„Alte Traktoren und herrschaftliche Gutsbetriebe strahlen für uns heute Gemütlichkeit aus. Das Leben auf dem Lande war aber vor 100 Jahren alles andere als romantisch, und wir sollten uns immer bewusst sein, wie gut es uns heute geht“, beschreibt Lutz Christiansen sein Motiv für die von ihm organisierte Landarbeitertour.
Zusammen mit 30 Mitgliedern des Vereins „Alttraktorenfreunde Westküste“ zog Lutz Christiansen mit Traktoren von Baujahr 1936 bis 1974 und Wohnwagen eine Woche durch das Land – von Meldorf über Rendsburg, Schinkel, Probsteierhagen, Belau, Stockelsdorf, Steinhorst und Bad Bramstedt etwa 500 km bis zur Endstation Mehlbek im Kreis Steinburg. Bis auf einen Reifenplatzer hat alles gut geklappt, und jeder Tag war durch Besichtigungen und Vorträge mit einem Highlight versehen. Christiansen: „Die Tour sollte uns bewusst machen, wie beschwerlich das Leben für die Landarbeiter früher war. Auf den Gutshöfen herrschte eine strenge Hierarchie. Oft musste 14 Stunden hart körperlich gearbeitet werden, und man schlief häufig bei den Tieren, um etwas Wärme in der Nacht zu haben.“
Der 60-jährige Olaf Reese ist mit einem Lanz-Bulldog mit 58 PS und Baujahr 1954 mit auf der Tour. Seit 1977 hat der gelernte Landmaschinenmechaniker alte Trecker wieder „aufgeflitzt“. Seine Sammlung besteht heute noch aus sechs Fahrzeugen, aber seine drei Söhne sind inzwischen ebenfalls von der Sammelleidenschaft infiziert. Olaf Reese war als Kind oft bei seinem Onkel Otto Reese, der als Gutsverwalter 40 Jahre in Mehlbek beschäftigt war. Durch diese Verbindung wurde das Gut auch die Endstation der Treckertour. Es wurde 1530 als Rittergut von Johann Rantzau gegründet. Durch Landschenkungen des dänischen Königs und durch Zukauf wuchs der Besitz bis auf 2.000 ha. Im Laufe der Zeit wechselte das Eigentum an verschiedene Adelsfamilien, bevor die Familie von Rosenberg 1899 das Gut erwarb. Nach dem Zweiten Weltkrieg führte der Verwalter Karl Meints auf dem Hof eine Kreislaufwirtschaft ein. Mit der Verwendung von organischen Düngemitteln galt er damals als Pionier. Heute verwaltet Marius Austin (26) die noch 520 ha Land.
Seit über 30 Jahren führt Alexander von Rosenfeld den Betrieb in vierter Generation. „Als Otto Reese die Verwaltung 1956 übernahm, waren hier 24 Arbeitskräfte beschäftigt. Als ich 1986 den Betrieb übernahm, waren es noch neun, und heute sind gerade mal dreieinhalb Personen für uns tätig.“ Der Betrieb hat neben dem Ackerbau noch 2.000 Plätze für Mastschweine.
Die Idee für die Landarbeitertour kam Lutz Christiansen, der als Werkstattleiter im Landwirtschaftsmuseum in Meldorf beschäftigt ist, durch das Buch „Das Leben eines Landarbeiters“ von Franz Rehbein (1867 bis 1909). Rehbein wuchs in Hinterpommern in ärmlichen Verhältnissen auf, sein Vater starb früh an Tuberkulose. Bereits als Junge war er durch die Not der Familie gezwungen, im Dienst von Gutsherren auf dem Felde zu arbeiten. 1881 kam Rehbein als „Sachsengänger“ (Saisonarbeiter) nach Schleswig-Holstein und musste in einer Zuckerfabrik arbeiten. Er lief aber weg und wurde Knecht auf einem ostholsteinischen Gut. Nach dem dreijährigen Wehrdienst arbeitete er dann als Knecht und Großknecht auf Bauernhöfen in Dithmarschen, heiratete und wurde Tagelöhner an der Dreschmaschine. Lutz Christiansen zitiert aus dem Buch: „Die schwere Arbeit, die winterliche Arbeitslosigkeit, das kümmerliche Leben von der Hand in den Mund, und dann der Vergleich meines Tagelöhnerdaseins mit den meistens im Überfluss schwelgenden Hofbesitzern – das alles redete eine deutlichere Sprache zu mir, als wie es alle wissenschaftlichen Lehrbücher hätten tun können.“



