In dieser Woche ging die Schule wieder los. Besonders für alle Kinder, die in diesem Jahr eingeschult wurden, begann damit eine aufregende Zeit. Dass auch in früheren Jahrzehnten der erste Schultag ein traditionell wichtiges Ereignis war, zeigt eine neue Sonderausstellung zum Schulanfang im Wandel der Zeit im Kindheitsmuseum Schönberg/Kreis Plön. Kern der Schau sind mehr als 100 historische Schultüten.
Wir schreiben das Jahr 1949. Ursula betritt in der Schule das erste Mal ihren Klassenraum. Erwartungsfroh schaut sie sich um. Auf welche Bank soll sie sich setzen? „Da ich recht klein war, landete ich in der ersten Reihe neben Frieda, einem Mädchen vom Bauernhof. Wir waren so schüchtern, dass wir, so habe ich’s aus Erzählungen gehört, die ersten Tage und Wochen nicht miteinander sprachen. Danach aber saßen wir fünf Jahre brav beisammen. Wir haben noch heute Kontakt“, blickt sie zurück. Vage Erinnerungen, was damals in der Schultüte war, hat sie ebenfalls. „In ihr waren selbst gestrickte, kratzige Strümpfe von Oma, möglicherweise Schreibutensilien und eine kleine Portion Süßigkeiten. Bestimmt war auch etwas Obst darin.“
Horst, der bereits 13 Jahre vorher eingeschult wurde, erinnert sich daran, dass die Einschulungsfeier 1936 in einem Lokal stattfand und die Jungen mit gefalteten Dreiecksmützen und Holzschwertern wie kleine Soldaten ausgestattet wurden. „In Bruchstücken weiß ich noch den Text des Liedes, das wir singen mussten. Es zeigt, wie die Zeit damals war: ‚Wer will unter die Soldaten, der muss haben ein Gewehr, das muss er mit Pulver laden, und mit einer Kugel schwer … Bübchen, wirst du ein Rekrut, merk‘ dir dieses Liedchen gut!‘“
Neben Ursula und Horst berichten Christa, Gisela, Marlen und Antje im Rahmen der Sonderausstellung über ihre Schulanfangs-Erlebnisse in den Jahren 1945,1956, 1961 und 1993. „Beim Neujahrsempfang der Gemeinde hatten wir die Anwesenden zuvor gebeten, ihre Fotoalben zu durchforsten und uns Geschichten und Bilder rund um ihren großen Tag zur Verfügung zu stellen“, informiert Bernd Haase, ehrenamtlicher Vorsitzender des Museumsvereins. Wie man auf die Idee gekommen sei, sich dieses Themas anzunehmen? „Alle zwei Jahre konzipieren wir neben unserer Dauerausstellung eine neue Sonderausstellung. 2022 bekamen wir vom Sammler und pensionierten Lehrer Hans-Günter Löwe aus Hamburg zahlreiche originale Schultüten aus vielen Jahrzehnten als Schenkung überreicht.“ Zunächst habe man die guten Stücke sicher verwahrt, bis sie nun aus dem Dornröschenschlaf erweckt worden seien. In Fischernetzen scheinen sie in der Schau fast an den Wänden zu schweben. Eine wunderbare Idee der Präsentation, die Museumsmitarbeiterin Birgit Rönnau hatte. Ergänzt werden die Exponate durch Texttafeln und allerlei historische Utensilien etwa Schulranzen, Fibeln und Schulbekleidung. Daneben kann in der Dauerausstellung eine bestens ausgestattete Schulstube um 1920 bestaunt werden.
Foto: privat
Bernd Haase und seine Mitstreiter haben sich intensiv mit der Historie des Schulstarts beschäftigt. Grundlage war ein Buch von 2014 mit dem Titel „Schulanfang – Ein Beitrag zur Geschichte der Schultüte“, in dem Sammler Hans-Günter Löwe seine umfangreichen Forschungen vorstellte. „Der Brauch der Schultüte begann am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Von Sachsen und Thüringen verbreitete er sich im 20. Jahrhundert über ganz Deutschland“, weiß Haase. Wenn man auf die Gestaltung der Schultüte schaue, werde deutlich, dass sich in ihr die gesellschaftlichen Gegebenheiten der jeweiligen Zeit widerspiegelten.
„Bei den Schultüten aus dem Ersten Weltkrieg beispielsweise findet sich die damals vorherrschende patriotische Gesinnung in aufgedruckten Motiven mit einem Bild von Kaiser Wilhelm II., dem Eisernen Kreuz oder dem Preußischen Adler wieder“, bemerkt der Lehrer im Ruhestand. „Später war den Nationalsozialisten zwar die Erhaltung der Schultüte wichtig, aber da der Brauch nicht in allen Landesteilen bekannt war, verzichteten sie auf die zunächst angedachte, ideologische Einheitsschultüte. Es gab nur wenige Ausnahmen mit angehefteten Hakenkreuzfähnchen.“
Die Entwicklung der Schultüte nach dem Zweiten Weltkrieg sei dadurch geprägt gewesen, dass durch die Teilung Deutschlands die zumeist im Osten angesiedelten Produktionsstätten für den Westen ausfielen. Nur eine der damals zwölf Herstellerfirmen war dort ansässig. Außerdem gab es einen Unterschied zwischen der ostdeutschen Schultüte, die auch Zuckertüte genannt wurde, und der westdeutschen. „Die ostdeutsche war sechseckig und hatte seit den 1950er Jahren eine Länge von 85 Zentimetern. Als Verschluss fungierten ein Gaze-Stoff und eine bunte Schleife. Die Motive waren Märchenfiguren und das Sandmännchen. Die Kinder bekamen sogar häufig mehrere Schultüten. Deshalb wurden auch kleinere gefertigt, die von Paten oder Verwandten geschenkt wurden“, so Haase.
Die westdeutschen Schultüten hingegen, waren rund und spitz. Sie wiesen eine Länge von 70 cm auf. Hier diente eine Manschette aus Krepppapier oder Filz als Verschluss. Sie hatten einen einfarbigen Bezug und war meist mit einem Klebebild verziert. „Auch nach der Wiedervereinigung hat sich der Unterschied der Schultüten weitestgehend erhalten. Zudem tragen in den westlichen Bundesländern die Kinder nach wie vor ihre Schultüten zur Einschulungsfeier. In den östlichen werden sie im Rahmen der Einschulungsfeier überreicht oder nach einem alten Brauch vom ‚Zuckertütenbaum‘ gepflückt. Die Eltern bringen die Schultüten dafür am Abend vor der Feier unbemerkt in die Schule“, berichtet Haase. Als einen beliebten Trend machte er die Eigenanfertigung von Schultüten durch Eltern oder Großeltern aus. Mit fantasievollen Tiermotiven, Glitzerelementen, manchmal in 3-D-Optik gestaltet, begleiten die selbst gebastelten Unikate etliche der ABC-Schützen zu ihrer Einschulung. Übrigens: Wie die Schultüten, so wandelte sich über die Jahre ebenfalls, was als Inhalt hineinkam. In mageren Zeiten wurden die Tüten mit geknülltem Zeitungspapier oder Holzwolle ausgestopft und nur obenauf kamen etwas Schokolade, Bonbons und Plätzchen. „Nunmehr steht der Gesundheitsaspekt beim Füllen der Schultüte im Vordergrund, besonders die Zahngesundheit findet große Beachtung“, unterstreicht er.
Neben den Schultüten faszinieren in Vitrinen auch Fibeln und Schulbücher aus den 1950ern bis in die 2000er Jahre. „Die Methoden, wie Kindern das Lesen und Schreiben beigebracht wird, haben sich über die Jahrzehnte hinweg verändert, wie die historischen Exponate eindrucksvoll belegen“, erklärt Haase. Ein Blick in „Hirt’s Berliner Fibel“ von 1935 zeigt beispielsweise, dass damals in den Grundschulen die Sütterlinschrift gelehrt wurde. Sie war von 1924 bis 1941 deutsche Standardschrift.
Interaktive Zeitreise
Die sehenswerte Sonderausstellung lädt ein, über Generationen hinweg zum Schulanfang ins Gespräch zu kommen. „Es ist eine interaktive Schau, bei der unsere Besucherinnen und Besucher eigene Erinnerungen wieder aufleben lassen können“, betont Bernd Haase. Er kündigt an, die noch bis Oktober 2026 laufende Präsentation stetig durch neue Fotogeschichten mit persönlichen Erlebnisberichten zu ergänzen.
Info
Das 1990 eröffnete Kindheitsmuseum dokumentiert auf zirka 200 m² das Leben von Kindern in ihren sozialen Bezügen von Familie und Schule in ihrem gesellschaftlichen Umfeld vom Ende des 19. Jahrhunderts bis heute. Aufgrund der inhaltlichen Ausrichtung hat es ein Alleinstellungsmerkmal in der bundesdeutschen Museumslandschaft. Neben der Dauerausstellung gibt es Sonderausstellungen. Führungen, Lesungen, Vorträge, Aktionsnachmittage für Jung und Alt und ein Sommerfest runden das Angebot ab. Träger ist ein gemeinnütziger Verein, dessen rund 50 Mitglieder sich unermüdlich ehrenamtlich dafür einsetzen. Weitere Infos unter kindheitsmuseum.de




