Das Nissenhaus Husum ist das zentrale Museum für den Kreis Nordfriesland und die Stadt Husum. Umfassende Renovierungsarbeiten wurden bis zur Neueröffnung 2007 getätigt, seit 2016 heißt das Museum offiziell „Nordfriesland Museum Nissenhaus Husum“.
Foto: Imme Feldmann
Das Museumsgebäude ist aufsehenerregend – es wurde in den Jahren 1934 bis 1937 nach Plänen errichtet, die bereits zehn Jahre alt waren, also noch dem Heimatschutzstil zuzurechnen sind. Der Architekt Georg Rieve (geboren 1888 in Tating/Eiderstedt, gestorben 1966 in Flensburg) war übrigens ein Freund von Emil Nolde und unterstützte diesen beim Bau seines Wohn- und Atelierhauses in Seebüll. Das dreistöckige Nissenhaus entstand auf Veranlassung des Stifters Ludwig Nissen (1855-1924). Nissen war ein aus Husum gebürtiger, in Nordamerika als Diamantenhändler zu Wohlstand gelangter Geschäftsmann, einer der vielen gegen Ende des 19. Jahrhunderts nach Amerika ausgewanderten Nordfriesen, für den tatsächlich der „American Dream“ Wirklichkeit wurde.
Seine Idee war, seiner Heimatstadt ein „Volkshaus“ zu schenken, das allgemein der Volksbildung dienen sollte. (Seit 2007 befindet sich im Gebäude auch die Stadtbücherei.) Im Museum selbst gibt es eine Rotunde mit Kuppel, worunter seit 1933 – der Grundsteinlegung – die Asche des Stifters sowie seiner Frau Kathie Quick-Nissen bewahrt wird. Im dritten Stock sind Räumlichkeiten zu finden, in denen von Ludwig Nissen in Amerika gesammelte Bilder und ethnografische Gegenstände gezeigt werden: eine Sammlung, die durchaus sehenswert ist.
Seit 2007 liegt der Hauptfokus der Dauerausstellung beim Oberthema „Klimawandel einst und jetzt – von Rungholt, Sturmfluten, Deichbau und dem Leben am Meer“. „Heut´ bin ich über Rungholt gefahren, die Stadt ging unter vor 600 Jahren.“ So beginnt Detlev von Liliencrons Ballade „Trutz, blanke Hans“, die sein wohl berühmtestes (und von einigen Interpreten, zum Beispiel Achim Reichel, vertontes) Gedicht ist. Liliencron war 1882 zum Hardevogt auf Pellworm ernannt worden und hörte in dieser Zeit von der Rungholt-Sage. Dabei ist Rungholt keine Stadt gewesen. Die Rungholter lebten auf verstreuten Warften, eine Lebensweise, die man auch heute noch in den Marschgebieten antrifft. Auch ging das bei der kleinen Hallig Südfall gelegene Rungholtgebiet nicht in einer einzigen Sturmflut (der „Groten Mandränke“ von 1362) verloren, sondern bestand noch etwa 100 Jahre weiter, bis die Menschen einsahen, dass auf Dauer angelegte Siedlungsversuche dort vergeblich waren.
Repro Foto: Imme Feldmann
Dem Kapitel Rungholt ist im Nissenhaus eine sehenswerte, wissenschaftlich auf dem neuesten Stand befindliche kleine Ausstellung gewidmet. Als eigentlicher Entdecker und erster systematischer Erforscher des verschwundenen Gebiets gilt der Nordstrander Bauer und Heimatforscher Andreas Busch (1883-1972). Heute weiß man, dass die Menschen von Rungholt in einem eiszeitlichen Tal siedelten und durch Salztorf- und Brenntorfabbau sowie Entwässerungen unwissentlich ihren eigenen Grund und Boden gefährdeten. Im Übrigen gab es dort ein eigenes Kirchspiel mit großer Kirche, und man trieb Handel in größerem Stil, wie zahlreiche Fundstücke aus dem Watt beweisen.
Die „Grote Mandränke“, 1362, war nur eine von mehreren Jahrhundert-Sturmfluten, die die Nordseeküste seit dem 14. Jahrhundert heimsuchten. 1634, 1717, 1825 und 1962 ereigneten sich weitere verheerende Sturmfluten. Anlässlich der großen Sturmflut von 1962 wurde bekanntlich in Hamburg vom damaligen Polizeisenator Helmut Schmidt (SPD) eine große Rettungsaktion koordiniert.
Sturmfluten der Zukunft können von Klimaforschern bereits in Berechnungsmodellen simuliert werden. Die durch den Klimawandel bedingte Erhöhung des mittleren Meeresspiegels, die nichts Gutes verheißt, ist bereits vielfach Thema in den Medien gewesen.
Repro Foto: Imme Feldmann
Viele Jahrhunderte lang haben die Menschen an der Nordseeküste dem Blanken Hans getrotzt und zahlreiche Deiche gebaut. Auf den Halligen lebte man vielfach unter kärglichen Bedingungen und nutzte alles, was sich irgendwie verwenden ließ. Dem Hamburger Ethnologen und Kaufmann Julius Konietzko (1886-1952) ist es zu verdanken, dass, wie er schrieb, der „alte ethnographische Kulturbesitz der Inselfriesen“ als etwas Besonderes und Bewahrenswertes gesehen wurde. Aus Konietzkos Sammlung stammen zahlreiche der im Museum gezeigten Exponate; dazu gehören beispielsweise die „Dittengabel“ und der „Dittenspaten“ – mit diesem Werkzeug wurden aus getrocknetem Kuhdung hergestellte Platten, die als Brennstoff fungierenden „Ditten“, hantiert.
Vieles ist im Nissenhaus zu entdecken, so auch die Werke einheimischer Maler, beispielsweise Carl-Ludwig Jessen, Hans Peter Feddersen, Jacob Alberts, Willy Graba. Auch Werke zeitgenössischer Künstler wie Claus Vahle, Christopher Lehmpfuhl oder Holger Hattesen sind zu sehen. Eine naturkundliche Abteilung im Erdgeschoss beschäftigt sich mit dem Weltkulturerbe Wattenmeer und seinen Bewohnern, unter anderem Eiderenten, Seehunden und Silbermöwen.
Das Thema der aktuellen Sonderausstellung ist eine Novelle von Theodor Storm, „Aquis submersus“. Dieses Zeugnis der Literatur wird man „immersiv“ erleben können, man wird also mit allen Sinnen in die Erzählung eintauchen können, multimedial und mithilfe digitaler Hilfsmittel.




