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Plötzlich lag alles in ihren Händen

Alwine Stave übernahm während des Zweiten Weltkrieges Verantwortung für Familie und Landwirtschaft
Von Dr. Claudia Kleimann-Balke
Elke Grafe erinnert sich gern an ihre Mutter Alwine und ihre Kindheit auf dem Land. Foto: Dr. Claudia Kleimann-Balke

August 1938: Erst drei Monate zuvor hat Max Stave den Hof seines Vaters übernommen, als er zur Wehrmacht eingezogen wird. Seine Frau Alwine bleibt zurück – mit der gemeinsamen Tochter Elke und den Schwiegereltern.

Das zweite Kind ist bereits unterwegs. Von nun an liegt die Verantwortung für den landwirtschaftlichen Betrieb bei ihr: für den Hof und das Vieh, für die Bankgeschäfte und die Arbeitskräfte ebenso wie für die jungen Mädchen, die im Haushalt helfen. Später kommen weitere Aufgaben hinzu. Wie alle Frauen auf den Höfen versorgt Alwine ausländische Arbeitskräfte und Kriegsgefangene und kümmert sich um Flüchtlinge. Am 1. September 1939 beginnt mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg.

Alwine Stave übernahm 1938 die Verantwortung für den Hof.

Alwine Stave steht stellvertretend für viele Tausend Frauen, die mit dem Krieg plötzlich vor gewaltigen Herausforderungen standen. Väter, Ehemänner und Söhne wurden eingezogen. Zurück blieben nicht nur Frauen und Kinder, sondern auch Höfe, Werkstätten und Betriebe, die ohne die Männer weitergeführt werden mussten. Und sie wurden weitergeführt – wie das Beispiel der damals 24-jährigen Alwine zeigt. Sie übernahm Aufgaben, die zuvor ihr Mann erledigt und in die sie bis dahin kaum Einblick gehabt hatte. Sie organisierte den Betrieb, versorgte die Arbeitskräfte, erzog ihre Kinder und kümmerte sich um die Landwirtschaft und den Haushalt. Außerdem bildete sie junge Mädchen in Hauswirtschaft aus.

„Es war eben so.“

„Ich habe meine Mutter einmal gefragt, wie sie das alles ertragen hat: den Krieg und die ständige Angst um unseren Vater. Sie hat mir geantwortet, dass es eben so gewesen sei – und dass es den anderen schließlich genauso gegangen sei“, erinnert sich Alwine Staves älteste Tochter Elke Grafe. Vor ihr auf dem Esszimmertisch liegen mehrere Fotoalben. Sie bewahren viele glückliche Erinnerungen – selbst aus einer Zeit, in der das Leben von Angst, schwerer Arbeit und Entbehrungen geprägt war.

Elke Grafe, 1936 geboren, wächst mit drei Geschwistern auf einem landwirtschaftlichen Betrieb in Thienbüttel bei Nortorf auf. Ihre frühen Kindheitsjahre fallen in die Zeit des Krieges. Von Bombenangriffen bleibt die ländliche Region weitgehend verschont. Doch eines Tages greifen Tiefflieger den Milchwagen an, mit dem Alwine unterwegs ist. Sie schießen auf das Gespann. Alwine kommt unversehrt davon, doch bei der kleinen Elke sitzt die Angst tief. „Ich habe jeden Abend den Koffer für meine Puppe gepackt“, erinnert sie sich. „Für alle Fälle.“

Lange Arbeitstage

Die Landwirtschaft in Elke Grafes Kindheit war von schwerer körperlicher Arbeit geprägt. Zwar standen bereits erste technische Hilfsmittel zur Verfügung, doch der Großteil der Arbeiten musste noch von Hand erledigt werden. „Wir hatten einen Mischbetrieb mit 38 ha Land, einen großen Gemüsegarten und 18 Kühe. Für heutige Verhältnisse ist das nicht viel. Damals war es ein gesunder Betrieb“, erzählt sie. Die Arbeitstage waren lang. „Meine Mutter stand morgens um 4.30 Uhr auf, um die Kühe zu melken. Wenn sie damit fertig war, machte sie uns für die Schule zurecht. Wir frühstückten, und sie flocht uns die Zöpfe. Im Sommer gab es eine Mittagsstunde. Nur während der Ernte standen wir direkt nach dem Mittagessen wieder auf – und dann ging die Arbeit weiter.“ Am Abend brachte Alwine Stave den jungen Mädchen, die im Haushalt halfen, verschiedene Handarbeitstechniken bei. „Sie lernten, wie man alles instand hielt oder einen Hohlsaum nähte. Vor allem aber lernten sie, wie man aus beschädigten Dingen noch etwas Neues machen konnte. Aus den unversehrten Ecken eines alten Bettlakens fertigten wir kleine Decken. Meine Mutter arbeitete, bis es Zeit war, ins Bett zu gehen.“ Freizeit im heutigen Sinn gab es nicht. „Wenn meine Mutter am Sonntag mit uns zum Friedhof spazieren ging, hat sie das immer genossen“, sagt Elke Grafe. „Sie sagte dann: ,Dar wüll keen een wat vun mi.‘“

Was Alwine Stave damals als selbstverständliche Pflicht empfand, war eine außergewöhnliche Leistung. Wie viele Frauen ihrer Generation hielt sie unter schwierigsten Bedingungen Familie und Hof zusammen – oft ohne Anerkennung und ohne ihre eigene Stärke hervorzuheben. Ihre Geschichte erinnert daran, welchen entscheidenden Beitrag Frauen während des Krieges leisteten und wie sehr ihr Wirken das Leben auf dem Land geprägt hat. Es waren Frauen wie Alwine, die dafür sorgten, dass der Alltag weiterging.

In den typisch weiblichen Arbeitsbereichen (Kuhstall, Haushalt und Gemüsegarten) hatte Alwine Stave Unterstützung. Fotos: privat
Der lange Arbeitstag begann um 4.30 Uhr mit dem Melken der Kühe.
Zur Erntezeit packten auf den Feldern alle mit an.
Bei der Kartoffelernte kamen einfache Landmaschinen zum Einsatz.


Info

Das Ministerium für Landwirtschaft, ländliche Räume, Europa und Verbraucherschutz blickt auf der Norla ebenfalls auf die Landwirtschaft vor 80 Jahren. Dort kann man Alwine Stave wiedertreffen!

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