In diesem Jahr wurde von Mai bis Ende August in Schleswig-Holstein ein Monitoring zum Auftreten der Schilf-Glasflügelzikade (Pentastiridius leporinus) in Zuckerrüben, Kartoffeln und im Gemüseanbau durchgeführt, um feststellen zu können, ob sie auch schon hierzulande auftritt.
Das Monitoring zur Flugaktivität der Schilf-Glasflügelzikade (SGFZ) wurde durch den Pflanzenschutzdienst bei der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein (LKSH) wöchentlich mit Klebetafeln durchgeführt. In der phytopathologischen Diagnostik in Kiel wurden die Insekten auf den Klebetafeln mithilfe eines Binokulars genau betrachtet und auf das Vorkommen der SGFZ überprüft. Es wurde an keinem Standort die Schilf-Glasflügelzikade gefunden, womit Schleswig-Holstein noch befallsfrei ist. Ganz anders sieht es jedoch in den anderen Bundesländern aus. In diesem Jahr wurde auch die öffentliche Darstellung des bundesweiten Monitorings online auf www.isip.de gestartet, sodass die Situationen in den anderen Bundesländern für alle ersichtlich wurde. Die Monitoring-Ergebnisse sind hier unter https://www.isip.de/isip/schilf-glasfluegelzikade zu sehen.
Vorkommen der Schilf-Glasflügelzikade
Der Klimawandel mit steigenden Temperaturen und Hitzeperioden mit Wassermangel fördert die Ausbreitung weiterer Schädlinge wie der SGFZ. Milde Winter begünstigen die Vermehrung über die Wintermonate. Die SGFZ gehört zur Gattung der Spitzkopfzikaden (Fulgoromorpha) und zählt zu den phloemsaugenden Insekten. Sie ist in Europa heimisch, kommt aber auch bis Asien und Afrika vor. Ursprünglich war sie an moorigen oder salzigen Standorten verbreitet. In Europa sollen fast 150 Arten, in Deutschland etwa 20 Arten vertreten sein. Die ersten Schäden durch die SGFZ wurden 1991 in Frankreich beobachtet, was in bestimmten Regionen zur Aufgabe des Zuckerrübenanbaus führte. Die wärmeliebende SGFZ breitet sich immer rasanter auch in Deutschland aus. Diese Zikade hat ihr bisher bevorzugtes Habitat, die Schilfflächen, verlassen und zuerst seit 2008 die Zuckerrüben als neue Wirtspflanze in Südbaden befallen. Seit dem Jahr 2022 tritt sie auch in Kartoffeln und seit 2024 im Gemüseanbau (zum Beispiel in Möhren und Roter Bete) auf. Durch ihre hohe Anpassungsfähigkeit, sich über verschiedene Wirtskulturen zu vermehren, hat sich die Zikade mittlerweile in bestimmten Regionen als Schadorganismus fest etabliert. Sie bedroht mit zwei bakteriellen Krankheiten zunehmend den Kartoffel- und Zuckerrüben-, aber auch den Gemüseanbau. Besonders betroffen sind südliche und südöstliche Anbaugebiete in Deutschland. Die SGFZ wandert nach bisheriger Erfahrung jährlich zirka 20 bis 30 km voran. Mit Stand Ende 2024 waren in Deutschland 85.000 ha Zuckerrüben und 22.000 ha Kartoffeln mit den bakteriellen Erregern infiziert.
In den beiden benachbarten Bundesländern Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern tritt die SGFZ bereits auf, aber das Auftreten scheint in beiden Bundesländern bislang stark regional begrenzt zu sein. In Niedersachsen wurden die nördlichsten Fänge, aber in sehr geringer Anzahl, im Raum Wolfsburg gemacht. In Mecklenburg-Vorpommern ist der Nachweis bisher auf die Region um Neubrandenburg beschränkt. Eine weitere Ausbreitung, auch nach Schleswig-Holstein, ist aber irgendwann nicht auszuschließen, denn jährlich breitet sich das Vorkommen nord- und ostwärts weiter aus. In Schleswig-Holstein wurden im Jahr 2025 laut dem Statistischem Amt (statistik-nord) 9.100 ha Zuckerrüben und 7.600 ha Kartoffeln angebaut, wobei etwa die Hälfte der Kartoffeln Pflanzgutvermehrungsflächen sind (Quelle: Anerkennungsstelle für Saat- und Pflanzgut, LKSH.). Weiter werden etwa 7.500 ha Gemüse, davon mehr als 1.000 ha Möhren und Karotten angebaut. Die Untersuchung auf die bakteriellen Erreger würde in der phytopathologischen Diagnostik in Kiel mittels PCR beziehungsweise qPCR erfolgen.
Lebenszyklus und Symptomatik
Die SGFZ fliegt ab Mai in die Bestände ein und saugt an den Pflanzen, wodurch die zwei bakteriellen Krankheitserreger übertragen werden können. Nicht infizierte Zikaden können aber aus bereits infizierten Pflanzen die Bakterien aufnehmen und dann wieder weiterverbreiten. Aus den in den Boden abgelegten Eiern entwickeln sich dann Nymphen. Eine Nymphe durchläuft fünf Stadien. Sie ernährt sich zunächst an den Pflanzenwurzeln wie Rübenkörpern und Kartoffelknollen bis zur Ernte, wodurch sie dort Schaden anrichtet. Die Nymphe entwickelt sich nach der Ernte in der Winterkultur, oftmals Winterweizen, weiter. Sie ernährt sich an den Wurzeln des Getreides, wobei das Wintergetreide aber nicht unter den bakteriellen Krankheiten leidet. Die Nymphe überwintert dann im Boden und im folgenden Frühjahr fliegt sie als adulte SGFZ von den Altflächen in die nahe gelegenen Wirtspflanzenbestände von zum Beispiel Zuckerrüben oder Kartoffeln ein.
Infizierte SGFZ übertragen die bakteriellen Krankheitserreger Candidatus Arsenophonus phytopathogenicus (Arsenophonus; Arseph; Syndrome Basses Richesses (SBR)) und Candidatus Phytoplasma solani (Phypso; Stolbur). Dies sind zellwandlose Bakterien. Eine infizierte SGFZ bleibt ihr Leben lang infiziert. Phypso hat eine weite Ausbreitung (in fast allen europäischen Ländern) und besitzt einen immensen Wirtskreis. Arseph ist weniger verbreitet (fünf Länder in Europa) und besitzt bis dato einen kleinen Wirtskreis. Arseph wird aber auch über die Eier an die Nachkommen (Nymphen) weitergegeben. Die SGFZ überträgt nicht nur die Vergilbungskrankheit Syndrome Basses Richesses in den Rüben, sondern führt in den Kartoffeln zur Bakteriellen Knollenwelke und im Gemüseanbau zur Bakteriellen Gemüse-Welke (BVW). Beide Erreger schädigen die Leitungsbahnen der Pflanzen und verursachen massive Ertragsverluste und Qualitätsprobleme. In den Rüben bilden sich lanzettförmige Herzblätter, ab August sind Gelbverfärbungen bis hin zu hängenden und welken Rübenblättern und verbräunte Leitbündel im Rübenkörper sichtbar. Kartoffeln und Zuckerrüben werden schrumpelig und gummiartig, denn das Phytoplasma entzieht den Rüben und Kartoffelknollen das Wasser. Damit werden Lagerfähigkeit und Verarbeitung erschwert und außerdem können die Zuckerrüben 30 bis 50 % Zuckergehalt verlieren. In Kartoffeln konnten die Bildung von Luftknollen oder eine verstärkte Geiztriebbildung, Vergilbungen von Trieben und Blättern oder Rotverfärbung der Blätter beobachtet werden. Befallene Kartoffeln weisen weniger Stärke, aber mehr Saccharose auf. In Speisekartoffeln kann dies sowohl die Konsistenz als auch den Geschmack negativ beeinflussen. Bei Pflanzkartoffeln herrscht eine Nulltoleranz gegenüber Stolbur, da die Kartoffeln dann nicht mehr vermarktungsfähig sind, denn dies könnte zu verminderter Keimfähigkeit beziehungsweise Fadenkeimigkeit der Knollen führen. Bei Möhren gehören Welkeerscheinungen, begleitet von roten und gelben Blattverfärbungen, zu den Hauptsymptomen. Die Möhre wird weich und auch gummiartig. Bei einem Befall in den genannten Kulturen und dadurch geschwächten Pflanzen wird der Schaden durch das Auftreten sekundärer Krankheitserreger dann außerdem weiter verstärkt. Die Folgen in diesen Kulturen sind nicht nur auf den Feldern spürbar, sondern entlang der gesamten Produktionskette: Ertrags- und Qualitätsverluste, höhere Aufbereitungs- und Verarbeitungskosten und eine zunehmend angespannte Versorgungslage bei Saat- und Pflanzgut. Hinzu kommt der erhöhte Aufwand für Monitoring, Beratung und Bekämpfung.
Geeignete Bekämpfungsmöglichkeiten
Eine vollständige Bekämpfung der SGFZ ist nicht möglich, auch gibt es keine festen Bekämpfungsschwellen; Ziel aller Maßnahmen ist die Reduktion der Schäden. Regionale Maßnahmenempfehlungen wurden im Mai 2025 als gemeinsame Stellungnahme der Pflanzenschutzdienste der Länder und des Julius-Kühn-Instituts (JKI) veröffentlicht. Die Ableitung geeigneter Maßnahmen erfolgte vorrangig auf Basis der regionalen Befallsausbreitung und der amtlichen Erregernachweise der Pflanzenschutzdienste der Länder. Vor diesem Hintergrund wurden die Anbaugebiete bundesweit in drei Befallsregionen eingeteilt. Diese Klassifizierung diente der abgestimmten Ableitung differenzierter Pflanzenschutzstrategien zum Schutz der Kulturen vor der SGFZ und den von ihr übertragenen Erregern. Die jeweiligen Regionen wurden genauer definiert und das jeweilige Vorgehen darin festgelegt. Zur Bekämpfung der SGFZ wurden in diesem Jahr für mehrere Insektizide eine Notfallzulassung erteilt. Diese gelten aber nur für Regionen mit einem hohen Befallsdruck und dürfen ausschließlich nach einem Warndienstaufruf der zuständigen Behörde eingesetzt werden.
Nach der Ernte der Rüben und Kartoffeln sollten Reste von den Flächen entfernt oder sehr gut zerkleinert werden, um die Nahrungsquelle für die Nymphen zu reduzieren. Außerdem sollte eine konsequent tiefe Bodenbearbeitung direkt nach der Ernte durchgeführt werden, da die Nymphen sich noch in den oberen Bodenschichten aufhalten, aber sehr mobil sind und bei niedrigeren Temperaturen 40 bis 50 cm tief in den Boden einwandern können. Zuvor können die Nymphen in ihrem Lebensraum gestört werden. Somit wird der Entwicklungszyklus unterbrochen.
Versuche in Süddeutschland zeigen, dass die wirksamste ackerbauliche Maßnahme die Anpassung der Fruchtfolge als wichtigster Baustein ist. Vor allem der Verzicht auf eine Winterkultur nach den Zuckerrüben oder Kartoffeln, vor allem Winterweizen, ist wichtig, da darin die Nymphen überleben können, ohne den Winterweizen selbst zu schädigen. Es wird empfohlen, eine Brache bis zum Frühjahr zu etablieren und dann Mais anzubauen, da dies die Vermehrung der Zikaden deutlich reduziert. Nur so kann den Zikaden und deren Nymphen als Folgegeneration die Nahrungsgrundlage entzogen werden, also eine weitere Populationsentwicklung verhindert werden. Unklar ist noch, ob es bestimmte Zwischenfrüchte gibt, die die Zikade zurückdrängen können, zum Beispiel Ölrettich und bestimmte Senfsorten. Auch wird aktuell noch beobachtet, welche Bodenarten eher befallsfördernd sind. Außerdem sind eine frühe Aussaat und Ernte zu empfehlen, denn zum Zeitpunkt des Zikadenflugs ist die Entwicklung der Bestände dann schon weit fortgeschritten, sodass die Infektionen den Ertrag und die Qualität weniger beeinträchtigen können. Durch den Anbau von toleranten Zuckerrübensorten kann der Zuckerertrag beim Befall mit Arseph abgesichert werden, aber gegen den Stolbur-Erreger gibt es kein Sortenspektrum. Die Anfälligkeit verschiedener Kartoffelsorten gegen die Bakterielle Kartoffelknollenwelke wird derzeit in verschiedenen Forschungsprojekten untersucht, um bald geeignete Sorten für den Anbau in Befallsregionen empfehlen zu können. Unabhängig davon eignen sich besonders Frühkartoffeln, da sie durch die frühere Ernte dem Zuflug der SGFZ und dem Infektionsdruck kürzer ausgesetzt sind. Im Gemüseanbau könnte man gegebenenfalls mit Kulturschutznetzen arbeiten, was großflächig aber schwer zu bewerkstelligen ist. Grundsätzlich ist auch eine gute Nährstoffversorgung der Bestände wichtig, denn dies macht die Pflanzen robuster gegenüber Krankheitserregern. Untersucht werden auch verschiedene Biostimulanzien und Repellentmittel. Erste Insektizidversuche wurden in den Befallsregionen in Süddeutschland durchgeführt, um effektive Strategien zur Bekämpfung der SGFZ zu entwickeln.
Fazit
Ziel muss es sein, die wirtschaftlichen Schäden durch die Schilf-Glasflügelzikade und die von ihr übertragenen Krankheitserreger in den Befallsregionen durch gezielte, regional angepasste Maßnahmen zu reduzieren und eine weitere Ausbreitung einzudämmen. Die bei uns in Schleswig-Holstein geringeren Durchschnittstemperaturen und windigen Verhältnisse lassen hoffen, dass sich die Ausbreitung der SGFZ noch hinauszögert. Der Pflanzenschutzdienst bei der LKSH wird auch in den kommenden Jahren das Monitoring fortsetzen und weiterhin dazu informieren.




