Um die monetären Verluste aufgrund von Gänsefraßschäden an der Westküste zu quantifizieren, mögliche Anpassungsmaßnahmen zu erproben und tierhygienische Fragestellungen zu beleuchten, hat das Umweltministerium (MEKUN) in Absprache mit der örtlichen Landwirtschaft in der Gemeinde Westerhever eine fünfjährige Untersuchung durch die Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein durchführen lassen. Die Ergebnisse werden hier vorgestellt.
Die Westküste ist, neben anderen Gebieten in Schleswig-Holstein, durch die Nähe zur Nordsee ein bedeutendes Rastgebiet für Gänse und weitere Vogelarten. Im Grünland kommt es insbesondere durch die große Anzahl von rastenden Nonnengänsen von Vegetationsbeginn bis etwa Mitte Mai zu Ertragsverlusten für die landwirtschaftlichen Betriebe.
Durch die exponierte Lage in der Nordsee ist speziell die Region Eiderstedt schon lange ein bevorzugtes Rastgebiet für Nonnengänse. Für die Landwirtschaft sind die stark konzentriert rastenden Gänse eine große Belastung und betriebliche Herausforderung. Außer Ackerkulturen wie Winterweizen oder Winterraps wird auf dem Grünland der hochproduktive erste Grasaufwuchs von den Nonnengänsen genutzt, sodass den Betrieben hochwertiges, energiereiches Futter für die Viehhaltung verloren geht.
Zudem kann eine starke Verkotung von intensiv genutzten Flächen beobachtet werden. Die Frage ist dabei insbesondere, ob die Verschmutzung des Futters zu Krankheiten bei den Nutztieren führen kann und ob der Verbiss und der Vertritt die Grasnarbe zusätzlich schädigen.
Versuchsflächen und -design
Der fünfjährige Versuch in den Jahren 2017 bis 2021 umfasste drei Flächen mit hohem Gänsedruck und eine Referenzfläche ohne Gänsebeweidung. 2020 und 2021 ist zudem eine weitere intensiv bewirtschaftete Referenzfläche in den Versuch einbezogen worden.
Die Flächen sind Dauergrünlandflächen im Eigentum der Stiftung Naturschutz/Ausgleichsagentur. Auf den Flächen wurde die Hälfte der Versuchsparzellen mit Körben vor Gänsefraß geschützt, die andere Hälfte war der Gänsebeweidung ausgesetzt. Als ergänzender Faktor wurden vier Düngungsintensitäten mittels Kalkammonsalpeter untersucht.
• D0: ohne Düngung (extensiv, Vertragsnaturschutz)
• D1: 80 kg N/ha zu Vegetationsbeginn (Mitte März)
• D2: 80 kg N/ha nach Abzug der Gänse (Mitte Mai)
• D3: ortsüblich intensiv, gesamt 180 kg N/ha in drei Gaben
Es wurden vier Schnitte im Jahr analog zu einem praxisüblichen Nutzungssystem manuell durchgeführt und die Massengewichte erfasst. Zudem wurden alle Proben einer Grundfutteranalyse unterzogen, um Aussagen zu den vereinbarten Ertragsparametern Trockenmasse (TM), Energie (NEL), Rohprotein (XP) und Rohfasergehalt treffen zu können. Die Ergebnisse wurden abschließend zu Jahreserträgen verrechnet und die Ersatzkosten bestimmt.
Daten zeigen Wetterextreme
Die Versuchsjahre waren von Wetterextremen bestimmt. Das Jahr 2017 war gegenüber dem langjährigen Mittel als deutlich zu nass einzuordnen, während die Jahre 2018 und 2019 von Trockenheit geprägt waren. 2017 und 2021 konnte anteilig im ersten Schnitt aufgrund wüchsiger Bedingungen eine Ernte trotz Gänseschaden erzielt werden, was die Ersatzkostenwerte verringerte. Die Ernte 2019 war durch massive Trockenschäden, noch resultierend aus dem Jahr 2018, insgesamt stark verringert.
Verluste an Trockenmasseertrag
Die ausgewählten drei Untersuchungsflächen wiesen im fünfjährigen Mittel mit 67,2 dt/ha, 61,8 dt/ ha und 60,3 dt/ha ähnlich hohe Trockenmasseerträge (TM) auf wie die Referenzfläche Norderweg mit 68,2 dt/ha (Tabelle 1). Diese Erträge sind jedoch als unterdurchschnittlich zu bewerten. Daher ist 2020 und 2021 eine weitere Grünlandfläche mit konventioneller, intensiver Bewirtschaftung einbezogen worden, die im zweijährigen Durchschnitt einen Trockenmasseertrag von 119,6 dt/ha erreichte.
Monetäre Bewertung – Ersatzkostenwert
Aus der Differenz des Jahresertrages in den korbgeschützten und den durch Gänsefraß geschädigten Varianten wurden Ersatzkostenwerte für die Bewertung des entgangenen Ertrages berechnet.
Trockenmasse: Für die Berechnung der monetären Verluste wurden ein Ersatz über Zukauf von Grassilage zugrunde gelegt und weitere Annahmen getroffen:
• Grassilage hat einen durchschnittlichen Trockensubstanzgehalt (TS) von 35 %.
• Für die Umrechnung von dt/ha in m³ Erntegut wurde angenommen, dass durchschnittlich 1 m³ Grassilage 5,5 dt wiegt.
• 1 m³ Grassilage wurde mit 25 € bewertet (Marktberichterstattung der Landwirtschaftskammer).
Alle Ergebnisse der fünfjährigen Beprobung sind in Tabelle 2 dargestellt.
Die Werte schwanken stark. In den Jahren 2018 bis 2020 wurde zum ersten Schnitt auf den ungeschützten Parzellen ein Totalausfall verzeichnet. Im ersten und letzten Versuchsjahr konnten aufgrund der wüchsigen Bedingungen geringe Mengen geerntet werden, was zur Verringerung der Ersatzkostenwerte führt. Die Einflüsse der Extensivierung müssen zusätzlich mitbedacht werden.
Analog zum Parameter Trockenmasseertrag wurden Ersatzkostenwerte für Energie (über Kraftfutter) sowie Rohprotein (über Sojaschrot) berechnet.
Gesamtschau Ersatzkostenwerte
Aus der Differenz des Jahresertrages in den korbgeschützten und den durch Gänsefraß geschädigten Varianten wurden Ersatzkostenwerte für die Bewertung des entgangenen Ertrages berechnet. Hierbei wurden die Parameter Trockenmasse (TM in dt/ha, Ersatz als Grassilage), Energie (NEL in GJ/ha, Ersatz als Kraftfutter oder Grassilage) und Rohprotein (in dt/ha, Ersatz als Sojaschrot) betrachtet (Tabelle 3).
Insgesamt gingen auf den unterdurchschnittlich produktiven Grünlandflächen der Stiftung Naturschutz in Westerhever zwischen 2017 und 2021 durchschnittlich 33 % der Jahrestrockenmasse und 80 % der Trockenmasse des ersten Schnittes durch Gänsefraß verloren.
Die Höhe der monetären Verluste wird wesentlich von der Witterung (+/–50 %) und vom Zeitpunkt der ersten Düngung (+/–35 %) beeinflusst. Bei ortsüblicher Düngung von 80 kg N/ha Mitte März und weiteren 100 kg im Jahresverlauf wurden monetäre Verluste von 300 €/ha ermittelt. Die Verluste ließen sich im Versuch auf 180 €/ha senken, indem die erste Düngergabe erst nach dem Abzug der Gänse Mitte Mai verabreicht wurde und so dem nachfolgenden Aufwuchs zur Verfügung stand.
Noch größer war der Einfluss der Witterung. Ausbleibende Frühjahrsniederschläge führten immer wieder zu starken Ertragseinbußen, sodass zukünftig ein Wassermanagement in jedem einzelnen Frühjahr immer bedeutsamer werden dürfte.
Hochertragsstandort Pension Wiese
Für die konventionelle Versuchsfläche Pension Wiese wurden theoretische monetäre Verluste von 719 bis 740 €/ha (Durchschnitt zwei Jahre) ermittelt, wenn 100 % des ersten Schnittes durch Gänsefraß verloren gehen und durch Grassilage oder Soja ersetzt werden (Tabelle 4). Der erste Schnitt der Hochertragsfläche hatte einen überdurchschnittlichen Anteil am Jahresertrag. Mit etwa 730 €/ha wären alle Verluste in Form von Trockenmasse, Energie und Rohprotein auf diesem Hochertragsstandort ersetzbar.
Große Unterschiede ergeben sich durch die Wahl des Futtermittels beim Ersatz des Energieverlustes. Maximale Kosten entstehen, wenn der Ersatz durch Kraftfutter erfolgt. Hier entstehen in dem Vergleich bei einem angenommenen Verlust des gesamten ersten Schnittes zusätzliche Kosten von 332 €/ha. Aufgrund der fehlenden Wirtschaftlichkeit dürften diese theoretischen Verluste in der Praxis kaum zum Tragen kommen. Hinzu kommt, dass eine bedarfsgerechte Versorgung von Wiederkäuern allein auf der Grundlage von Kraftfutter nicht möglich ist.
Rechnet man bei dieser Fläche mit den ermittelten fünfjährigen Durchschnittswerten von 33 % des Jahresertrages oder 80 % Verlust des ersten Schnittes, ergeben sich rein rechnerisch jährliche Trockenmasseverluste von 517 bis 578 €/ha. Zusammen mit Flächen auf Pellworm dürften die deichnahen Flächen in Westerhever landesweit das Maximum der Gänsefraßverluste im Grünland repräsentieren. Erhebungen von Fraßverlusten durch die Landwirtschaftskammer im Jahre 2021, die im Rahmen eines weiteren, durch das Umweltministerium geförderten Projektes erfolgten, ergaben für das Festland in Nordfriesland und Flächen auf Föhr Verluste beim ersten Schnitt in Höhe von 49 % beziehungsweise 45 %, auf Pellworm von 90 %.
Untersuchungen von Gänsekot
Die Verkotung der Flächen durch Gänse wurde in den Versuch einbezogen. Es wurden die Menge des vorhandenen Kots und dessen Wirtschaftsdüngerwirkung bestimmt und durch die Klinik für Geflügel der Tierärztlichen Hochschule Hannover auf spezifische pathogene Keime untersucht, die potenziell zu einer Krankheitsübertragung von Gänsen auf Wiederkäuer führen könnten.
Die über die Wintermonate durchgeführten monatlichen Beprobungen ergaben eine durchschnittliche Menge von etwa 17 kg Gesamt-N/ha pro Jahr, knapp 8 kg an Phosphat und 20 kg Kalium, die im Kot gebunden auf den Flächen abgelegt wurden. Anzunehmen ist, dass die tatsächlichen Einträge höher gelegen haben, da durch nasse Witterungsbedingungen bei einer monatlichen Sammlung ein Teil des Kotes durch Regeneinwirkung bereits zerfallen gewesen sein dürfte.
Zwischen 2017 und 2020 wurden insgesamt 50 Proben auf drei Erreger beziehungsweise Erregergruppen untersucht:
• Salmonella-Serovare
(Salmonellen)
• Pasteurella sp.
(Pasteurellose, Geflügelcholera)
• Chlamydia psittaci
(Ornithose, Papageienkrankheit)
Alle Proben waren durchgehend negativ auf Salmonellen und Pasteurellose. Im Winter 2019/2020 konnten in drei Proben (zwei gefrorene, eine frische) Chlamydien mittels quantitativer Realtime-PCR nachgewiesen werden, wobei die Messwerte mit zirka Ct 40 nach Auskunft der Klinik für Geflügel keine klinische Bedeutung hatten. Sie deuten vielmehr auf eine überstandene Infektion hin.
Fazit
In der fünfjährigen Untersuchung wurden Ertragsverluste durch Gänsefraß in Höhe von durchschnittlich 80 % des ersten Schnittes oder 33 % des Jahresertrages ermittelt, die sich zu monetären Verlusten von 300 €/ha auf den ertragsschwachen Versuchsflächen addieren. Auf der konventionellen Vergleichsfläche stiegen die rechnerischen Verluste bei 33 % des Jahresertrages oder 80 % Verlust des ersten Schnittes auf 517 bis 578 €/ ha, bei 100 % Verlust des ersten Schnittes auf über 700 €/ ha an. Die Witterung und der Zeitpunkt der Düngung hatten einen großen Einfluss auf die Höhe der Verluste. Bei gleichmäßiger Wasserversorgung im Jahr 2021 sank der Verlust um 50 % gegenüber dem fünfjährigen Durchschnitt. Mit einer ersten Düngung nach dem Abzug der Gänse können die Verluste ebenfalls stark verringert werden. Hinweise auf eine Gefährdung von Weidetieren durch Krankheitskeime im Gänsekot ergaben sich nicht.




