Im Rahmen des Aktionsprogrammes Ostseeschutz 2030 veranstaltete die Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein (LKSH) einen Praxistag zum Thema Ostseeschutz und knüpfte damit an das Weiterbildungsangebot des Vorjahres an. Die Veranstaltung wurde durch das Ministerium für Landwirtschaft, ländliche Räume, Europa und Verbraucherschutz (MLLEV) gefördert und fand im Ostseeeinzugsgebiet der Trave statt.
Das Thema Ostseeschutz wird in den Wassereinzugsgebieten der Flensburger Förde/Schlei, Eckernförder Bucht/Propstei, Wagrien-Fehmarn/Neustädter Bucht vielfach diskutiert und ist ein zentrales Thema. Stellvertretend für die Regionen fand der Praxistag zum Thema Ostseeschutz in der Region Trave in Bosau-Kiekbusch statt. Im Mittelpunkt standen die Themen Direktsaat, extensive Bodenbearbeitung, Zwischenfruchtanbau sowie Fruchtfolge in Verbindung mit bodenkundlichen Aspekten. Insgesamt besuchten 100 Teilnehmende aus der Praxis und Beratung die Veranstaltung, die in dieser Form insbesondere durch Malte Carstens, Betriebsleiter in Bosau-Kiekbusch, ermöglicht wurde.
Zielvereinbarung Landwirtschaft
Dr. Lars Biernat von der LKSH begrüßte die Teilnehmenden und führte im Verlauf der Veranstaltung durch das Programm. Anschließend stellte Anjouli Hein, Referentin für den Bereich Ostseeschutz im MLLEV, die Hintergründe und Zielvorstellungen des Aktionsplans Ostseeschutz vor. Zudem informierte sie über den aktuellen Stand sowie die nächsten Schritte im weiteren Prozess. Erstmals wurden dabei die Maßnahmenkataloge der fünf Ostseebeiräte einem breiteren Fachpublikum vorgestellt. Sie basieren auf den regionalen Umsetzungsplänen und enthalten eine Auswahl freiwilliger Maßnahmen, die von den jeweiligen Gremien für die Regionen als besonders geeignet bewertet wurden, um Nährstoffeinträge in die Ostsee zu reduzieren. Die Dokumentation und Evaluation der gewählten Maßnahmen erfolgen weitgehend über bestehende Systeme wie Endo-SH und InVeKoS, sodass für die Betriebe grundsätzlich keine zusätzlichen Berichtspflichten entstehen, der Betriebserfolg allerdings dargestellt werden kann. Endo-SH wird um eine Funktion erweitert, mit der ab dem Düngejahr 2026 zusätzliche freiwillige Maßnahmen in den Ostseebeiratsregionen erfasst werden können. Damit erhalten Landwirtinnen und Landwirte eine praxisnahe Orientierung, welche Maßnahmen in ihrer Region besonders wirksam sind und wie sie sich freiwillig am kooperativen Ostseeschutz beteiligen können.
Im Rahmen der zwischen vier landwirtschaftlichen Verbänden und der Landesregierung unterzeichneten Zielvereinbarung besteht Einvernehmen darüber, die bereits erfolgreiche Gewässerschutzberatung fortzuführen. Darüber hinaus stellt die LKSH künftig ein Online-Beratungstool zum Nährstoffmanagement bereit und baut den Nmin-Messdienst in Schleswig-Holstein weiter aus. Für den Messdienst werden weiterhin Flächeneigentümerinnen und -eigentümer gesucht, die sich gern unter https://www.lksh.de/landwirtschaft/duengung/nitratmessdienst anmelden können. Anschließend verwies Anjouli Hein auf die neue Webseite rund um das Thema Ostseeschutz. Sie informiert über die Inhalte der Zielvereinbarung, stellt die Maßnahmenkataloge zum Download bereit und bietet einen Überblick über anstehende Veranstaltungen (https://t1p.de/zielvereinbarung_landwirtschaft).
Potenziale von Direktsaat
Im Vortrag von Achim Seidel (LKSH) standen die theoretischen Grundlagen der verschiedenen Bodenbearbeitungssysteme im Mittelpunkt. Vorgestellt wurden die Unterschiede zwischen der konventionellen Bodenbearbeitung mit Pflug und Grubber, der reduzierten beziehungsweise flachen Mulchsaat, der streifenweisen Lockerung (Strip-Till) sowie der Direktsaat. Unabhängig vom gewählten Verfahren bleibt eine ausgewogene Fruchtfolge entscheidend. Dazu gehören der Wechsel von Halm- und Blattfrüchten sowie von Winterungen und Sommerungen ebenso wie die Integration von Zwischenfrüchten. Gerade in Schleswig-Holstein haben diese ackerbaulichen Grundsätze in den vergangenen Jahren weiter an Bedeutung gewonnen, da zunehmende Ungrasproblematiken nur durch integrierte pflanzenbauliche Strategien erfolgreich beherrscht werden können.
Für den Einstieg in die Direktsaat oder eine stark reduzierte Bodenbearbeitung vor der Saat eignen sich insbesondere Vorfrüchte mit guter Bodengare. Gute Voraussetzungen bieten beispielsweise Weizen oder Wintergerste nach Ackerbohnen oder Winterraps. Auch aus Sicht des Gewässerschutzes ist hierbei eine geringere Mineralisation im Herbst mit entsprechend höherer Nährstoffretention zu erwarten, was im Frühjahr den Getreidebeständen zugutekommt. Ebenso können Sommerungen wie Hafer oder Leguminosen nach gut entwickelten Winterzwischenfrüchten einen geeigneten Einstieg in die Direktsaat ermöglichen, da sie häufig mit einer guten Bodenstruktur und verbesserten Befahrbarkeit im Frühjahr einhergehen. Hinsichtlich der technischen Anforderungen sind spezielle Direktsaatmaschinen im Vorteil, unter günstigen Ausgangsbedingungen können jedoch auch mit entsprechender konventioneller Technik gute Ergebnisse erzielt werden. Entscheidend für den langfristigen Erfolg ist, tiefere Bodeneingriffe wie das Pflügen möglichst zu vermeiden, um ein dauerhaft stabiles Bodengefüge aufzubauen.
Drohnenansaat von Zwischenfrüchten
Ruben Soth von der LKSH stellte im Rahmen des EIP-Projekts „Flugsaat“ aktuelle Erkenntnisse zur Aussaat von Zwischenfrüchten per Drohne vor. Bereits auf den Ostseeschutz-Feldtagen im vergangenen Jahr wurden Demostreifen angelegt und die Technik vorgestellt. Ein Jahr später standen nun erste Versuchsergebnisse sowie Praxiserfahrungen im Mittelpunkt. Dabei zeigte Soth auf, worauf es für eine erfolgreiche Etablierung der Zwischenfrüchte ankommt. Die Versuche zeigten, dass die Drohnensaat einen Vegetationsvorsprung ermöglichen kann. Durch die Aussaat bereits vor der Getreideernte werden Arbeitsspitzen entzerrt und die begrenzte Vegetationszeit der Zwischenfrüchte verlängert. Zudem führt die fehlende Bodenbearbeitung zu einem deutlich geringeren Besatz mit Ausfallgetreide und Altraps. Gleichzeitig machte Soth deutlich, dass der Erfolg der Flugsaat von mehreren Faktoren abhängt. Entscheidend sind ein angepasstes Strohmanagement, eine ausreichende Bodenfeuchte sowie die Auswahl geeigneter Zwischenfruchtarten. Auch Schnecken- und Mäusedruck können die Etablierung erheblich beeinträchtigen. Ein weiterer Schwerpunkt war der Einfluss des vorangegangenen Pflanzenschutzes. Insbesondere Sulfonylharnstoff-Herbizide aus der Frühjahrsbehandlung können empfindliche Zwischenfruchtarten schädigen, da bei der Flugsaat keine Bodenbearbeitung erfolgt und sich durch die frühere Aussaat der Zeitraum für den Wirkstoffabbau verkürzt. Eine universell geeignete Drohnensaat-Zwischenfruchtmischung gibt es daher nicht. Die Auswahl einer an Standort und Pflanzenschutz angepassten Mischung ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor.
Direktsaat in der Praxis
Malte Carstens, Betriebsleiter in Bosau-Kiekbusch, hat nach der Übernahme des elterlichen Betriebs diesen zunächst konventionell weitergeführt. Durch ein hohes Maß an Eigeninteresse und einen engen Austausch mit Betrieben, die Direktsaat bereits praktizieren, folgte dann der Einstieg in die Direktsaat auf dem eigenen Betrieb. In der Anfangsphase wurde vieles erprobt, mittlerweile verfügt der Betrieb über zwei unterschiedliche Direktsaatmaschinen, sodass heute mit Ausnahme von Mais, der im Strip-Till-Verfahren, und Raps, der je nach Vorfrucht im Strip-Till- oder Direktsaatverfahren bestellt wird, fast alle Kulturen im Direktsaatverfahren etabliert werden können. Eine vielfältige Fruchtfolge mit einem Wechsel zwischen Winterungen und Sommerungen sowie Blatt- und Halmfrüchten bildet dabei die Grundlage des Anbausystems. Gleichzeitig gewann der Zwischenfruchtanbau zunehmend an Bedeutung.
Carstens betonte, dass eine möglichst frühe Etablierung der Zwischenfrucht unmittelbar nach der Ernte der Hauptfrucht entscheidend sei, um eine ganzjährige Bodenbedeckung sicherzustellen. Je nach Fruchtfolge setzt er gezielt unterschiedlichen Zwischenfruchtmischungen ein. Durch das Direktsaatverfahren ist der Einsatz von Glyphosat derzeit unverzichtbar. Im Gegenzug verzichtet der Betrieb weitestgehend auf Bodenherbizide, und es kommen vermehrt selektive Blattherbizide zum Einsatz. Zusätzlich wurde die Düngestrategie durch eine teilflächenspezifische Düngung angepasst, wodurch unterschiedliche Bodenarten innerhalb eines Schlages berücksichtigt werden können.
Auch wenn der Umstieg auf die Direktsaat mit Herausforderungen verbunden war, hat Carstens inzwischen ein Anbausystem etabliert, das mittel- und langfristig erfolgreich funktionieren kann. „Direktsaat braucht ihre Zeit, gerade in der Startphase muss man auch mal wegschauen können“, fasste er seine Erfahrungen zusammen. Inzwischen entspricht das betriebseigene Ertragsniveau wieder mindestens dem von benachbarten Betrieben. Zudem zeigen die Bestände eine höhere Ertragsstabilität, da sie Trockenperioden besser überstehen. Mit der Integration der Direktsaat leistet der Betrieb damit einen Beitrag zu einem ressourcen- und bodenschonenden sowie nachhaltigen Ackerbau.
Auswirkungen auf den Boden
Lars Paulsen und Dr. Wolfram Kneib, ausgewiesene Bodenkundler, gaben im Feld einen Einblick in bodenkundliche Aspekte. Wer Direktsaat und optimierte Verwertung der Erntereste in gemäßigten Breiten einsetzt, erreicht eine nachhaltig stabile Standortsituation und vermindert die Wasser- und Winderosion. Wesentliche Punkte, die dem Ostseeschutz zugutekämen, führte Kneib aus. Gleichzeitig zeigte Paulsen anhand mehrerer Profilgruben, dass der Einsatz der Direktsaat über mehrere Jahre einhergehen kann mit der Wiederherstellung und Erhaltung des standortgemäßen Humusspiegels und unmittelbaren Folgen auf die Verbesserung des Wasser- und Nährstoffhaushalts im oberen Bodenbereich sowie mit der Erhöhung der biologischen Aktivität im Boden und der damit verbundenen Verbesserung der Bodenstruktur. Negative Folgen des Pflügens, wie die Verdünnung der Humusgehalte durch größere Bearbeitungstiefe und entstandene Pflugsohlen aus der Historie waren sichtbar, könnten aber mittelfristig kompensiert werden. Das Potenzial der Direktsaat für die Bodenstruktur konnte Paulsen anhand des Bodengefüges sichtbar machen.
Die Praxismaschinen
Melf Petersen von der Firma MP Planting stellte dar, dass der Einsatz moderner Direktsaatmaschinen und Strip-Till-Technik im Ackerbau aktuell an Bedeutung gewinne. Stellvertretend für eine Vielzahl am Markt vertretener Maschinen wurden auf dem Betrieb eine dort im Einsatz befindliche Köckerling Ultima sowie eine Horizon DSX präsentiert. Petersen stellte dar, dass die Köckerling konsequent auf robuste Zinkentechnik setze, während Horizon auf das No-Till-Verfahren mit innovativen Scheibenscharen spezialisiert sei. Durch den geringeren Bearbeitungsaufwand lassen sich Arbeitszeit, Kraftstoffverbrauch und Maschinenverschleiß reduzieren. Gleichzeitig profitieren die Böden von einer besseren Tragfähigkeit und einem höheren Wasserhaltevermögen. Voraussetzung für den erfolgreichen Einsatz sind jedoch eine angepasste Fruchtfolge, eine sorgfältige Bestandsführung sowie eine präzise Einstellung der Technik.
Fazit
Der Praxistag zum Ostseeschutz der Landwirtschaftskammer zur Sensibilisierung für den Ostseeschutz stieß auf große Resonanz und vermittelte wertvolle Erkenntnisse für einen gewässer- und bodenschonenden Ackerbau. Der Praxisaustausch auf den Betriebsflächen von Malte Carstens zeigte allen Beteiligten, dass gewässerschonende Maßnahmen in der Praxis zwar oft mit großen Herausforderungen verbunden sind, sich durch Erfahrung, Beratung und Engagement jedoch erfolgreich umsetzen lassen.



