Zehntausende Haushalte in Berlin ohne Strom: Am Wochenende schreckte diese Nachricht die Bundesrepublik auf. Vor 20 Jahren, am ersten Adventswochenende 2005, versank das Münsterland im Schneechaos. Ein halber Meter Neuschnee, Eislasten auf Stromleitungen und stürmische Winde ließen Hochspannungsmasten umknicken. In großen Teilen der Region fiel tagelang der Strom aus. Thomas Ostendorf, Sauenhalter aus Ochtrup im Kreis Steinfurt, erlebte den Ausnahmezustand hautnah. Im Bauernblatt-Interview berichtet er.
Wie haben Sie den großflächigen Stromausfall und die massiven Verkehrseinschränkungen damals erlebt?
Wir hatten im Sommer 2005 – ohne zu ahnen, was kommen würde – in ein Notstromaggregat investiert. Rückblickend war das die beste Investition des Jahres. Was wirklich kurios war: Das Notstromaggregat lief gerade testweise, als der Strom ausfiel. Ein Zufall, wie es ihn manchmal im Leben gibt. Wir haben also vor 20 Jahren zunächst gar nichts gemerkt. Erst als die Nachbarn kamen und erzählten, dass Mobilfunk und Strom komplett zusammengebrochen waren, wurde uns klar, was eigentlich los war. Während andere bei Kerzenschein saßen, hatten wir ganz normal Strom. Sehr eindrücklich war auch die Situation unseres Auszubildenden aus Münster. Morgens war er noch in Sommerschuhen zur Schule los, abends kam er im tiefsten Winter unter erschwerten Bedingungen wieder bei uns an. Da wurde einem bewusst, wie chaotisch die Lage war.
Als Tierhalter kommt man ohne Strom schnell an Grenzen. Wo lagen für Sie die größten Herausforderungen?
Man denkt bei Stromausfall sofort an die Lüftung, Schweineställe sind zwangsbelüftet. Kritischer war allerdings die Heizung. Schweine tragen ja keine Pullover. Gerade in Sauenbetrieben gab es viele Erdrückungsverluste, weil sich die Ferkel eng an die Sau drängten, um Wärme zu bekommen. Ein weiterer Punkt war die Versorgungstechnik: Futter, Wasser – alles hängt am Strom. Zum Glück hatte das Wasserwerk im Nachbarort Strom, sodass der Leitungsdruck erhalten blieb. Unsere Hauswasserversorgung war dadurch gesichert. Ohne Strom hätten wir das Futter händisch mit der Futterkarre verteilen können, denn wir haben Schieber an den Silos. Breite Stallgänge sind für diesen Fall Gold wert.
Wie haben Sie sich in der Region gegenseitig geholfen?
Die Nachbarschaftshilfe hat hervorragend funktioniert – so, wie man es vom ländlichen Raum kennt. Das Technische Hilfswerk hat mit Trafos Strom für mehrere Betriebe erzeugt. Teilweise kamen Notstromaggregate aus ganz Deutschland. Krankenhäuser und Dialysezentren hatten natürlich höchste Priorität – da war jeder froh, wenn die Technik lief. In Ochtrup wurden die Außenbereiche Tage vor dem Zentrum ans Netz genommen, weil die Milchkühe gemolken werden mussten.
Welche Lehren haben Sie aus dem Schneechaos 2005 gezogen?
Seitdem gibt es bei Unwetterwarnungen eine feste To-do-Liste: Traktoren volltanken, Dieselvorräte prüfen, Aggregat testen. Denn ein Notstromaggregat nützt nichts, wenn man den Diesel nur über eine elektrisch betriebene Hoftankstelle bekommt. Handpumpen sind Pflicht. Wir haben heute einen festen Standort für das Aggregat: Klappe auf, rückwärts dran, anschließen, fertig. Eine Anleitung mit klaren Schritten hängt direkt daneben. Innerhalb von zehn Minuten sind wir betriebsbereit. Eine Frequenzüberwachung zwischen 48 und 52 Hertz ist extrem wichtig, sonst nimmt die Lüftung Schaden. Das ist heute Standard, damals war es das nicht.
Was raten Sie anderen Landwirten ganz konkret?
Erstens: Eine Notstromversorgung gehört zur Betriebssicherheit. Wer eine Zwangslüftung hat, muss sie absichern, das steht in jeder Baugenehmigung. Es muss zudem die Möglichkeit bestehen, den Betrieb vom öffentlichen Stromnetz zu trennen. Zweitens: Aggregate sind regelmäßig zu testen, mindestens einmal im Jahr. Viele Stadtwerke nutzen den Jahrestag des Stromausfalls inzwischen als Anlass dafür. Drittens: Das „Drehbuch für den Stromausfall“ sollte bekannt sein. Viertens: Welches Aggregat ist das richtige? Wir haben 400 Sauen mit Nachzucht, da reichen 100 PS. Aber welcher Schlepper kann das Aggregat bedienen: Schafft es auch der Hofschlepper? Begrenzende Faktoren sind der Diesel im Fass und das Schrot im Futtersilo. Hier sollte man nie auf Kante fahren.
Hat der Stromausfall Ihren Blick auf unsere heutige Gesellschaft verändert?
Definitiv. Wenn Strom und Internet weg sind, sind wir sehr schnell wieder in der Steinzeit. Kein Supermarkt, keine funktionierende Tür, keine Kommunikation. Wir haben deshalb einen Gasherd. Den kann man notfalls mit einem Streichholz anzünden. 2005 ist zum Glück weder Menschen noch Tieren etwas passiert. Im Nachhinein war es ein riesiges Abenteuer, aber eines, das man kein zweites Mal braucht. Das Münsterländer Schneechaos hat uns gezeigt, wie verletzlich unsere hoch technisierte Landwirtschaft ist. Man darf sich nichts vormachen: Bei einem flächendeckenden Blackout hat jeder genug Probleme. Deshalb muss jeder auch selbst vorsorgen.




