Nach viereinhalb Jahren ist die Arbeit des „Innovationsnetzwerkes Rind“ – kurz „InnoRind“ – vorerst abgeschlossen. Für eine „Zukunftsfähige Rinderhaltung in Deutschland unter Berücksichtigung von Tierwohl, Umweltwirkungen und gesellschaftlicher Akzeptanz“ sind mehrere Versuche im Bereich der Kälberaufzucht, des Abkalbemanagements und der Rindermast durchgeführt worden. Am 20. Januar 2026 präsentiert „InnoRind“ seine Ergebnisse in Berlin und lädt Interessierte dazu ein.
Das „InnoRind“ ist ein bundesweites Netzwerk, das viele namhafte Akteure mit langjähriger Erfahrung im Bereich der Rinderhaltung vereint und sich das Ziel gesetzt hat, die Rinderhaltung in Deutschland zukunftsfähig weiterzuentwickeln. Insgesamt besteht „InnoRind“ aus zwölf Projektpartnern. Dabei handelt es sich um neun wissenschaftliche Institutionen sowie neun landwirtschaftliche Versuchsbetriebe. Die Betriebe repräsentieren sowohl weitgehend die Hauptregionen der Rinderhaltung in Deutschland als auch verschiedene Betriebsformen (siehe Abbildung). Die Koordination des Verbundvorhabens hat das Institut für Tierzucht und Tierhaltung der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) übernommen.
Die Förderung des Vorhabens erfolgt aus Mitteln des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages. Die Projektträgerschaft hat die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung im Rahmen des Bundesprogramms Nutztierhaltung.
Ziele des Projekts
Das Verbundvorhaben „InnoRind“ nutzt die Expertise der Projektbeteiligten, um innovative Haltungs- und Managementmaßnahmen für eine zukunftsfähige Rinderhaltung in Deutschland zu entwickeln, zu testen und dazu Empfehlungen in Form von Leitfäden für die Praxis zu erarbeiten. Im Fokus stehen dabei:
• Verbesserung des Tierwohls
• Verringerung der negativen Umweltwirkungen
• Erhöhung der gesellschaftlichen Akzeptanz
• Verbesserung der arbeitswirtschaftlichen Situation der Betriebe
• Wissenstransfer und Erarbeitung von Empfehlungen für die landwirtschaftliche Praxis
Haltungs- und Managementkonzepte
Arbeitsgruppe (AG) Milchkühe – optimierte Abkalbebuchten mit Separee
Auf den Versuchsbetrieben Karkendamm (CAU), Lehr- und Versuchszentrum Futterkamp (Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein, LKSH) und dem Gut Dummerstorf (in Zusammenarbeit mit der Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei Mecklenburg-Vorpommern) sind die Abkalbeställe umgebaut worden. Gruppenabkalbebuchten mit Separees sollen dem natürlichen Verhalten der Kühe Rechnung tragen, sodass sich die Tiere vor der Abkalbung in einen geschützten Bereich zurückziehen können. Es sind Untersuchungen zum Verhalten der Kühe und zum Kalbeverlauf durchgeführt worden. Zudem wurde der Frage nachgegangen, ob sich die Abkalbebuchten mit Rückzugsmöglichkeiten für einen verlängerten Verbleib von Kuh und Kalb (24 bis 48 Stunden) eignen und wie sich dieser auf die Tiergesundheit und das Kälbermikrobiom auswirkt. Welche Vorteile verspricht dieses System?
• Kühe haben die Möglichkeit, ihrem natürlichen Verhalten nachzugehen. Sie können sich selbstständig separieren (kein zusätzlicher Buchtenwechsel unmittelbar vor der Kalbung nötig).
• Ein Sichtschutz kann insbesondere für rangniedere oder kranke Kühe Stress reduzieren (positive Effekte auf Kalbeverlauf und Tiergesundheit/-wohl).
• Bei Systemen mit Kuh-Kalb-Kontakt ist durch einen Sichtschutz der Bindungsaufbau zwischen Kuh und Kalb nach der Kalbung intensiver ausgeprägt.
AG Kälber – Kälberaufzucht neu gedacht
Das Thünen-Institut hat auf seinem Versuchsbetrieb Trenthorst ein stressarmes Absetz- und Separationsverfahren mithilfe eines smarten Selektionstors für Kälber in der muttergebundenen Kälberaufzucht entwickelt. Der Zugang der Kälber zu ihren Müttern wird dabei im Absetzzeitraum schrittweise eingeschränkt. Im Vergleich zum abrupten Absetzen (gleichzeitiger Entzug von Milch und Kontakt zur Mutter) werden die täglichen Zunahmen der Kälber durch dieses Vorgehen weniger stark beeinflusst. Die Verhaltensreaktion der Kühe und der Kälber auf die zwei getesteten Absetzvarianten unterschied sich jedoch.
Auf fünf Milchviehbetrieben wurde die frühe Gruppenhaltung von Kälbern untersucht (CAU, Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei Mecklenburg-Vorpommern, LKSH, Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen, Hochschule Rhein-Waal): Untersuchung der Auswirkung der Haltung von Kälbern zu zweit oder in Kleingruppen ab der ersten Lebenswoche auf Leistung, Tiergesundheit und Stress sowie Untersuchungen zu Verhalten, Gesundheit und Stress bei der Umstallung der Kälber aus der Paar- und Kleingruppenhaltung in die weitere Gruppenhaltung. Das ausführliche Gesundheitsscoring ergab, dass sich die Kälber in der frühen Gruppenhaltung des Lehr- und Versuchszentrums (LVZ) Futterkamp sehr vital und aktiv mit ausgeprägtem Sozialverhalten während der gesamten Aufzucht zeigten.
Die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) hat auf dem Versuchsbetrieb in Achselschwang die Gruppenhaltung von Kälbern im Außenklimastall getestet. Ziel war die Optimierung des Stallklimas unter den Gesichtspunkten des Tierwohls und Tierverhaltens.
AG Mastrinder – innovative Rindermast
Das Thünen-Institut für ökologischen Landbau hat die silvopastorale Weidemast von Holstein-Ochsen im ökologischen Landbau untersucht. Es wurde die Kombination aus zweisömmriger Weidehaltung mit Futterhecken sowie einer dazwischenliegenden Winterstallhaltung erprobt. Ein derartiges Mastverfahren könnte das Tierwohl durch Schatten (Hecken), erhöhte Bewegungsfreiheit und Außenklimazugang (Weidehaltung) verbessern; positive Ökosystemleistungen der Hecken für Luft- und Wasserqualität sowie für die Kohlenstoffbindung sind aus der Literatur bereits bekannt. Die Ergebnisse zeigen, dass mit vergleichsweise kurzer Mastdauer (zirka 21 Monate), begrenztem Kraftfuttereinsatz und Weidehaltung sehr gute Leistungen bei gleichzeitig hoher Fleischqualität erzielt werden können. Die silvopastorale Mast bietet damit eine nachhaltige und praxisnahe Möglichkeit, männliche Kälber tiergerecht in regionale Wertschöpfungssysteme zu integrieren.
Auf den Betrieben in Grub (LfL) und Groß Kreutz (in Zusammenarbeit mit dem ATB Potsdam – Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie) wurden bestehende Systeme der intensiven Mastrinderhaltung auf ihr Potenzial zur Verbesserung des Tierwohls und der Tiergesundheit durch Anpassungen in den Bereichen Buchtengestaltung, Stallklima, Außenklima und Auslauf optimiert. In Groß Kreutz wurde die typische Stallhaltung mit der Außenhaltung verglichen. Erste Ergebnisse zeigen, dass die Werte in Bezug auf Lebendmasse, tägliche Zunahmen, Schlachtgewicht, Bemuskelung und Fettklasse zwischen beiden Systemen vergleichbar sind. Die Tiere in Außenhaltung zeigten jedoch weniger starke Verschmutzungen und einen besseren Klauenzustand im Vergleich zur Haltung auf gummiertem Vollspaltenboden. Zudem ist eine Einstufung des Fleisches in Haltungsform 3 oder 4 möglich, was einen Mehrerlös von bis zu 0,22 €/kg Schlachtgewicht bringen kann.
AG Tierwohlplanung – Managementkonzept zur Verbesserung des Tierwohls
Das Thünen-Institut hat in der AG Tierwohlplanung ein präventiv orientiertes Managementkonzept für eine strukturierte und systematische Tierwohlplanung für die Praxis entwickelt. Dieses kann in Rinder haltenden Betrieben zur kontinuierlichen Verbesserung und Sicherstellung des Tierwohls eingesetzt werden. Hintergrund: Viele sogenannte Produktionskrankheiten in der Rinderhaltung, beispielsweise Lahmheiten, Eutergesundheits- und Stoffwechselstörungen, sind fast immer multifaktoriell bedingt. Das heißt, eine Vielzahl von Ursachen führt zu einer Erkrankung oder einer Verletzung. Die Einflussfaktoren liegen in der Regel auf Betriebsebene: in der Haltung, der Fütterung oder dem Management. Eine entscheidende Rolle in der Sicherstellung und Aufrechterhaltung des Wohlergehens der Nutztiere kommt daher der Vorbeugung von Gesundheitsstörungen und anderen Tierwohlproblemen zu. Konzept, Hintergründe und Praxisumsetzung der Tierwohlplanung werden in dem im Projekt erstellten Ratgeber und auf der dazugehörigen Webseite erklärt. Letztere bietet zudem eine Übersicht über verfügbare Tools für die Tierwohlplanung (www.tierwohlplanung.de).
Ganzheitliche Konzepte für die Praxis
Alle Versuche und Entwicklungen sind ganzheitlich evaluiert worden, sodass auch die Auswirkungen auf das Tierwohl und die Tiergesundheit, der Antibiotikaeinsatz sowie die Tierhygiene, der mögliche Hitzestress sowie das Stallklima, die praktische Umsetzbarkeit, die Umweltwirkungen, die gesellschaftliche Akzeptanz und die ökonomische Bewertung mit in die Auswertungen einbezogen worden sind. Aktuell werden Leitfäden von jeder Arbeitsgruppe erstellt, in denen Schritt für Schritt über die bearbeiteten Haltungs- und Managementkonzepte berichtet wird. Diese werden allen Interessierten ab Mitte Januar 2026 zur Verfügung stehen.
„InnoRind“-Abschlussveranstaltung in Berlin
Die Ergebnisse werden am 20. Januar 2026 in den Räumlichkeiten der Vertretung des Landes Schleswig-Holstein beim Bund (In den Ministergärten 8, 10117 Berlin) präsentiert. Interessierte sind eingeladen, mit den Beteiligten über die Zukunft der Rinderhaltung in Deutschland zu diskutieren. Den Impulsvortrag dazu wird Prof. Harald Grethe von der Humboldt-Universität zu Berlin halten. Anmeldung über folgenden Link: https://forms.gle/rwazs6RfL2PLtSRs9 (bitte die begrenzte Teilnehmerzahl beachten).
Das Programm findet sich unter: https://t1p.de/xr20m
„InnoRind“-Abschlussveranstaltung und Webinarreihe
• 20. Januar 2026 von 10 bis 17 Uhr: „InnoRind“-Abschlussveranstaltung in Berlin, Anmeldung über https://forms.gle/rwazs6RfL2PLtSRs9
Zusätzlich zur Abschlussveranstaltung werden die Arbeitsgruppen ihre Ergebnisse in einer Webinarreihe vorstellen:
• 8. Januar 2026 von 19 bis 21 Uhr: AG Mastrinder „Mast have – innovative Rindermast im Fokus“ unter anderem mit Vortrag von Landwirt Benedikt Ley (Mühlenhof Zeppelin) und AG Tierwohlplanung „Tierwohlplanung – ein präventiv orientiertes Managementkonzept zur Verbesserung des Tierwohls in der Praxis“
• 22. Januar 2026 von 19 bis 20.30 Uhr: AG Milchkühe „Abkalbebuchten neu gedacht – was wünschen sich die Kühe?“
• 29. Januar 2026 von 19 bis 20.30 Uhr: AG Kälber „Gemeinsam fit – Kälberaufzucht neu gedacht“
Anmeldung für diese Veranstaltungen über https://docs.google.com/forms/d/e/1FAIpQLSf3leChKtk12n2V8au52Wa7V9Emx58z2NEpL5mX4SePvOdd0A/viewform
Zusätzlich wird am 15. Januar die Baulehrschau in Futterkamp stattfinden, in der es um die „Frühe Gruppenhaltung von Kälbern“ aus dem Projekt „InnoRind“ geht.



