Geeignete Lieferketten werden als logistische Herausforderung für die Nahversorgung im ländlichen Raum gesehen. Die diesjährige Sitzung des MarktTreff-Beirats fand bei einem Experten für Digitalisierung in diesem Bereich statt: im neuen Logistikzentrum von Rewe Nord in Henstedt-Ulzburg nördlich von Hamburg.
„Daseinsvorsorge, verknüpft mit Zukunftsperspektive, um der Ausdünnung des ländlichen Raumes entgegenzuwirken“ – das verbindet Werner Schwarz (CDU) mit dem Konzept der MarktTreffs. Unter dem Vorsitz des Ministers für die ländlichen Räume waren 24 Beiräte und Akteure der MarktTreffs zu Rewe Nord nach Henstedt-Ulzburg gekommen, darunter Sönke Holling für den Bauernverband, Sylke Messer-Radtke für die LandFrauen und der Redakteur des Bauernblattes.
Zauberwort 24/7
Ein Erfolgsmodell, das auf Bundesebene viel diskutiert und sogar aus Österreich und Holland angefragt werde, nannte der Minister die MarktTreffs. 46 Standorte gibt es derzeit in Schleswig-Holstein, der jüngste wurde im März dieses Jahres in Glasau im Kreis Segeberg eröffnet mit Backshop und hybrid betriebenem Mini-Supermarkt „Tante Enso“. Als Nächster soll im Frühjahr 2024 ein MarktTreff in Wittenborn im Kreis Segeberg eröffnet werden, auch auf Hallig Langeness ist einer in der Umsetzungsphase. In Vorbereitung sind MarktTreffs in Neukirchen (NF), Mohrkirch (SL), Süderheistedt (HEI), Groß Vollstedt und Langwedel (RD), Hohenfelde (IZ), Gnissau (OH) und Kastorf (RZ).
Hybrid betriebene Mini-Supermärkte sind zu gewissen Zeiten mit Verkaufspersonal, sonst aber zur Selbstbedienung geöffnet und ermöglichen so einen ununterbrochenen Kundenverkehr, genannt „24/7“, was bedeutet: 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Für solche Modelle gibt es inzwischen mehrere Anbieter. Rewe Nord testet eine Version unter dem Namen „Fritz-Box“ oder „Josef-Box“ (je nachdem, wie der Betreiber mit Vornamen heißt) an fünf Standorten im südlicheren Deutschland. In Schleswig-Holstein beliefert der Konzern derzeit sieben MarktTreffs.
Noch in der Schwebe ist die Frage der Sonntagsöffnungszeiten solcher Einrichtungen in Hinsicht auf das Ladenschlussgesetz. Minister Schwarz setzt sich dafür ein, solche Modelle auch außerhalb von Gebieten unter der Bäderregelung auf eine verlässliche rechtliche Grundlage zu stellen.
Ausgezeichnete Inklusion
Inklusion ist ein weiteres wichtiges Betätigungsfeld der MarktTreffs, etwa durch die Schaffung von Barrierefreiheit, von Arbeitsplätzen für Menschen mit Behinderungen oder die Ausgestaltung des Nutzungskonzeptes und der Angebotspalette mit ihnen. Minister Schwarz wies auf entsprechende Fördermöglichkeiten hin. Mit dem Gütesiegel des Sozialverbands SoVD wurden die MarktTreffs Heidgraben und Wester-Ohrstedt dieses Jahr für derartige Innovationen ausgezeichnet. Im Dezember 2022 wurde ein Workshop bei der Lebenshilfe zu Grundlagen und möglichen Hilfen und Unterstützungen für Menschen mit Behinderungen durchgeführt. 2023 wurden ein Leitfaden, ein Flyer sowie eine Darstellung in Leichter Sprache vorbereitet.
Geeignete Lieferketten
Als besondere Herausforderung für die Nahversorgung werden geeignete Lieferketten gesehen. „Wir können nicht mit einem Schafskäse von Süderlügum nach Lauenburg fahren“, meinte Minister Schwarz. Über die Frage der Regionalität von Produkten entspann sich daraufhin eine lebhafte Diskussion. Was bedeutet „regional“, wie verwendet der Handel den Begriff und was versteht der Kunde darunter?
Für Andreas Eckelmann, Betreiber des MarktTreffs in Beidenfleth im Kreis Steinburg, ist „regional“ ein Umkreis von 15 km. Allein aus diesem beziehe er von 18 Lieferanten Produkte von Rind, Schwein und Pute, bekomme Käse, Eis, Gemüse und vieles mehr geliefert. „Wir brauchen Alleinstellungsmerkmale, der Begriff regional muss geschützt werden!“, fordert er.
Regional – ein weites Feld
Andere in der Runde wollten den Kreis nicht so eng ziehen. Für Werner Schwarz ist auch das Alte Land regional, insgesamt die Norddeutsche Tiefebene. Was vor Ort produziert werde, würde er eher als „lokal“ bezeichnen.
Dies schränkte Gastgeber Jochen Vogel, Vorsitzender der Geschäftsführung von Rewe Nord, ein: „Lokal“ sei kein bei der Kundschaft eingeführtes Schlagwort, „regional“ hingegen schon. Vogel versteht darunter etwa 50 km Umkreis. Dr. Juliane Rumpf, im Beirat für die Akademie für die ländlichen Räume sowie für den Heimatbund, schlug eine mittlere Definition vor: der nächstmögliche Produzent des betreffenden Artikels. Entsprechend sei Dithmarscher Kohl auch in weiterer Entfernung noch regional. Die Diskussion zeigte, wie unscharf der Begriff auch unter Fachleuten ist. Viel Ansehen in der Öffentlichkeit, so Vogel, habe die Marke „Unser Norden“ kaputt gemacht, unter der auch Orangensaft oder Reis verkauft worden seien.
Christian Rahe, der auf Hof Viehbrook in der Gemeinde Rendswühren im südlichen Kreis Plön einen MarktTreff betreibt und unter anderem Dam- und Rotwild hält, brachte die Transportgrenzen von Wildfleisch ins Gespräch. Der Verarbeitungsstandort dürfe nicht weiter als zwei Stunden Fahrzeit entfernt sein. Logistische Raffinesse erfordere auch ein anderer seiner Betriebszweige: Täglich liefert er rund 200 Essen an Schulen und Kitas aus, die Rückfahrten gelte es möglichst nicht mit leerem Wagen zu machen. Digitale Möglichkeiten nutze er für die Bestellung und Abbestellung über App bis 8 Uhr.
Mensch oder Maschine?
Jochen Vogel schlug als Lösung der Logistikprobleme vor, hybride kleine Flächen von größeren, zentralen Standorten aus mitzuversorgen. Er sieht seinen Konzern als Dienstleister, digitale Lösungen für den ländlichen Raum zu testen und anzubieten. „Wie viele Leute werden in zehn Jahren noch an der Kasse sitzen?“, stellte er in den Raum. Er plädierte einmal mehr für hybride Lösungen und 24/7-Modelle. Personal werde zunehmend eher in der Beratung der Kundschaft gebraucht, da wolle er auf den „menschlichen Faktor“ nicht verzichten.
Andreas Eckelmann widersprach: „Wollen wir das wirklich? Vor 20 Jahren waren nach 18 Uhr und sonntags die Läden zu, jeder hat sich darauf eingestellt, keiner ist verhungert.“ Wichtiger finde er, dass Belieferer für kleine Läden dieselben Preise anböten wie für große Abnehmer, da wünsche er sich Unterstützung. Ob er damit konkret Rewe ansprach, blieb offen.
Ein Mensch hinter dem Tresen oder eine Maschine zum Einscannen? Auch dazu herrschten verschiedene Ansichten. „Bei Ikea sind die Kassen vor den Kassiererinnen die unbeliebtesten, weil da die langen Schlangen stehen“, hieß es aus der Runde. – „Wenn wir die digitalen Möglichkeiten außer Acht lassen, verlieren wir die Menschen an die Städte“, warnte Juliane Rumpf.
Produkte mit Gesicht
„Der Kunde will ein Gesicht hinter den Produkten“, ist die Erfahrung von Christian Rahe. In diesem Sinne hat Rewe Nord Lieferantenporträts erstellt. Allerdings macht der Konzern darüber bisher nur 5 % Umsatz. Eckelmann hat bessere Erfahrungen gemacht: „Unsere Deicheier ,mit Gesicht‘ kosten dreieinhalb mal so viel wie die normalen, aber wir verkaufen drei Mal so viel.“ Letztlich, so allgemeiner Tenor, entscheide der Kunde, was er wolle und wie und wo er einkaufe. Dem müsse man sich stellen.
Eine Lehrstunde in Digitalisierung brachte die abschließende Besichtigung des neuen Logistikzentrums von Rewe Nord.




