Der Flensburger Hans Christiansen (1866-1945) ist nicht nur Namensgeber eines der beiden Ausstellungsgebäude auf dem Museumsberg Flensburg. Er war einer der bedeutendsten Künstler des Jugendstils, dessen Nachlass seit den 1950er Jahren auf dem Museumsberg bewahrt und ausgestellt wird. Durch eine glückliche Fügung fand nun auch der bislang unveröffentlichte Nachlass eines seiner wichtigsten Schüler, Robert Gercke, den Weg nach Flensburg. In der neuen Ausstellung „Jugendstil hoch zwei“ zeigt der Museumsberg Flensburg erstmals das Werk von Lehrer und Schüler gemeinsam, ergänzt um weitere Werke von Schülern und Schülerinnen Hans-Christiansens, der sich selbst nie als Lehrer sah.
Museumsleiter Michael Fuhr strahlt bei der Vorstellung der neuen Ausstellung, die er selbst für die wahrscheinlich schönste Ausstellung hält, die auf dem Museumsberg je gezeigt wurde. An seiner Seite, extra aus Aachen angereist, freut sich Irmgard Gercke, Enkelin von Robert Gercke, ebenfalls sehr, denn endlich erhält ihr Opa mit der Ausstellung die Aufmerksamkeit, die er immer verdient hatte: „Sie ist eine späte Homage an meinen Großvater, das hat mich sehr berührt.“ Gerckes Nachlass umfasst Gemälde, Zeichnungen und zahlreiche Entwürfe für Kunstgewerbe, Illustrationen und Plakate. Die Rose als Motiv zieht sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung, sowohl bei Hans Christiansen als auch bei Robert Gercke, „da war der Lehrer Vorbild“,
so Fuhr. 
Foto: Iris Jaeger
Der neue Stil, benannt nach der Münchener Kulturzeitschrift „Jugend“, galt als mehr denn nur eine neue Stilrichtung oder Formensprache – „er war vielmehr die sichtbare Erscheinung einer grundsätzlichen ästhetischen Neuorientierung, verbunden mit der Hoffnung auf einen Neubeginn auf allen Gebieten: Technik, soziale Gerechtigkeit, Ästhetik“, schreibt Michael Fuhr in einem seiner Beiträge im aufwendig erarbeiteten Katalog zur Ausstellung. „Es sollte Schluss sein mit der Wiederholung traditioneller Formen und Motive, mit dem eklektischen Stilmischmasch der Gründerzeit.“ Der industrielle Fortschritt, die Begeisterung für moderne Technik, für eine reduzierte Formen- und Farbsprache prägten die Jugendstilkünstler. Die Künstler hatten die Idee, mit ihrer Arbeit die Welt zu verbessern. Man glaubte daran, dass eine schöne Umgebung bessere Menschen mache. „Wer sich mit schönen Dingen umgibt, wird kultivierter und der Charakter wird besser, davon war man überzeugt“, erklärt Fuhr.
Hans Christiansen gehörte zu den Darmstädter Sieben, einer Künstlerkolonie in der beginnenden Jugendstil-Epoche, die seinerzeit von Großherzog Ernst Ludwig Karl Albrecht Wilhelm von Hessen und bei Rhein auf Anregung des Kunstverlegers Alexander Koch 1899 beauftragt wurden, für eine Ausstellung als Objekte individuelle Künstlerhäuser im neuen Stil als neuzeitliche und zukunftsweisende Bau- und Wohnformen zu bauen. Dafür hatten sie ein Jahr Zeit.
Foto: Iris Jaeger
Die Ausstellung unter dem Titel „Ein Dokument deutscher Kunst“ fand von Mai bis Oktober 1901 statt und verhalf dem Jugendstil in Darmstadt zu einem Aufschwung. Der Flensburger Hans Christiansen hatte, wie die anderen Jugendstilkünstler auch, Hilfe von Assistenten, denn allein war diese Aufgabe nicht zu schaffen, zumal Christiansen vom Gebäude über die Einrichtung bis hin zum Geschirr alles selbst entwarf: Möbel, Teppiche, Tapeten, Gläser, Teller, Fenster. Er war jedoch der Einzige, der das auch zugab und im Ausstellungskatalog aufschrieb. Einer seiner Assistenten war Robert Gercke, der zuvor bereits bei Christiansen in Hamburg eine Lehre zum Dekorationsmaler absolviert hatte. Die Häuser waren für Besucher der Ausstellung zugänglich, Christiansens Haus stach dabei gesondert heraus und sorgte für Furore allein schon durch die innige Farbigkeit im Innern. Das Haus wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört, doch war Christiansen 1911 bereits ausgezogen und hatte vieles mitgenommen, was im Nachlass bewahrt wurde und nun gezeigt werden kann. Eine Reise durch spannende Biografien zweier Künstler und deren Familien, durch eine Zeit voller Veränderungen, eine Reise durch Farben, Formen, Ideen, Geschichten und Inspirationen. Weitere Informationen unter museumsberg.de




