Ocke Riewerts aus Alkersum, Kreis Nordfriesland, zeigt, dass auch kleine Betriebe große Erfolge feiern können. Der Föhrer wurde vom Weltzuchtverband für Sportpferde (WBFSH) sowohl 2021 als auch 2025 als Vielseitigkeitszüchter des Jahres ausgezeichnet. Und das, obwohl Pferde zunächst überhaupt keine Rolle in seinem Leben spielten.
„Ich wuchs zwar auf einem landwirtschaftlichen Betrieb auf, aber wir hatten damals keine Pferde, und ich fühlte mich auch nicht zu ihnen hingezogen“, erinnert sich Ocke Riewerts. Doch seinen Vater, in dessen Kindheit noch Arbeitspferde auf dem Hof eingesetzt wurden, ließ der Pferdevirus nicht los. Auf einem geliehenen Pferd wurde er 1972 Ringreiterkönig. Wenig später kaufte er sich ein Reitpferd ohne Papiere. Diese Stute brachte er mehrmals zum Hengst. „Anfang der 1980er Jahre tauschte mein Vater dann alle vorhandenen Pferde gegen die Holsteiner Stute Legenda von Sacramento Song xx ein“, berichtet Riewerts.
Immer wieder wurde er von seinem Vater in die Zucht eingebunden und entwickelte nach und nach selbst Interesse an Pferden. „Ich kaufte mir sogar eine ungerittene Stute, die ich selbst ausbildete, obwohl ich kaum Reiterfahrung hatte. Später ließ ich Unit, eine Halbschwester von Legenda, ebenfalls decken“, erzählt er.
Leider starb der Vater viel zu früh im Alter von 61 Jahren. Einer der Söhne übernahm die Landwirtschaft, während Ocke, mittlerweile zum Tischler ausgebildet, sich um die Pferdezucht kümmerte. Nach seiner Heirat zogen die Zuchtstuten auf den elterlichen Hof seiner Frau um.
Jahrhundertpferd London
Heute zieht Riewerts ein bis zwei Fohlen pro Jahr, meist aus dem Stamm 3200, aus dem auch Legenda hervorging. „Zuerst pflegte ich diesen Stamm, weil er mich an meinen Vater erinnerte. Das war Tradition und Wehmut zugleich. Schnell brachte die Konzentration auf diesen Stamm auch Erfolge.“
Das bekannteste Pferd aus Riewerts‘ Zucht ist London 52. Mit der britischen Reiterin Laura Collett holte er Siege in diversen Fünfsterneprüfungen, gewann bei den Olympischen Spielen in Tokio mit der britischen Equipe die Goldmedaille, wurde Mannschaftseuropameister im französischen Le Pin-au-Haras, krönte seine Erfolge mit Gold und Bronze in Paris und wurde in diesem Jahr Europameister in England.
London ist für den Züchter nicht nur aufgrund seiner Erfolge ein besonderes Pferd. „Seine Mutter Vernante war meine erste selbstgezogene Stute, die die Staatsprämie erhielt“, erklärt Riewerts. „Sie ist eine Enkeltochter von Legenda. Leider brachte Vernante nur zwei Fohlen, bevor sie durch einen Weideunfall starb.“
Ursprünglich wollte Riewerts nur Springpferde züchten. Dass London so viel Talent für die Vielseitigkeit mitbringt, sei eher ein Zufall gewesen. „Auf unserer Insel gibt es kaum Möglichkeiten, für Vielseitigkeit zu trainieren. Daher stand diese Disziplin damals auch nicht in meinem Fokus“, sagt er. „Durch Londons Erfolge ist jedoch die Nachfrage nach Vielseitigkeitspferden aus meiner Zucht gestiegen. Die Nachkommen von Legenda bringen sehr blütige Fohlen hervor. Deshalb versuche ich nun, zweigleisig zu fahren und durch die richtigen Anpaarungen nicht nur Spring-, sondern auch Vielseitigkeitspferde zu züchten.“
Zu den jüngsten Erfolgen gehört der 2023 gekörte Hengst Dwayne aus einer Halbschwester von Vernante. Weitere Pferde erreichten das Bundeschampionat oder gingen erfolgreich bis zur schweren Klasse im Turniersport. „Oft verliert man die Fohlen aber leider aus dem Blick“, bedauert der Züchter.
Gesundes Klima
Einen Vorteil der Pferdezucht auf Föhr sieht Riewerts darin, dass die Fohlen im gesunden Nordseeklima aufwachsen. Trotzdem gibt es besondere Herausforderungen: „Die Anbindung ist schwierig. Immer, wenn man irgendwo hinmuss, braucht man die Fähre und manchmal auch eine zusätzliche Übernachtung“, sagt der Züchter und ergänzt: „Zum Glück finden zumindest die Fohlenschauen regelmäßig vor Ort statt. Zwischen 40 und 45 Holsteiner Fohlen werden hier jährlich vorgestellt. Früher kamen auch die Pferdehändler regelmäßig auf die Insel. Heute muss man ein bisschen mehr für das Marketing tun.“
Fohlen verkauft Riewerts meist frühzeitig, da seine räumlichen Kapazitäten begrenzt sind. „Stutfohlen behalte ich manchmal, aber nur, wenn sie wirklich gut sind. Eine gute Stute zuzukaufen ist teurer als sie selbst zu züchten“, erklärt er. Gelegentlich lässt er ein Fohlen ausbilden und vermarktet es später.
Seine Familie unterstützt ihn tatkräftig: „Meine Frau Male und mein Sohn Julus stehen immer bereit, wenn ich sie brauche, zum Beispiel bei der Ernte oder wenn der Tierarzt kommt.“ Sein anderer Sohn Johannes interessiert sich etwas mehr für die Zucht und arbeitet aktiv mit. „Er hilft mir bei den täglichen Arbeiten, wie Misten und Füttern. Vielleicht übernimmt Johannes ja einmal die Pferde“, hofft Riewerts.
Tradition, Leidenschaft und der Reiz des Erfolgs treiben ihn bei der Zucht an: „Zum einen macht mir der Umgang mit den Pferden sehr viel Spaß. Sie sind einfach angenehme Tiere. Zum anderen ist es für mich immer ein besonderer Nervenkitzel, ob es mir gelingt, ein brauchbares Sportpferd zu züchten.“




