Die Wintergerste genießt in den letzten Jahren ein recht stabiles Niveau der Anbaufläche. Mit einem Flächenumfang von rund 70.000 ha ist sie aber um mehr als 4 % gegenüber 2024 gesunken (Statistikamt Nord). Gleichzeitig stellt sich für viele Ackerbaubetriebe die Frage, wie lange sich die Wintergerste im Anbau halten lässt, wenn Ackerfuchsschwanz mit dem zukünftigen Wegfall des herbiziden Wirkstoffes Flufenacet nur unzureichend zu bekämpfen ist und Alternativen bislang noch nicht geklärt sind.
Dabei hat gerade die Wintergerste im Norden wie auch bundesweit in den letzten Jahren gezeigt, dass sie ertraglich sehr stabil ist und aufgrund der Anbaueigenschaften und frühen Reife in der Fruchtfolge als nur schwer verzichtbar erscheint. Zudem ist derzeit die Erlössituation mit geringen Preisen um die 155 €/dt bei hohen Kosten im Anbau nicht zufriedenstellend. Hier kann nur durch günstige Anbaukosten und ein hohes Ertragsniveau ein positives Betriebsergebnis sichergestellt werden. Welche Sorten hier interessant sind, lässt sich für die verschiedenen Regionen anhand der Ergebnisse aus den Landessortenversuchen (LSV) ablesen.
Das Anbaujahr der Wintergerste startete mit der Aussaat in einem wechselhaften Herbst 2024. Während der September sehr warm war und sich damit frühe Saattermine sehr schnell und stark einwickeln konnten, ging es für Saattermine ab Oktober regional unterschiedlich weiter. Hier behinderten starke Niederschläge gerade an der Westküste sehr deutlich die Aussaat und sorgten durch teilweise hohe Niederschlagssummen in kurzer Zeit für ungünstige Voraussetzungen nach der Saat. So konnten diese späteren Bestände nur schwach und geringer bestockt in den Winter gehen. Aufgrund der Wärme im September und noch einmal Mitte Oktober musste an vielen Standorten ein deutlicher Blattlauszuflug beobachtet werden, der häufig einen Insektizideinsatz erforderte. Während der November und Dezember landesweit nass waren, setzte mit dem Jahreswechsel eine trockenere Phase ein, die mit insgesamt sehr geringen Niederschlägen im Februar und März ein Abtrocknen der Böden beziehungsweise ein Abziehen des Wassers in tiefere Bodenschichten ermöglichte. Während des gesamten Winters trat direkte Auswinterung nicht auf.
Durch relativ gut abgetrocknete Böden konnte im Februar und März die Andüngung der Bestände, sowohl mineralisch als auch organisch, rechtzeitig und sicher erfolgen. Hinsichtlich des Ausgangsbefalls mit Blattkrankheiten blieb es in diesem Frühjahr relativ ruhig und Blatt- und Triebverluste waren eher die Ausnahme. Aufgrund zusehends oberflächlich austrocknender Böden kam es darauf an, die zweite N-Gabe zeitig zu applizieren. Spätere Termine gerade an südlichen und leichteren Standorten dürften hierauf empfindlich reagiert haben. Dennoch konnte an den meisten Beständen offensichtlicher Nährstoffmangel und Trockenstress lediglich in Teilbereichen beobachtet werden, da die Wurzelentwicklung trotz der Nässe von November und Dezember gut war und ein Erschließen von Wasser- und Nährstoffvorräten aus tieferen Bodenschichten gut ermöglichte. Die Niederschläge zu Ostern sorgten nur in manchen Regionen, besonders wiederum an der Westküste, für deutliche Entspannung. Der ergiebige Regen ab Ende Mai konnte für die Kornfüllungsphase der Bestände gut genutzt werden. Entsprechend dem trockenheitsbasierten Stress war die richtige Wahl der Wachstumsreglermaßnahmen nicht einfach. Je nach Standort, Niederschlagsverteilung und Wüchsigkeit des Bestandes musste individuell mit teilweise deutlich reduzierten Aufwandmengen gearbeitet werden, um einerseits das Wurzelwachstum nicht zu gefährden und den Stress nicht weiter zu verschärfen. Andererseits befand sich die Wintergerste gleichzeitig in diesem Jahr sehr früh in der Streckung und begann früh mit der Blüte.
Auch in diesem Jahr war das Auftreten von Blattkrankheiten sehr differenziert. Zwergrost trat wenig und oftmals spät auf, Ramularia spielte besonders am LSV-Standort Groß Offenseth eine Rolle. Die Ernte der Wintergerste musste in vielen kleineren Etappen vorgenommen werden, da kein stabiles Erntewetter herrschte. Dafür war in der Wintergerste Lager überwiegend kein Problem, lediglich in wüchsigen Senken trat es häufiger auf.
Standorte und Versuchsaufbau
Für den Naturraum Marsch wurde an den beiden Standorten Sönke-Nissen-Koog im Norden und Barlt im Süden je ein LSV Wintergerste angelegt. Für die Geest standen die Standorte Schuby und in diesem Jahr als südlicher Standort Groß Offenseth zur Verfügung. Für das Östliche Hügelland standen wieder an allen drei Standorten (Kastorf, Futterkamp, Loit) Landessortenversuche. Aufgrund der sicheren Ergebnisse konnten in diesem Jahr alle Standorte in die Auswertung mit einfließen. Die Versuche wurden wie gehabt in Form einer zweistufigen Prüfung angelegt, wobei in der Stufe 2 (zur Ertragsauswertung herangezogen) der Fungizid- und Wachstumsreglereinsatz ortsüblich intensiv stattfindet und dafür in der Stufe 1 (zur Beurteilung von Standfestigkeit und Krankheitsanfälligkeit) kein Fungizid eingesetzt und Wachstumsregler deutlich reduziert wird.
Erträge in den Versuchen
In der Marsch konnte am Standort Sönke-Nissen-Koog mit 126,1 dt/ ha in der Behandlungsstufe 2 das höchste Ertragsniveau über alle Standorte ermittelt werden (Tabelle 1). Im Gegensatz dazu lag das Ertragsniveau in Barlt mit 88,0 dt/ha vergleichsweise niedrig, kann aber mit späterem Saattermin und folgenden starken Niederschlägen begründet werden. Auf den Geeststandorten konnte in Schuby mit 86,4 dt/ ha und in Groß Offenseth mit 99,3 dt/ha ein sehr zufriedenstellendes Ergebnis erzielt werden (Tabelle 2). Für das Erreichen dieses Niveaus waren die Niederschläge von rund 80 mm um Ostern maßgeblich. An den Standorten des Östlichen Hügellandes hat Kastorf trotz der größten Trockenheit mit 111,2 dt/ ha die höchsten Erträge erreicht. In Futterkamp mit 103,9 dt/ ha und Loit mit 96,1 dt/ha lagen die Erträge hinter den Erwartungen zurück und können in Teilen mit schwierigeren Bodenverhältnissen begründet werden (Tabelle 3). Über alle Versuche hinweg (lediglich in Loit mit einer stärkeren Streuung) sind die Grenzdifferenzen auf einem erfreulich niedrigen Niveau, wodurch eine gute und belastbare Auswertung ermöglicht wird.
Ermittelte Qualitäten
Die wichtigste Qualitätsgröße für die Wintergerstenvermarktung stellt das Hektolitergewicht dar. Die geforderten Werte liegen in der Regel bei 63 kg/hl und wurden in diesem Jahr von allen Sorten sicher erreicht (Tabelle 4). Viele Sorten lagen sicher und sehr deutlich über diesem Wert, manche nur geringfügig. Dennoch deckt sich diese Beobachtung mit den langjährigen Werten bei den älteren Sorten. Im norddeutschen Raum wurde Wintergerste 2025 fast ausschließlich mit guten Qualitäten geerntet.
Sortenempfehlungen der Landwirtschaftskammer
Für den Anbau empfehlen sich weiterhin Sorten, die in den Landessortenversuchen gute Ergebnisse hinsichtlich Ertrag und Qualität erzielt haben und sich aufgrund ihrer Gesundheit und der Agronomie als positiv herausgestellt haben. Aber auch ältere und andere Sorten, mit denen im Betrieb gute Erfahrungen gemacht wurden und die in der richtigen Bestandesführung entsprechend gehandhabt werden können, bleiben für einen Anbau interessant. Zudem spielen immer häufiger die Resistenzeigenschaften der Sorten eine wesentliche Rolle. Hier vor allem zu nennen sind die doppelte Gelbmosaikvirusresistenz (Typ I und II) sowie die Toleranz gegen das von Blattläusen übertragene Gelbverzwergungsvirus (das auch den Weizen deutlich schädigen kann). Hier ist mittlerweile eine Vielzahl von Sorten auf dem Markt verfügbar, mittlerweile auch einige sogenannte multiresistente Sorten (gegen beide Virosen).
Über alle Naturräume bleibt ‚Esprit‘ trotz dieses schwachen Jahres noch empfohlen, mehrjährig ist sie immer noch überdurchschnittlich. Auch überall weiterhin empfohlen als Schwerpunktsorte bleibt ‚Julia‘, da sie ertraglich und agronomisch wieder absolut überzeugt hat. Lediglich das Hektolitergewicht kann knapp ausfallen und aufgrund der sehr großen Anbaubedeutung wird die Gesundheit etwas geringer werden, was derzeit schon beim Rhynchosporium zu erkennen ist. Auch an allen Standorten empfohlen werden die Hybridsorten ‚SY Galileoo‘, ‚SY Loona‘ und ‚SY Dakoota‘. Insbesondere die ersten beiden eignen sich auch für spätere Saattermine und gerade ‚SY Loona‘ hat in den Versuchen die starke Bestockungsneigung gezeigt, die bei zu hoher Saatstärke allerdings auch negative Auswirkungen haben kann.
Vorläufig empfohlen ist ‚SY Colysseoo‘ im Hügelland und auf der Geest, die neben guter Gesundheit auch ein insgesamt hohes Ertragsniveau zeigte und dabei im Frühjahr 2025 eine deutsche Zulassung erhalten hat.
Vorläufig auf allen Standorten empfohlen ist die ertragsstarke und multiresistente ‚KWS Chilis‘, die vorrangig bei Gelbmosaikvirus-Typ-II-Auftreten und höherem Blattlauszuflugrisiko in den Anbau kommen kann. Dabei ist aber darauf zu achten, dass sie einen höheren Fungizidaufwand (Zwergrost) und einen ausreichenden Wachstumsregleraufwand erhalten muss, da sie auch in der Halmstabilität schwach ist.
Regional im Hügelland behält ‚RGT Mela‘ die Empfehlung, da sie in trockenen Jahren besonders gut abschneidet. Als lange Sorte muss sie ausreichend in der Standfestigkeit abgesichert werden.
Zudem bekommt die zweizeilige Sorte ‚Goldmarie‘ auf der Geest eine Empfehlung, da sie bei guten Erträgen insbesondere in der Gesundheit gut eingestuft ist, aber sehr sicher eine hohe Qualität erreicht. Unter den Zweizeilern ist sie eher lageranfällig und kann hinsichtlich des Wachstumsreglers ähnlich einer mehrzeiligen Gerste geführt werden.
Fazit
Die zurückliegende Gerstenernte fiel in den Versuchen wie in der Praxis teilweise erfreulich gut aus, teilweise aber blieb sie auch hinter den Erwartungen zurück. Dennoch ist die Wintergerste eine wichtige Frucht und wird es auch hoffentlich weiter bleiben. Bei der Sortenwahl haben die etablierten Sorten weiter ihre volle Daseinsberechtigung und auch die Hybridsorten konnten zeigen, dass ein hohes Maß von Kompensationsfähigkeit in ihnen steckt. Es sollte aber weiter auf die Wahl verschiedener Sorten im Anbau geachtet werden, um das Risiko zu verteilen.




