Schon vor Jahrhunderten fanden Meeresalgen ihren Weg in die Futtertröge europäischer Nutztiere. Besonders in küstennahen Regionen wurden sie genutzt – dort, wo sie reichlich verfügbar waren und andere Futterquellen knapp ausfielen. Auf den kargen Böden Schottlands und Irlands etwa wuchs in den kühlen Sommermonaten häufig zu wenig Gras, um Rinder und Schafe ausreichend zu versorgen. Ist das auch eine Möglichkeit für hiesige Betriebe?
Landwirte griffen regelmäßig auf das zurück, was das Meer an die Küste brachte: die angeschwemmten Algen. Auch in Norwegen, Island und in Teilen der Bretagne gehörten Meeresalgen traditionell zur Futterversorgung. Dort wurden sie gesammelt, an der Luft getrocknet und anschließend mit Heu vermischt. Vor allem im Winter, wenn frisches Grün knapp war, dienten sie als zusätzliche Futterquelle.
Besonders häufig kamen Braunalgen zum Einsatz, etwa Kelp, Knotentang oder Blasentang. Stürme rissen diese Pflanzen vom Meeresboden los und spülten sie in großen Mengen an die Küsten. Dort konnten sie leicht gesammelt und getrocknet werden, wodurch sie sich gut lagern ließen. Auch die Tiere selbst machten sich die Ressourcen der Küsten zunutze: Weidetiere fraßen an Meeresufern häufig freiwillig Algen. Ihr vergleichsweise hoher Energie- und Mineralstoffgehalt machte sie zu einer wertvollen Ergänzung für Rationen, die sonst überwiegend aus Gras und Heu bestanden.
Neue Forschung zu methanhemmenden Algen
Heute spielen See- beziehungsweise Meeresalgen als Futtermittel in Europa allerdings kaum noch eine Rolle. Weniger als 0,25 % der weltweit produzierten Algen stammen aus europäischen Aquakulturen. Auch ihr Anteil am gesamten Futtermittelmarkt ist mit unter 1 % gering. In jüngster Zeit rücken Algen jedoch erneut in den Fokus der Forschung – insbesondere in der Wiederkäuerfütterung. Grund dafür sind bestimmte Rotalgenarten wie Asparagopsis taxiformis und Asparagopsis armata. Studien zeigen, dass eine Zulage von 0,3 bis 0,5 % der Trockenmasse den Ausstoß des Treibhausgases Methan aus der Verdauung von Rindern um bis zu 90 % reduzieren kann.
Diese Algen kommen vor allem in tropischen und subtropischen Meeresregionen vor. Sie enthalten halogenierte Verbindungen wie Bromoform und Dibromchlormethan, die die Methanbildung im Verdauungssystem der Tiere hemmen. Allerdings sind diese Substanzen flüchtig: Mit zunehmender Lagerdauer der Algen verdampfen sie, wodurch die methanreduzierende Wirkung nachlässt. In Australien ist die Verwendung getrockneter Asparagopsis-Algen als Futtermittel für Wiederkäuer bereits teilweise zugelassen und kommerziell im Einsatz. In der Europäischen Union hingegen wird der Einsatz derzeit noch geprüft. Zwar sind „Seealgenmehle“ sowohl in der Einzelfuttermittelliste der EU (68/2013) als auch in der Positivliste für Einzelfuttermittel der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) aufgeführt und dürfen grundsätzlich verfüttert werden. Für die genannten Rotalgenarten läuft jedoch eine gesonderte Zulassungsprüfung. Ein Grund dafür sind mögliche Rückstände der halogenierten Substanzen: Werden die Algen an laktierende Tiere verfüttert, könnten diese Stoffe in die Milch und damit in die Nahrungskette gelangen. Zudem können einige Algenarten erhöhte Konzentrationen von Schwermetallen wie Arsen, Blei, Cadmium oder Quecksilber enthalten. Auch hier gelten strenge Grenzwerte, die bei der Nutzung als Futtermittel nicht überschritten werden dürfen.
Nachhaltige Futtermittelquellen aus dem Meer
Trotz möglicher Risiken bietet der Einsatz von Meeresalgen als Futtermittel auch beträchtliche Chancen. Vor allem Braunalgen zeichnen sich durch eine außergewöhnlich hohe Photosyntheseleistung aus und können entsprechend große Mengen an Biomasse produzieren. Manche Arten erreichen dabei beeindruckende Ausmaße von bis zu 60 m Länge. Im Vergleich zu klassischen Futterpflanzen, deren Anbau fruchtbare Böden sowie große Mengen an Wasser, Dünger und Pflanzenschutzmitteln erfordert, wachsen Seealgen unter ganz anderen Bedingungen. Sie lassen sich in Meeres- oder sogar Brackwasser kultivieren – also in Regionen, die für den landwirtschaftlichen Pflanzenbau kaum nutzbar sind. Dadurch könnte der Wettbewerb um landwirtschaftliche Flächen und wertvolle Süßwasserressourcen deutlich reduziert werden.
Vor dem Hintergrund einer großen Importabhängigkeit Europas bei Futtermittelrohstoffen könnte die Nutzung regional erzeugter Algenbiomasse zudem langfristig zur Stabilisierung der Proteinversorgung in der Tierhaltung beitragen. Die wachsende Nachfrage nach Meeresalgen hat jedoch auch neue Produktionsformen hervorgebracht. Inzwischen werden einige Arten nicht mehr ausschließlich im Meer angebaut, sondern zunehmend auch in landbasierten Aquakultursystemen kultiviert – etwa in Tanks oder Becken. Solche Anlagen ermöglichen eine kontrollierte Produktion und könnten dazu beitragen, die steigende Nachfrage nach Algen langfristig zu decken.
Projekt „Alg4Nut“ zur Rinderfütterung
Meeresalgen gelten nicht nur als potenziell nachhaltige, sondern auch als nährstoffreiche Ergänzung in der Tierfütterung. So enthalten Braunalgen große Mengen an Mineralstoffen sowie leicht verdauliche Rohfaser. Grünalgen wiederum zeichnen sich durch hohe Gehalte an Chlorophyll und verschiedenen Vitaminen aus. Besonders interessant sind einige Rotalgenarten. Die Gattungen Porphyra und Gracilaria erreichen Rohproteingehalte von 30 bis 50 % der Trockenmasse und enthalten darüber hinaus Antioxidantien, entzündungshemmende Inhaltsstoffe, essenzielle Fettsäuren sowie Jodid. Die Fütterung von Meeresalgen könnte die Jodversorgung ergänzen, die Jodkonzentration in der Milch erhöhen und so zur Verbesserung der Jodversorgung der Bevölkerung in Deutschland beitragen. Erste Studien deuten zudem darauf hin, dass die in Meeresalgen enthaltenen Kohlenhydrate präbiotische Effekte haben. Sie könnten die Zusammensetzung der Darmmikrobiota positiv beeinflussen, die Darmgesundheit fördern und damit letztlich auch das Wachstum von Rindern und Schafen unterstützen. Einige Spezialfuttermittelhersteller greifen diese Entwicklung bereits auf und bieten entsprechende Algenmischungen für Wiederkäuer kommerziell an. Dennoch sind viele der zugrunde liegenden biologischen Prozesse bislang kaum verstanden. Insbesondere die Mechanismen der Algenverdauung und ihre möglichen gesundheitlichen Effekte bei Nutztieren sind noch Gegenstand aktueller Forschung.
Im Projekt „Alg4Nut“ („Algae for Nutrition“), das im Rahmen der Initiative zur angewandten Exzellenzforschung in Mecklenburg-Vorpommern gefördert wird, untersuchen Wissenschaftler verschiedener Forschungseinrichtungen unter der Leitung der Universität Rostock, ob in der Ostsee heimische Meeresalgen als nachhaltiges Futtermittel für Kühe genutzt werden können. Dabei werden in Fütterungsexperimenten am Forschungsinstitut für Nutztierbiologie in Dummerstorf die Auswirkungen auf Verdaulichkeit, Tiergesundheit und Leistung, Milchqualität und Methanemission mithilfe der Respirationskammern untersucht. Die Ergebnisse sollen als Grundlage für die Bewertung dienen, ob sich ein künftiger Anbau von Meeresalgen zur Futtermittelgewinnung im Küsten- und Agrarland Mecklenburg-Vorpommern eignet.




