostüme für das diesjährige Schimmelreiter-Theaterfestspiel auf Gut Hanerau.
Ein Ort spielt seinen Schimmelreiter: Bereits vor elf Jahren begeisterten die Hademarscher drei Jahre in Folge (2013 bis 2015) mit ihren Schimmelreiteraufführungen auf Gut Hanerau. In „Haukes Jugend“, „Der Junge Deichgraf“ und „Stolz und Abgrund“ standen nicht etwa ausgebildete Schauspieler auf der Bühne, sondern Einwohnerinnen und Einwohner des Ortes und der umliegenden Dörfer von Jung bis Alt. Regisseur und Autor Frank Düwel vermochte seinerzeit, mit den Laiendarstellern atmosphärisch dicht, emotional und hochprofessionell die Geschichte des Schimmelreiters in der einzigartigen Kulisse des Gutes zu erzählen. Dabei konzentrierte man sich sowohl beim Bühnenbild als auch bei den Darbietungen auf das Wesentlichste, was das Ganze noch intensiver machte. Ein besonderes Theatererlebnis, das nur möglich wurde, weil eine Heerschar Freiwilliger sich bereit erklärte, mit anzupacken und mitzuwirken, auch hinter den Kulissen.
2018 folgte mit Storms „John Riew“ eine weitere Aufführung, ebenfalls mit dem Schimmelreiter-Ensemble, bei der Hermine Seifert bereits für die Ausstattung und das Kostümbild zuständig war. Theodor Storm fand in Hanerau-Hademarschen seinen Altersruhesitz und schrieb dort bis zu seinem Tod 1888 elf Novellen, darunter auch den berühmten „Schimmelreiter“.
In diesem Jahr setzt sich nun die Tradition des Storm-Theaters fort, an einem Abend werden alle drei Schimmelreiter-Teile in einem dreistündigen Stück von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen aus Dorf und Umgebung aufgeführt. Und wieder sind es gut 100 Mitwirkende, die das Gut Hanerau in einen Festspielort verwandeln.
Zu den Mitwirkenden gehört auch das Nähteam. Alle drei Wochen kommen die Frauen in dem von der Familie Tepker zur Verfügung gestellten Haus im Hofkoppelweg zusammen, um jeweils ein Wochenende lang die Kostüme für die 35 Darstellenden des Ensembles anzufertigen. Zwar gibt es noch Kleidung aus dem Fundus der vergangenen Aufführungen, die geändert und angepasst wird. Aber für eine authentische Darbietung und für ein gelungenes Zusammenspiel der Figuren miteinander wird den Charakteren das Kostüm quasi auf den Leib geschneidert. Jeder Schnitt ist individuell auf die Darstellenden abgestimmt. Hermine Seifert ist professionelle Kostümbildnerin und Gewandmeisterin in Hamburg. Sie arbeitet seit mehr als 20 Jahren mit Regisseur und Autor Frank Düwel zusammen und weiß, was er erwartet. „Die Kostüme müssen die Geschichte unterstützen, sich an ihr orientieren, an der Zeit, der Landschaft, den gesellschaftlichen Gegebenheiten“, erklärt sie.
Storms imposante Deichnovelle um den Deichgrafen Hauke Haien spielt in der Mitte des 18. Jahrhunderts an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste. Es ist eine düstere, schwere Geschichte in einer bäuerlich geprägten Welt und mit einem tragischen Ende. „Es gibt dort die einfachen Mägde und Knechte bis hin zu den gut situierten Großbauern. Diese gesellschaftlichen Unterschiede drücken wir in den Kostümen aus. Jedes noch so kleine Detail kann dabei wichtig sein“, so Seifert. Entscheidend sei die Stofflichkeit. Die raue See, die Marschenlandschaft, die Gebäude und das einfache, oft entbehrungsreiche Leben – dafür brauche es eher schwere, dunkle Stoffe, dicht gewebtes Leinen. Diese Stoffe findet sie unter anderem in Großhandelsläden in Hamburg oder erhält Stoffspenden.
Unter der Woche entwirft sie die Kostüme nach historischen Vorlagen, fertigt Zeichnungen, Skizzen und Schnittmuster an, sucht die Stoffe aus und bringt dann alles mit nach Hanerau-Hademarschen. „Damit wir im Fluss bleiben“, erklärt sie. An einer Wand hängen Fotos von Kostümen, ein Kalender, eine Übersicht mit den Darstellerinnen und Darstellern, Ablaufpläne, auf denen festgehalten wird, wer welches Kostüm näht und in welcher Fertigungsphase es sich befindet. Strukturiertes Arbeiten sei bei einem so großen Projekt wichtig, so Seifert. Damit überhaupt Entwürfe angefertigt werden können, wurden zunächst die Maße aller Darstellenden aufgenommen. „Pro Person sind das 40 Einzelmaße.“
An dem Nachmittag sind die Kostüme der Mägde und Kleinbauern an der Reihe. Danach geht es in der Hierarchie nach oben. „Es ist ein faszinierender Prozess und ich freue mich so sehr darüber, Teil dieses Projektes zu sein. Jeder kennt die berühmte Novelle von Theodor Storm. Und nun bin ich in dem Ort, wo diese Novelle gelebt und gespielt wird, das ist schon etwas Besonderes“, so Seifert. Und auch von der Gemeinschaft und dem Engagement ihres Teams ist sie begeistert. „Alle haben Lust mitzumachen, vorhandenes Wissen beim Nähen zu teilen, Neues dazuzulernen, alle helfen sich gegenseitig und freuen sich über die Ergebnisse, jeder hier profitiert für sich. Es ist toll, was hier entsteht“, so Seifert.



