Bürokratie, Klimawandel sowie steigende politische und gesellschaftliche Anforderungen – wer sich heute entscheidet, einen Milchviehbetrieb zu übernehmen, braucht Mut. Dass Milchviehhalterinnen und Milchviehhalter aber auch einfach Mal stolz auf ihre Arbeit sein können, wurde am Mittwoch beim Norla-Milchfrühstück der Milcherzeugervereinigung Schleswig-Holstein (MEV) in den Räumlichkeiten der Deula in Rendsburg deutlich.
Mit Blick auf die Bauernproteste im Winter betonte der MEV-Vorsitzende Klaus-Peter Lucht: „Wir haben einen gigantischen Strukturwandel in der Milchwirtschaft.“ Dieser habe auch politische Ursachen, die nicht länger hinnehmbar seien.
Ordnungsrecht ist Holzweg
Während der Norla-Messe schlage für die Agrarpolitik Schleswig-Holsteins die „Stunde der Wahrheit“. Das nördlichste Bundesland sei ein Gunststandort für Landwirtschaft und müsse wieder mehr gestärkt werden, insbesondere wenn man den Klimawandel ernst nehmen wolle. „Der geborenen Partner für mehr Naturschutz und Biodiversität ist die Landwirtschaft“, stellte Lucht klar. Aber es brauche mehr Freiheiten für die landwirtschaftlichen Unternehmen. Alles mit Ordnungsrecht zu regeln sei ein Holzweg.
Die Milchwirtschaft im Lande sei unter anderem durch die Vielzahl an Fachinstituten sehr gut aufgestellt. Es gelte aber in die Breite mehr zu kommunizieren, „dass wir gut sind, in dem was wir tun“. Die Meiereien, die noch nicht bei der Initiative Milch dabei sind, rief Lucht auf, dazuzukommen. Akzeptanz der Bevölkerung für die Milchproduktion sei wichtig. Dazu brauche es authentische Landwirte, die Öffentlichkeitsarbeit betreiben, aber auch einen starken Verband, der fachlich zuarbeitet, Kampagnen koordiniert und Aktionen bündelt. „Nur wenn wir gemeinsam an einem Strang ziehen, werden wir erfolgreich für den ländlichen Raum arbeiten“, unterstrich der MEV-Vorsitzende.
Bund muss liefern
Anne Benett-Sturies, Staatssekretärin im Landwirtschaftsministerium stellte klar: „Transformation wird die Branche weiter beschäftigen.“ Die Proteste der Landwirtschaft hätten aber an der politischen Stimmung etwas gedreht. Sie schilderte: „Wir sprechen jetzt über Entlastung und Bürokratieabbau.“ Eine Sonder-Agrarministerkonferenz der Länder habe detaillierte Vorschläge gemacht. Der Bund müsse jetzt liefern. Ihr Ministerium wolle parallel an den „kleinen Stellschrauben“ drehen und habe bereits eine eigene Arbeitsgruppe zum Bürokratieabbau ins Leben gerufen.
Laura Stolley, Junglandwirtin und Sprecherin des Agrarausschusses im Landjugendverband Schleswig-Holstein, beschrieb die Entwicklung auf ihrem Familienbetrieb. Sie habe auf Melkroboter und automatische Fütterung umgestellt. Der Betrieb laufe also in einigen Bereichen autonom. Stolley stellte klar: „Wir sind trotzdem Tiermenschen und sehen unsere Tiere jeden Tag.“ Automatisierung bedeute für sie mehr Tierwohl, weil die Kühe ihren Tagesablauf selbst bestimmten. Grundsätzlich blicke sie zuversichtlich in die Zukunft, wünsche sich aber mehr Wertschätzung von der Gesellschaft und auch mehr Ehrlichkeit. Schließlich spiegele das Einkaufsverhalten der Verbraucher oft nicht die Aussagen in Umfragen wider.
Wenig politische Stabilität
Prof. Torben Tiedemann, Prodekan des Fachbereichs Agrarwirtschaft der Fachhochschule Kiel, stellte heraus, dass gut ausgebildete Leute aus der Landwirtschaft überall gefragt sind. Die Arbeitswirtschaft auf den Betrieben sei daher ein wichtiger Faktor bei der Entscheidung für oder gegen eine berufliche Zukunft in der Landwirtschaft. Automatisierung könne hier helfen. „Dafür muss man Lust auf Daten und Datenauswertung haben“, erklärte Tiedemann. Wer mehr Lust auf Mitarbeiter habe, für den sei vielleicht ein anderer Weg der Richtige. Die Marktentwicklung schätzt der Prodekan positiv ein: „Wir werden eine Angebotsverknappung bekommen, durch den Strukturwandel, Auflagen, Extensivierung und die Moorpolitik.“
Leonie Langeneck, Milchreferentin des Deutschen Bauernverbandes (DBV), prognostizierte, dass die Berichtspflichten im Bereich Nachhaltigkeit zunehmen. Beispielhaft nannte sie die sogenannte Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD). Im Primärtext dieser Verordnung stehe allerdings, dass Prozesse vereinfacht und Bürokratie abgebaut werden sollen. „Darauf müssen wir pochen“, so Langeneck. Sie kritisierte die einseitige Förderung von Extensivierung. Die Unterstützung intensiver Betriebe, die auch effizient und umweltgerecht wirtschaften fehle im aktuellen politischen Plan. Für eine positivere Grundstimmung benötigten Landwirte vor allem stabile Förder- und Rahmenbedingungen.
Goldschmidts Replik
Das Norla-Milchfrühstück 2023 thematisierte die Milchwirtschaft in den Niederungen. Da die Spitze des Umweltministeriums ihre Teilnahme damals abgesagt hatte, endete die Veranstaltung mit einer Video-Botschaft an Umweltminister Tobias Goldschmidt (Grüne) mit der Bitte zu erläutern, wie er sich die Milchwirtschaft in Schleswig-Holstein zukünftig vorstelle:



