Heute können wir uns die Not unserer Vorfahren im Mittelalter kaum vorstellen. Um 800 nach Christus siedelten die Nordsachsen im südlichen Holstein. Es waren die Holsaten, „die im Holze Sitzenden“, später Holsteiner, die nach der Völkerwanderung um Itzehoe (Ekehoe) und Schenefeld (Scanafeld) zurückblieben. Sie lebten in ständiger Angst, von den Wikingern im Norden oder von slawischen Wenden im Osten überfallen zu werden. Unter der Herrschaft der Lehnsritter waren sie nicht mehr zum Kriegsdienst verpflichtet, mussten aber dafür einen Teil der kargen Ernte abführen.
Der sächsische Herzog im fernen Goslar hatte Lehnsritter beauftragt, das Land im Norden zu befrieden. Erst um 1100 gelang es den Schauenburger Grafen aus dem Weserbergland, die kriegerischen Wikinger und Wenden zu vertreiben. Sie beließen die friedliebenden Wenden in ihren Dörfern und warben um neue Siedler. So machten sich Siedler aus Sachsen, Westfalen und Holland auf den Weg und gründeten in der Nachbarschaft zu den Wenden neue Orte.
Noch heute erinnern die Doppeldörfer an das einstige Gebiet der Wenden, wie etwa Groß Buchwald und Klein Buchwald oder Groß Vollstedt und Klein Vollstedt, wobei das „Klein“ in der Regel für das wendische Urdorf steht. Unter Aufsicht der Ritter rodeten die Siedler Wälder und legten Felder an. Viele Ortsnamen erinnern an die Zeit der Rodungen: Kronshagen, Elmschenhagen, Probsteierhagen, Rodenbek, Lebrade, Rathjensdorf, Sierhagen, Westerade, Mönkhagen, Rondeshagen, Klinkrade, Fuhlenhagen, Kröppelshagen. Ihre Höfe, die sogenannten Hufen, hatten anfangs eine Größe von 8 bis 14 ha. Dazu gab es freies Weideland, Torf und Holz, die reichlich vorhanden waren. Jedem Hufner wurden Ackerstreifen zugewiesen, verteilt in mehreren Kämpen um das Dorf. Die Ackerstreifen wurden alljährlich ausgelost und mit Roggen, Buchweizen oder Hafer bestellt oder als Brache liegen gelassen (Dreifelderwirtschaft).
Foto: E. Ch. Buttenschön
Mit diesen Hufen waren Nutzungsrechte verbunden, aber keine Eigentumsrechte. Jeder hatte etwa sechs Pferde und ebenso viele Milchkühe. Gepflügt wurde in der Regel mit vier Pferden, einer Schar aus Eisen und einem Streichbrett aus Holz. Die Pferde hatten keine Hufeisen, waren klein und wenig leistungsfähig. Die Ernte wurde mit Leiterwagen eingefahren, meist mit vier Pferden bespannt. Die Aussaat lieferte den drei- bis vierfachen Ertrag. Das Hüten des Viehs übernahm ein Hirte. Zum Schutz vor Wölfen trieb er es abends in die Nachtkoppel nahe am Dorf. Die Jagd blieb stets in der Hand des Adels.
Alle Hufner waren verpflichtet, ihrem Grundherrn Korn und Vieh abzuführen. Mit Anwachsen der Bevölkerung im 16. Jahrhundert und dem Anstieg der Lebensmittelpreise wurde die Landwirtschaft auch für den Adel profitabel. Die Herzöge gründeten Vorwerke (Domänen), die Ritter Gutshöfe. Unter Anleitung der Holländer schafften sie Milchvieh an, errichteten große Scheunen und legten Felder an. Drei Viertel der Felder waren Weiden. Erste Wallhecken grenzten die Weiden von den Äckern ab. Die Hufner wurden auf den Gutshöfen verpflichtet, alle Arbeiten zu verrichten (Hand- und Spanndienste). So gerieten sie in die Abhängigkeit der Leibeigenschaft, durften den Gutsbezirk nicht verlassen und nur mit Genehmigung des Gutsherrn heiraten. Unterkunft und Brennholz stellte der Gutsherr.
Auf den Gütern der Klöster und des Herzogs hatten die Hufner mehr Freiheiten. Sie waren weniger zu Hand- und Spanndiensten verpflichtet, hatten ihre Hofgebäude zu eigen, litten aber unter einer steigenden Steuerlast. Viele gaben ihre Höfe auf und verdingten sich als Knechte. Alle Hufner und ihre Familien waren zusammen mit ihren Knechten und Mägden auf Selbstversorgung angewiesen. Auch die Kinder waren im Sommer mit dem Hüten des Kleinviehs voll eingespannt. Im Winter besuchten sie die Schule der Kirche gegen Entgelt (11. November bis Ostern).
Die tägliche Kost vor Sonnenaufgang, mittags wie auch abends nach Sonnenuntergang war Buchweizengrütze mit Milch. Mittags gab es gelegentlich Kohlsuppe mit Speck und Klößen oder Pfannkuchen, abends auch Roggenbrot. Als Getränk dienten Buttermilch oder Wasser. Bier gab es nur im Herbst nach der Ernte. Eine schlimme Zeit erlebten sie im Dreißigjährigen Krieg. Sie verloren ihren gesamten Viehbestand. Viele Höfe gingen in Flammen auf.
Um 1760 besserte sich die Situation. Mit der Entdeckung des Kalkmergels als Düngung waren die Hufner erstmals in der Lage, einen Überschuss an Getreide zu erwirtschaften und zu verkaufen. Der dänische König ordnete im Zeitalter der Aufklärung eine Landreform an (Verkoppelung). Koppeln wurden angelegt und mit Hecken eingefriedet (Knicks). Jeder Hufner sollte selbstständig auf seinen Feldern wirtschaften und jährlich einen Pachtzins abführen. Die Domänen wurden parzelliert und den Hufnern zur Pacht angeboten. So entstanden die Höfe abseits der Dorflage.
Foto: Götz Heeschen
1805 hob der König unter dem Druck der Französischen Revolution die Leibeigenschaft auf und ermöglichte den Hufnern, durch Zahlung einer Ablösesumme freie Bauern mit eigenem Land zu werden. Als Ersatz für die Weide- und Holzrechte bekamen sie pro Hofstelle etwa 2 ha eigenen Wald. Mit dem Anstieg der Lebensmittelpreise stiegen sie auf den besseren Böden zu großem Wohlstand auf (Bordesholmer Giebel). Mit den Preußischen Reformen erhielten die Bauern auch das Jagdrecht. Auf den Gutshöfen wurden die Hufner erst mit der Weimarer Republik 1919 freie Bauern mit eigenem Land.
Die Bauern an der Westküste und auf Fehmarn hatten seit alters her einen besseren Stand. Hier hatte der Adel nur wenig Zugriff. Sie blieben stets freie Bauern mit eigenem Land und lebten bereits im Mittelalter in großem Wohlstand.
Die Not der letzten Kriege führte zu einem Niedergang der meisten Höfe. Mit der Öffnung des gemeinsamen Europäischen Marktes in den 1960er Jahren erlebte unser Land einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufstieg, nicht aber die Landwirtschaft. Viele Höfe mussten mit dem Preisverfall landwirtschaftlicher Produkte aufgeben, nur große Betriebe überlebten. Heute bestimmen nur noch wenige Höfe, sondern meist Einfamilienhäuser das Bild unserer Dörfer.




