StartNachrichtenAgrarpolitikEin „Düngeplänchen“ aus Bekundungen und Bekanntem

Ein „Düngeplänchen“ aus Bekundungen und Bekanntem

Kommentar zum Düngemittel-Aktionsplan der EU
Von Dr. Robert Quakernack
Die europäischen Bauernverbände und Genossenschaften (Copa/Cogeca) organsierten am Dienstag eine Protestaktion in Straßburg. Foto: Copa/Cogeca

Die militärische Eskalation im Nahen Osten ist von besonderer Relevanz für die globale Versorgung mit Düngemitteln. Aus den Ländern am Persischen Golf kommen 20 bis 30 % der weltweiten Düngemittel-Importe. Insbesondere Ammoniak und Harnstoff sind betroffen – daneben auch Schwefel zur Produktion von Phosphatdüngern. Die EU-Düngemittelproduzenten sind zudem auf Importe von Erdgas angewiesen, die einen Anteil von 70 bis 80 % an den Produktionskosten für Stickstoffdünger ausmachen. Da die Produktion in Europa im weltweiten Vergleich sehr teuer ist, sinkt seit 2023 der Grad der Selbstversorgung mit Stickstoffdüngern. Aufgrund dauerhafter Schließungen von Anlagen schrumpften die Produktionskapazitäten laut EU-Kommission bereits um 9 %.

Für die Landwirtinnen und Landwirte hat dies stark gestiegene Düngerpreise zur Folge. Die Kosten sind gegenüber 2024 durchschnittlich um 70 % gestiegen. Auch die Preise für Phosphatdünger seien von dieser Entwicklung betroffen, so die EU-Kommission. Gleichzeitig sind die Getreidepreise verhältnismäßig niedrig.

Mit dem Düngemittel-Aktionsplan reagiert die oberste EU-Behörde nun. Der Plan sieht eine kurzfristige Unterstützung für Landwirte vor, unter anderem über die Agrarreserve und ein neues Liquiditätsinstrument. Über den genauen Umfang der Hilfen erfährt man allerdings noch wenig. Für die heimische Düngemittelindustrie soll es möglicherweise Entlastungen im Emissionshandel geben, die aber an Bedingungen wie den Umstieg auf sauberere Produktionsverfahren geknüpft werden sollen. Konkret nennt die Kommission ihre Ziele: mehr europäische Produktion, saubereres Ammoniak, Handelskorridore mit Afrika und dem Nahen Osten, strategische Düngemittelvorräte und die Einstufung von Düngemitteln als krisenrelevantes Gut.

Positiv kann man Kommissionpräsidentin Dr. Ursula von der Leyen (CDU) und ihrem Team also zugutehalten, dass die Relevanz der Düngemittelversorgung erkannt, die Probleme richtig benannt und Maßnahmen zur Verbesserung der Situation beschrieben wurden. Dass der Plan kurzfristige Wirkung entfaltet, darf jedoch bezweifelt werden.

Die europäischen Bauernverbände und Genossenschaften (Copa/Cogeca) organsierten am Dienstag eine Protestaktion in Straßburg. Foto: Copa/Cogeca
Die europäischen Bauernverbände und Genossenschaften (Copa/Cogeca) organsierten am Dienstag eine Protestaktion in Straßburg. Foto: Copa/Cogeca


Entsprechend verhalten fallen die Reaktionen der Branche aus. Der Industrieverband Agrar spricht noch wohlwollend von einem „richtigen Signal“. Der Deutsche Bauernverband (DBV) bewertet den EU-Plan als „wichtigen Schritt“, mahnt aber auch sofortige Entlastungen vor der Herbstaussaat an. Positiv sieht der DBV die geplante Erweiterung der Renure-Regelung (Aufbereitung von Wirtschaftsdüngern) auf Gärreste. Gegenüber der DBV-Forderung, den CO2-Grenzausgleichsmechanismus (CBAM) komplett auszusetzen, zeigte sich die Kommission aber unnachgiebig. Sie hält an dem bereits reduzierten Aufschlag von 1 % fest.

Trotzdem belegt der Plan der EU-Kommission, dass Brüssel die Düngemittelverfügbarkeit als sicherheitsrelevant einstuft. Ein wichtiges Element für mehr Unabhängigkeit von Importen ist der flexiblere Einsatz von organischen Düngemitteln. Die Tierhaltung nimmt diesbezüglich eine Doppelfunktion ein. Sie dient mit der Erzeugung von Fleisch, Milch und Eiern der Ernährungssicherheit und ist gleichzeitig ein wichtiger Düngerlieferant. Wer die Abhängigkeit von Düngemittelimporten reduzieren möchte, stärkt demnach am besten auch die Tierhaltung.

Dr. Robert Quakernack, Foto: bb
WEITERE ARTIKEL
- Anzeige -
- Anzeige -

Meistgeklickt