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Rückblick auf ein bewegtes Leben und Wirken

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Vor rund 70 Jahren verstarb am 16. Oktober 1954 Friedrich Wilhelm Lübke (CDU). Fünf Tage vorher hatte er alle öffentlichen Ämter abgegeben. Der 71. Todestag ist Anlass für einen Rückblick auf das bewegte Leben und Wirken des ehemaligen Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein.

Friedrich Wilhelm Lübke stammte nicht aus Schleswig-Holstein, sondern aus dem kleinen Dorf Enkhausen (heute Ortsteil der Stadt Sundern) im südlichen Westfalen. Er zählt zu den Menschen, die besondere Weichenstellungen ausgelöst und Entwicklungen für Schleswig-Holstein geprägt haben. Sein Leben ist farbiger kaum vorstellbar. Insofern ist seine Vita mit den Stationen vom Seefahrer zum Bauern und Ministerpräsidenten eine sehr vereinfachte Kurzfassung.

Porträt von Friedrich Wilhelm Lübke
Foto: Peter Bouserath, Konrad Adenauer Stiftung

Friedrich Wilhelm Lübke war der ältere Bruder des zweiten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland, Heinrich Lübke. Als er am 25. August 1887 geboren wurde, hatten seine Eltern eine kleine Landwirtschaft. Der Vater arbeitete zusätzlich als Schuhmacher, um die Existenz der Familie sicherzustellen. Nach den ersten Volksschuljahren ermöglichte ihm sein Patenonkel den Besuch eines Gymnasiums. Mit zwölf Jahren riss er, wenn auch erfolglos, aus dem Internat aus. Zwei Jahre später war der Ausreißversuch erfolgreich.

Begeisterter Seefahrer

So verließ er als knapp Vierzehnjähriger die Schule und heuerte als Schiffsjunge auf der Brigg „Heinrich“ einer Bremer Reederei an. Der harte Dienst als „Moses“, so nannte man den Küchenjungen auf einem Segelschiff, bremste in keiner Weise den jungen Bauernsohn. Er wurde Vollmatrose und lernte bald alle Weltmeere kennen. Wegen der schlechten Essensversorgung beteiligte er sich vor Mauritius an einer Meuterei. Mehr als zehn Jahre bekam die Familie nur über gelegentliche Postkarten ein kleines Lebenszeichen. Mit der Viermastbark „Valls of Gary“ erlebte er am 22. April 1911 in der Irischen See einen Schiffsuntergang. Lübke zählte zu den geretteten Seeleuten. Es wird berichtet, dass die Familie in Enkhausen einen Bittgottesdienst feiern ließ, weil er als verschollen galt. Als er 1912 nach elf Jahren auf See zum ersten Mal seine Familie besuchen konnte, war der Vater längst verstorben († 1902).

Friedrich Wilhelm Lübke war ein begeisterter Seefahrer. Nach seiner Matrosenausbildung machte er 1911 das Steuermannspatent und wurde 1913 Kapitän auf Großer Fahrt. Eine Zäsur bildete der Beginn des Ersten Weltkriegs. Friedrich Wilhelm Lübke kam zur Kaiserlichen Marine, war Schiffsoffizier auf dem Schlachtschiff „Friedrich der Große“ und wurde später Kommandant auf einem U-Boot. Das Kriegsende 1918 mit der Auflösung der Kriegsmarine und dem Rückgang der zivilen Schifffahrt läutete eine grundlegende Änderung seines Lebens ein. Eine kurze Zeit diente er noch als Kapitän in der dänischen Küstenschifffahrt. Nach seiner Heirat im Jahr 1920 und einer ersten Tätigkeit in der Meierei seines Schwiegervaters konnte er 1922 als junger Vater mit seiner Frau einen kleinen Bauernhof südlich von Flensburg erwerben.

Landwirt und Schriftsteller

Der 21 ha große Geesthof, richtigerweise müsste man sagen „der kleine Geesthof“, wurde Zentrum eines neuen Lebensabschnitts für die Familie Lübke. Weil die kleine Landwirtschaft auf den mageren Geestböden mit 16 bis 25 Bodenpunkten nur schlecht die größer werdende Familie ernähren konnte, nahm Lübke noch die Stelle als Kreisgeschäftsführer beim damaligen Bauernverein an. Vielleicht waren die Umstände auf dem kleinen Hof der Impulsgeber für Lübkes langjähriges Engagement für die kleinen und mittleren Höfe. Unter seiner Leitung entstanden 500 bäuerliche Siedlerstellen.

Es war sicher der bescheidenen Landwirtschaft auf dem kleinen Hof geschuldet, dass er zum Schriftsteller wurde. Über seine Seemannszeit verfasste er abends nach der Hofarbeit mehrere Abenteuerromane. Seine fünf Bücher über die Seefahrt verkauften sich gut und wurden sogar für das Ausland übersetzt. Die 1930er Jahre waren für die Familie Lübke mit vier Kindern wirtschaftlich nicht einfach. Einige Monate verbrachte Lübke sogar wegen seiner Gesinnung in Untersuchungshaft.

Im Zweiten Weltkrieg wurde er erneut zur Kriegsmarine einberufen. Von 1943 bis 1945 leitete er die Seetransportstelle der Wehrmacht in Aarhus. Es wird berichtet, dass der Kapitän Lübke in Aarhus gute Kontakte zur dänischen Bevölkerung pflegte. Im September 1943 trug er durch geschicktes Taktieren maßgeblich dazu bei, die Flucht von rund 5.000 dänischen Juden über den Öresund nach Schweden zu ermöglichen und so die bereits geplante Deportierung ins Vernichtungslager zu verhindern.

Friedrich Wilhelm Lübke bewirtschaftete seinen Hof bis zu seinem Tode. Dass er den Hof in schwierigen Zeiten ab 1922 von 21 ha bis auf 37 ha aufbauen konnte, signalisiert seine unternehmerische Tüchtigkeit.

Lübke wird Politiker

Nach dem Zweiten Weltkrieg schlug seine Stunde als Politiker. Auf dem Hof in Augaard gründete er mit Freunden die CDU in Schleswig-Holstein und er wurde zum Mitgründer des Bauernverbandes. Auf Vorschlag des britischen Gouverneurs setzte der Oberpräsident Lübke, eine nazi-unbelastete Persönlichkeit, am 4. Februar 1946 als kommissarischen Landrat des Kreises Flensburg-Land ein. Ein halbes Jahr später wurde er vom neuen Kreistag zum Landrat gewählt, 1948 wiedergewählt und 1950 für weitere sechs Jahre als Landrat bestätigt.

Ab 1947 wurde er Abgeordneter im neuen Landtag in Kiel. Als Landrat beschäftigten ihn täglich die drängendsten Probleme, die sich aus der Verdoppelung der Einwohnerzahl 1945/46 ergeben hatten. Zählte der Landkreis 1939 insgesamt 43.887 Einwohner, so waren es 1946 schon 87.316 Personen.

Vordringlich war, für die Unterbringung der vielen Menschen zu sorgen, die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln sicherzustellen und die Schaffung von Arbeitsplätzen zu organisieren. Eine fast vergleichbare Situation zeigte sich überall in Schleswig-Holstein. Wie kein anderes Land in der Bundesrepublik war Schleswig-Holstein in der Nachkriegszeit ab 1945 vom Flüchtlingsstrom aus den deutschen Ostgebieten besonders gefordert und geprägt. Innerhalb weniger Monate hatte sich am Kriegsende die Einwohnerzahl von 1,5 Millionen um 1,1 Millionen auf rund 2,6 Millionen Menschen erhöht. Damit verbunden waren große wirtschaftliche und soziale Probleme. Schleswig-Holstein war in Deutschland das Gebiet mit der höchsten Flüchtlingsquote und der geringsten Steuerkraft.

Die schwierige wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation spiegelte sich auch in der Landespolitik ab 1946 wider. Bis zum Frühsommer 1951 hatten bereits vier Ministerpräsidenten die Regierung geführt. Eine politische Krise wurde von der nächsten abgelöst. Nach der vierten Kieler Regierungskrise wurde Friedrich Wilhelm Lübke am 25. Juni 1951 zum fünften Ministerpräsidenten des Landes gewählt. Es gelang ihm, in sehr kurzer Zeit eine neue Koalitionsregierung zu bilden. Als neuer Ministerpräsident organisierte er noch im Sommer 1951 bei der jungen Bundesregierung in Bonn erste Finanzhilfen, um die schwierige wirtschaftliche Lage Schleswig-Holsteins zu verbessern und das Flüchtlingsproblem zu lösen. Womöglich trug sein politisches Gewicht als Mitgründer der CDU dazu bei, dass seine sehr fundierten Vorschläge als wesentliche Entwicklungsimpulse Erfolg hatten.

Das Programm Nord

Sein erstes Sanierungsprogramm konzentrierte sich auf den strukturschwachen Raum an der dänischen Grenze. Unter dem Eindruck der Schäden nach der Flutkatastrophe von 1953 und angesichts der großen land- und wasserwirtschaftlichen Probleme in den Marschen und Niederungsgebieten konzipierte er ein großräumiges Sanierungsprogramm. Am 24. Februar 1953 fasste seine Landesregierung den folgenden Beschluss: „Die Erschließung der notleidenden Gebiete des Landesteiles Schleswig ist eine im Interesse der Landeskultur vordringlich durchzuführende Aufgabe. Zur Lösung ist ein sogenanntes Programm Nord ausgearbeitet worden.“

Skeptiker bezeichneten es damals als „Programm Utopia“, denn der strukturelle Unterschied zu dem seit 1920 entwickelten dänischen Grenzraum war riesengroß. Kleine Höfe, häufige Überschwemmungen in den Niederungen und Marschen, schwierige Vorflutverhältnisse und ein völlig unbefestigtes Straßen- und Wegenetz prägten die problematische Situation der ländlichen Gebiete. Der Start der Programm-Nord-Förderung lief im gleichen Jahr 1953 auf Hochtouren an. Bis Ende 1953 hatten die ersten Baumaßnahmen für den Gewässerausbau, für Wegebau und Flurbereinigung bereits ein Volumen von rund 8,1 Mio. DM erreicht. Dies entsprach einem volkswirtschaftlichen Wert von rund 2.000 ha Fläche.

Im Jahr 1954 war das Investitionsvolumen bereits auf rund 25 Mio. DM angewachsen. Das Programm Nord entwickelte sich in den folgenden zwei bis drei Jahrzehnten zum umfangreichsten Entwicklungsprogramm Deutschlands. Bis 1978 waren Investitionen in Höhe von rund 1,8 Mrd. DM in die ländlichen Gebiete erfolgt. Als Großprojekt im Programm Nord startete Lübke im Sommer 1953 die Eindeichung des deichreifen Vorlands südlich vom Hindenburgdamm. Besserer Küstenschutz sollte neues Land für Siedlung und Landwirtschaft bereitstellen. Mehr als 1.200 Arbeiter kamen ab Februar 1954 zum Einsatz, um dort bis Ende 1954 einen neuen Seedeich mit einem rund 1.200 ha großen Koog zu bauen.

Mit der Weitsicht eines Kapitäns und der Realitätsnähe eines Landwirts kümmerte sich Friedrich Wilhelm Lübke bereits als Landrat um eine bessere Straßeninfrastruktur in Angeln. Aus heutiger Sicht ist es eine beeindruckende Erfolgsgeschichte, dass am 26. März 1954 die 45 km lange Nordstraße (heutige B 199) zwischen Kappeln und Flensburg nach dreijähriger Planung und Bauzeit vom Ministerpräsidenten Lübke für den Verkehr eröffnet werden konnte. Bemerkenswert ist auch seine politische Vision für den Aufbau des Landes.

Nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten am 25. Juni 1951 stellte er 14 Tage später sein Regierungsprogramm im Landtag mit drei Schwerpunkten vor:

– Beseitigung der Arbeitslosigkeit durch Maßnahmen des Straßen-, Deich- und Wohnungsbaus, die Siedlung von Höfen und Melioration

– Förderung des Kulturlebens

– geistige Erneuerung der Demokratie

Er setzte auch auf Bildung und Kultur. Lübke hatte sich bereits 1946 mit der Gründung und dem Vorsitz des Vereins für Erwachsenenbildung und Büchereiwesen (ab 1949 in deutscher Grenzverein e. V. umbenannt) engagiert. Er gab den Impuls für die Akademie Sankelmark und organisierte sogar Bonner Hilfe für das Kulturprojekt. Am 17. Juni 1951 legte er als Landrat den Grundstein, am 29. Juni 1952 eröffnete er als Ministerpräsident feierlich die Akademie Sankelmark.

Friedrich Wilhelm Lübke war 1951 in politisch und wirtschaftlich schwierigster Zeit zum Ministerpräsidenten gewählt worden. Nur 28 Abgeordnete stimmten im dritten Wahlgang für ihn bei 37 Neinstimmen. Weil keine Gegenkandidatur vorlag, war Lübke gewählt. Als man ihn für die Wahl zum Ministerpräsidenten nominierte, wurden Sektwetten für eine Chance von drei Monaten abgeschlossen.

Nicht ohne Kapitänsmütze

Als Friedrich Wilhelm Lübke drei Jahre später den Landtagswahlkampf startete, saß er fester denn je im Sattel. Er hatte nach einer Periode der nie zu Ende gehenden Krisen in drei Jahren eine stabile Regierung geführt und eine große Vertrauensgrundlage in der Bevölkerung erreicht. Dazu beigetragen hatte der Rückgang der Arbeitslosigkeit binnen drei Jahren von 24 auf 12 %. Für Friedrich Wilhelm Lübke hatten die Pflicht und die Verantwortung für das Land oberste Priorität. Das zeigte er gern mit seiner Kapitänsmütze.

In den Landtagswahlen am 12. September 1954 erzielte er für seine Partei einen großen Erfolg. Von schwerer Krankheit gezeichnet trat er am 11. Oktober 1954 nach der gewonnenen Landtagswahl vom Amt des Ministerpräsidenten zurück und starb fünf Tage später auf seinem Hof. Es war sicherlich ein besonderes Zeichen der hohen Wertschätzung aus dem benachbarten Dänemark, dass König Frederik IX. von Dänemark der Familie Lübke kondolierte.

Friedrich Wilhelm Lübke konnte viele Projekte, die er eingeleitet hatte, selbst nicht mehr erleben. Die Umsetzung des 30.000-ha-Programms mit der Schaffung von neuen Existenzen für rund 14.000 Neu- und Anliegersiedlungen oder die Fertigstellung seines Koogs mit Deichschluss am 21. Oktober 1954 zu erleben, war ihm nicht vergönnt. Mit der Namensgebung des neuen Koogs würdigte die Landesregierung die Verdienste von Friedrich Wilhelm Lübke für die Zukunft des Landes Schleswig-Holstein.

Aus Sicht des Autors spiegeln die vielen von Friedrich Wilhelm Lübke in kurzer Zeit initiierten Projekte das erfolgreiche Engagement für den Aufbau des Landes Schleswig-Holstein wider. Als ein noch größeres Verdienst seiner Regierungszeit ist sicherlich zu werten, dass es ihm gelungen ist, in kurzer Zeit die Demokratie im turbulenten Nachkriegs-Schleswig-Holstein zu festigen und ein versöhnliches Verhältnis zum Nachbarland Dänemark zu entwickeln. Vielleicht war er damit ein früher Mitimpulsgeber für unsere heutige EU. Vielleicht waren seine zielorientierten Fähigkeiten als Kapitän, gepaart mit Erfahrungen und Kontakten auf allen Kontinenten, und seine Bodenständigkeit als Landwirt mit dem Wissen für praktische, umsetzbare Lösungen gute Eigenschaften für Regierungshandeln in schwerer wirtschaftlicher und politischer Zeit.

Fliegen mit künstlerischer Handschrift

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Keine Chance, der erste Anlauf wird wegen des Wetters abgebrochen. Hans-Jürgen Sählandt (72) postet: „Konstant 18 Knoten Wind plus Böen von 25 bis 30 Knoten“, also mehr als 50 km/h. Fliegen will er – mit einer ganz eigenen künstlerischen „Handschrift“. Dafür braucht es ruhigeres Wetter. Seine in mehr als 50 Jahren gesammelten Erfahrungen sagen ihm: „Wenn du noch länger leben willst, bleibe heute am Boden.“

Eigene Fotos von Schmetterlingen auf einer Wildblumenwiese animierten Sählandt zum jüngsten Flug.
Foto: privat

Hans-Jürgen Sählandt malt Bilder in den Himmel. Das macht er nicht etwa wie Kunstflieger, die Öle zu weißem Rauch verdampfen und damit ihre Botschaften oder Figuren zeichnen, sondern er malt mit sogenannten Tracking-Apps seine vom Flugplatz in Uetersen geflogenen Strecken vom Start bis zur Landung. Die bekannteste App ist Flightradar24, die weltweit die Bewegungen von Flugzeugen abbildet und auf Wunsch aufzeichnet. GPS lässt er zur Sicherheit auf seinem Smartphone mit anderer App zusätzlich mittracken. Mittlerweile hat er ein Segelflugzeug, eine Friedenstaube und einen Picasso gemalt sowie ein Pferd, von dem später die Rede sein soll. Und nun sollte ein Schmetterling in den Himmel fliegen.

Eine Woche später ist alles klar, auch der Himmel. Zuerst ein Rundflug, den der Pilot extra für diese Reportage macht, bei dem die Ausdehnung des Schmetterlings gezeigt werden soll, grob zwischen Elmshorn, Stade, Drochtersen und Glückstadt. Luftfotos gelingen, die einige der Orte und markante „Landmarken“ zeigen, wie etwa die denkmalgeschützte Klappbrücke in Heiligenstedten bei Itzehoe.

Danach Tausch am Flugplatz. Der Himmelsmaler nimmt nun seinen Fliegerkameraden Bernward Krause (64) an Bord, denn bei diesen Flügen ist doppelte Konzentration notwendig – aufs Fliegen und auf die Figuren. Sählandt betont: „Das mache ich nur mit Begleitung eines zweiten Piloten, weil die Struktur des Luftraumes sowie die vorgeschriebenen Flughöhen immer sorgfältig beobachtet werden müssen.“

Hans-Jürgen Sählandt (li.) und Bernward Krause am Start für den „Schmetterlings-Flug“.
Foto: Birger Bahlo

Begonnen hatte alles im Frühjahr 2022, als er für eine Lizenz mit dem Motorsegler fliegen sollte. Was lag da näher für den Anfang, als einfach ein Segelflugzeug zu malen. „Ich hatte mir das nach einem eigenen Foto ausgedacht und geflogen.“ Im Herbst desselben Jahres eine Botschaft zum Überfall Russlands auf die Ukraine: eine Friedenstaube. „Die kam mir in den Sinn, als ich an meinem Maxi-Roller einen Protestaufkleber gegen den Ukrainekrieg aufklebte.“ Ihn animiert stets auch die symbolische Bedeutung seiner Figuren. So hatte Noah laut der Geschichte in der Bibel nach der Sintflut drei Tauben von seiner Arche fliegen lassen. Eine kam mit einem Ölzweig im Schnabel zurück, für Noah ein Zeichen, dass die Flut und Gottes Zorn überstanden seien. Sie gilt bis heute als erste Friedenstaube. Hans-Jürgen Sählandt erzählt, sein Gemälde sei Anlass für Diskussionen in Schulklassen über den Ukraine-Krieg gewesen. „Als im Fernsehen etwas über Picasso und seine Strichzeichnungen gelaufen war, dachte ich, dass ich so etwas auch einmal versuchen kann.“ Schon war eines von Picassos Frauenporträts gezeichnet. Nun ein Schmetterling. „Der kam mir bei der Durchsicht meiner Fotos in den Sinn“, die er auf einer Wildwiese von den Faltern gemacht hatte. Auch hier wieder die symbolische Bedeutung: So gilt der Schmetterling weithin als Zeichen für Verwandlung vom Ei über Larve und Puppe zum Falter und den Neubeginn in der jeweiligen Lebensphase. Christen sehen ihn als Symbol der Auferstehung, die Rückkehr ins Leben. Die alten Griechen sahen in ihnen sogar die Seelen Verstorbener.

Das Gemälde schenkte der Himmelsmaler seiner Tochter – als Erinnerung an ihr Pferd, das eingeschläfert werden musste.
Foto: privat

Hans-Jürgen Sählandt fliegt mit einem Reisemotorsegler SF25 C Falke mit einem 100 PS starken Rotax-Motor – gut geeignet, um damit auch Fliegerkameraden im Flugzeugschlepp in die Luft zu bringen. Autofahrer lassen sich von guter Erinnerung oder von Navis zum Ziel leiten. Flugstrecken müssen hingegen vorher ausgearbeitet werden. Grob erklärt, legt Hans-Jürgen Sählandt seine Zeichnungen, die er abfliegen möchte, im selben Maßstab über Karten der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation (ICAO). Für Laien sind sie so verwirrend wie Schnittmuster für unerfahrene Schneider. Doch sie enthalten aktuell und detailliert die Darstellung von Gelände, Siedlungen, Verkehrswegen und Hindernissen. Mithilfe weiterer Apps kann er am Ende alles zusammenfassen und losfliegen. Optisch sieht das für ihn etwa so aus, wie für Autofahrer, die in Google Maps dem Pfeil folgen, der ihr Fahrzeug symbolisiert. Als wichtigste App nutzt er VFRNav sowie diese Links: open​flightmaps.org/ed-germany sowie flugbetrieb.com/georef/v3.

Bleibt noch, von dem Pferd zu erzählen, das er ebenfalls gemalt hatte. Das hat er heimlich für seine Tochter gemacht, als ihr Reitpferd nicht mehr lebte. Rührende Szene bei der Übergabe seines Gemäldes. Zum Trost sagte er ihr: „Das ist jetzt im Himmel.“

Info

Hans-Jürgen Sählandt war beruflich als Kaufmann im technischen Großhandel tätig, entwickelte mit eigenen Erfindungen Produkte weiter und nahm 2012 für seine Firma sogar einen Preis für Innovationen im Bereich Arbeitsschutz entgegen. Sicherheit geht vor, heißt es für ihn daher auch im Luftsport. 1973 hat er mit Segelflug angefangen, 1980 kam das Fliegen mit Motorseglern hinzu. Er hat die Lizenz, um Segelflugzeuge in die Luft zu schleppen. Erst im Vorjahr ist er für seine 40-jährige Ausbildung von Segelfliegern geehrt worden.

Im Norden des „Schmetterlings“ liegt Glückstadt.
Foto: Birger Bahlo
Schlenker rüber nach Heiligenstedten mit der markanten Klappbrücke.
Foto: Birger Bahlo
Auch eines der Frauenporträts von Picasso formte er fliegerisch nach.
Foto: privat
Als Premiere malte Sählandt sein Segelflugzeug.
Foto: privat
Im Osten streift der Schmetterlingsflügel Elmshorn, hier die Kölln-Werke.
Foto: Birger Bahlo
Der Krieg in der Ukraine regte Hans-Jürgen Sählandt an, eine Friedenstaube zu malen.
Foto: privat


Einweihung der neu gebauten Sauenställe in Futterkamp

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Im Rahmen des Bau- und Energielehrschautags hatte die Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein (LKSH) am 9. Oktober zur feierlichen Einweihung der neu gebauten Sauenställe eingeladen.

Diese wurden von Kammerpräsidentin Ute Volquardsen und Werner Schwarz (CDU), Minister für Landwirtschaft, ländliche Räume, Europa und Verbraucherschutz, offiziell eröffnet. Das Land hatte die Maßnahmen mit 1,8 Mio. € gefördert. Schwarz sagte dazu: „Ich freue mich sehr, dass wir mit dieser Förderung von 1,8 Millionen Euro aus Landesmitteln das Ziel verfolgen können, die Sauenhaltung beziehungsweise Ferkelproduktion als starken Wirtschaftszweig in Schleswig-Holstein durch einen richtungsweisenden Versuchs- und Demonstrationsstall für die zukünftigen Anforderungen der Schweinehaltung zu erhalten und zu entwickeln. Gerade durch die neu beziehungsweise umgebauten Sauenställe können die Tierhalterinnen und Tierhalter sich vor Ort einen Eindruck von den Haltungssystemen verschaffen und von den bereits gesammelten Erfahrungen im Managementablauf profitieren. Dies ist für weitere Planungen zum tierwohlorientierten Stallumbau gerade im Zuge des angekündigten Förderstopps des Bundesprogramms ein wichtiger Aspekt. Zudem freue ich mich, dass somit hier in Futterkamp auch der breiteren Öffentlichkeit und in Seminaren der Aus- und Weiterbildung die zukünftigen Schweinehaltungssysteme präsentiert werden können!“
Mit dem Neu- beziehungsweise Umbau des Quarantäne- und Eingliederungsstalls, des Deckzentrums und der Abferkelung mit Bewegungsbuchten wurde am Standort Futterkamp in eine moderne und zukunftsfähige Schweinehaltung mit viel Tierwohl investiert. Mit der Umsetzung dieses Meilensteins möchte die Landwirtschaftskammer auch in Zukunft verlässlicher Ansprechpartner für die Schweine haltenden Betriebe in Aus- und Weiterbildung, Versuchswesen und Beratung sein.

Sechs Punkte für mehr Pragmatismus

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Das Neun-Punkte-Paket, das Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) auf der Norla 2024 ankündigte, ist in Arbeit oder bereits umgesetzt. Der Bauernverband-Schleswig-Holstein (BVSH) fordert nun weitere Entlastungen. „Es muss mehr Aktivität kommen. Wir brauchen noch vor Weihnachten Bewegung bei den drängendsten Themen“, betonte BVSH-Präsident Klaus-Peter Lucht bei der Sitzung des BVSH-Vorstandes am Montag in Rendsburg.

Einen Überblick über das Sechs-Punkte-Entlastungspaket gab BVSH-Generalsekretär Michael Müller-Ruchholtz.

BVSH-Forderungen

1. Novellierung des Dauer­grün­land­erhaltungs­gesetzes

Der Bauernverband fordert, Doppelregelungen zu streichen. Einige Bereiche seien bereits über das Wasserhaushaltsgesetz oder die Wasserschutzgebietsverordnung geregelt. Der Verband fordert außerdem Erleichterungen bei der Narbenerneuerung, unter anderem die Streichung der Genehmigungspflicht. Das schaffe mehr Flexibilität und vereinfache den Erhalt produktiver Grünlandnarben. Der BVSH fordert zudem umfangreiche Ausnahmen vom Umwandlungsverbot, etwa im Sinne des Natur- und Klimaschutzes, des Pflanzenschutzes oder zur Vermeidung unzumutbarer Härte.

2. Flächenmanagement

Große und flächenintensive Projekte, wie Wiedervernässungen oder Küstenschutzmaßnahmen, stellten betroffene Regionen und insbesondere die Landnutzer vor enorme Herausforderungen, so der Verband. Um diese Verfahren erfolgreich umsetzen zu können, sei es unerlässlich, dass alle Beteiligten und deren Flächen gleichberechtigt seien. Ein Tauschflächenfonds sei bevorzugterweise bei der Landgesellschaft Schleswig-Holstein anzusiedeln. Niederungsbeiräte, in denen die unterschiedlichen Betroffenen (Landnutzer, Kommunen, Naturschutz) gleichberechtigt vertreten seien, könnten allgemeinverträgliche Lösungen herbeiführen. Grundsätzlich sei auf die Schonung landwirtschaftlicher Flächen zu achten, da die Flächenkonkurrenz in den vergangenen Jahren dramatisch zugenommen habe.

3. Düngung

Der BVSH fordert, die Ausbringung von Wirtschaftsdüngern auf gefrorenen Böden mit Auftauprognose wieder zu erlauben. Das sei fachlich sinnvoll und auch in anderen Bundesländern gestattet. Fachlich geboten sei zudem, die Grenze für die Wirtschaftsdüngerausbringung auf Grünland auf 230 kg N/ha anzuheben. Intensiv genutztes Grünland könne diese Nährstoffmenge problemlos aufnehmen, sodass diese „Derogationsregelung“ den Mineraldüngereinsatz verringere. In Ausnahmefällen sei die Breitverteilung von Wirtschaftsdüngern aus BVSH-Sicht weiterhin zuzulassen. Das betreffe vor allem kleine Schläge und moorige beziehungsweise anmoorige Gebiete. Mit Blick auf das geplante Naturschutzgebiet in der Ostsee sei darauf zu achten, dass sich Stoffeinträge nicht komplett ausschließen ließen. Hier gelte es klarzustellen, inwieweit sich Bewirtschaftungseinschränkungen über die Schutzgebietsausweisungen erstecken könnten.

4. Gänsemanagement

Ein Baustein, um den Schadensdruck durch die wachsenden Gänsepopulationen zu verringern, ist laut BVSH das Einsammeln der Gänseeier. Dies müsse auch in Schutzgebieten zulässig sein. Zum anderen müsse es reichen, wenn in einer Gruppe von Sammlern ein Jagdausübungsberechtigter zugegen sei. Grundsätzlich lege die Populationsgröße der Weißwangengans den Schluss nahe, dass der gute Erhaltungszustand dieser Art mittlerweile erreicht sei. Die offizielle Feststellung dieses Zustandes sei im Schulterschluss mit anderen betroffenen Küstenländern anzustoßen.

5. Knickschutz

Der Verband kritisiert die in Teilen Schleswig-Holsteins grundsätzliche Einordnung von Verstößen beim seitlichen Einkürzen während der Knickpflege als Vorsatz. Auch im Vergleich zu anderen Rechtsgebieten sei diese Auslegung, insbesondere im Erstverstoß, zu strikt. Zudem sei die aktuelle Auslegung, dass bei sogenannte Stämmlingen die einzelnen, dünnen Stämme im Umfang zusammengerechnet würden und anschließend unter die strenge Regelung des Überhälterschutzes fielen, ersatzlos zu streichen. Die Regelung sei ökologisch nicht nachvollziehbar und werde selbst von Umweltverbänden als unbegründet angesehen.

6. Wolfsmanagement

Durch die Meldung des Erreichens des guten Erhaltungszustandes des Wolfes in sämtlichen geografischen Zonen hat Deutschland geänderte Rahmenbedingungen im Wolfsmanagement. Es gelte nun, die rechtlichen Voraussetzungen für einen effektiveren Weidetierschutz zu schaffen.

Kirchenvertreter begeistert

Bei seinem Norla-Rückblick hob Lucht den Rundgang mit Bischöfin Nora Steen und weiteren Kirchenvertretern hervor. Er lobte den Austausch und berichtete, dass er auch auf der Landessynode Ende September in Lübeck mehrfach positiv auf den Norla-Rundgang angesprochen worden sei. Das Interesse, auch bei weiteren Kirchen-Vertretern, sei sehr groß. Es ist daher fest geplant, auf der Norla 2026 wieder einen gemeinsamen Rundgang mit Kirchenvertretern und Landwirten zu organisieren.

Vorstandsmitglied Joachim Becker berichtete zum Knicktag in Itzehoe. Er erklärte: „Wir müssen noch einmal an die Knickverordnung heran.“ Die Regelungen seien weiterhin unübersichtlich. Es könne zudem nicht sein, dass Verstöße grundsätzlich als vorsätzlich gewertet würden.

BVSH-Referentin Frederike Böttger stellte die Initiative „Red Farmer“ vor, die demnächst auch in Schleswig-Holstein Anwendung finden solle. Dabei handelt es sich um ein Online-Portal, in dem sich Landwirte mit ihren Geräten und Maschinen, die für die Feuerwehr bei Einsätzen nützlich sein können, registrieren. Im Ernstfall können Einsatzleiter der Feuerwehr die Red Farmer zur Unterstützung anfordern. Die Winterzeit solle für eine umfangreiche Bewerbung der Initiative bei Landwirten genutzt werden. Interessierte Landwirte können sich HIER online registrieren.

Verdienstorden des Landes verliehen

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Umweltminister Tobias Goldschmidt (Grüne) hat am 14. Oktober in Kiel in Vertretung für Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) die höchste Auszeichnung des Landes – den Verdienstorden Schleswig-Holstein – an drei verdiente Persönlichkeiten aus Schleswig-Holstein verliehen: Professor Dr. Dr. Kai Frölich, Direktor des Tierparks Arche Warder, Dr. Walter Hemmerling, ehemaliger Geschäftsführer der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein, sowie Ute Volquardsen, Präsidentin der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein.

„Es sind Menschen wie Sie, die vorangehen und unser Miteinander in besonderer Weise prägen“, sagte Goldschmidt bei der Verleihung der Orden in Kiel. „Mit Ihrem Einsatz inspirieren Sie uns und sind große Vorbilder für uns alle!“ An Ute Volquardsen gewandt sagte Goldschmidt: „Seit sieben Jahren tragen Sie mit großem Engagement ganz erheblich dazu bei, dass Schleswig-Holsteins Landwirtinnen und Landwirte gehört werden. Sie geben der Landwirtschaft eine starke Stimme.“ Volquardsen bringe immer wieder Themen wie Versuchswesen, Ausbildung, Beratung und Digitalisierung mit innovativen Ideen voran. „Bei Ihnen merkt man sofort die Leidenschaft für die Landwirtschaft.“ Ute Volquardsen zeigte sich sehr bewegt von der Ehrung: „Es ist für mich eine große Ehre, und ich bin sehr stolz auf diese Auszeichnung. Sie bestärkt und motiviert mich, mich weiterhin mit ganzer Kraft für unser schönes Bundesland einzusetzen – für die Landwirtschaft, den ländlichen Raum und die Menschen, die dort leben und wirken. Ich bin sehr dankbar, dass man mir auf meinem Weg so viel Vertrauen entgegengebracht hat – dass man mir Verantwortung zugetraut und mich für diese Ehrung vorgeschlagen hat. Besonderer Dank gilt meiner Familie und Freunden sowie allen Wegbegleitern in der Praxis, der Landwirtschaftskammer, den Verbänden und politischen Vertretungen.“ Sie betonte, dass sie diese Ehrung auch als Anerkennung für das Engagement vieler empfinde, die sich tagtäglich mit Herzblut für die Landwirtschaft und die ländlichen Räume einsetzten.



Ranking WBFSH: Holstein erneut an der Spitze

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Die diesjährigen Rankings der World Breeding Federation for Sport Horses (WBFSH) sind da. Aus Holsteiner Sicht geben die Ergebnisse allen Anlass zur Freude. Der Verband der Züchter des Holsteiner Pferdes konnte seine Spitzenposition aus dem Vorjahr im Klassement der Vielseitigkeit verteidigen und belegte erneut Platz eins im Ranking.

Auch im Springen haben Holsteiner Pferde eine sehr gute Position erreicht: Im diesjährigen Gesamtranking liegen Holsteiner und ihre Züchter auf dem verdienten Silberrang. Damit haben sie sich im Vorjahresvergleich um zwei Plätze ge­steigert.

Die Erfolge von Bull Run’s Jireh bescherten seinem Züchter Timm Peters aus Bargenstedt, Kreis Dithmarschen, Platz zwei im Züchterranking Springen. Jireh kam in Schleswig-Holstein unter Lena Glisic in den Sport und ist mit seiner US-amerikanischen Reiterin Kristen Vanderveen inzwischen mit zahlreichen Platzierungen auf höchstem Niveau dekoriert. Ralf Lütje aus Haseldorf, Kreis Pinneberg, ist der stolze Züchter von Monaco. Er rangiert im Züchterranking Springen auf Platz sieben.

Für die Erfolge seines Landos-Quinar-Sohns London wurde Ocke Riewerts von der Insel Föhr zum WBFSH-Vielseitigkeitszüchter des Jahres 2025 gekürt.

Junge LandFrauen im Austausch beim dlv

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Wir, Maren Eggers (Junge LandFrauen Dithmarschen), Henrike Bleck (Junge LandFrauen Plön) und Maria Sauer (Junge LandFrauen Rendsburg-Eckernförde), haben uns Ende September auf den Weg nach Berlin gemacht. Dort fand das Junge-LandFrauen-Netzwerktreffen des Deutschen LandFrauenverbandes (dlv) statt. Zwei Tage, die uns viel Inspiration, Mut und neue Ideen gebracht haben.

Der Auftakt war am Freitag mit einem Workshop der Radikalen Töchter. Ihr Ansatz: aus Frust Mut machen und aus Meinung Aktion werden lassen. Statt nur zuzuschauen, wie andere Politik gestalten, können wir selbst aktiv werden.

Schnell wurde klar: Wut ist nicht dasselbe wie Hass. Wut will verändern, Hass will zerstören. Außerdem haben wir gelernt, dass eigentlich alles politisch ist: von der Schuh- bis zur Berufswahl. Mit kreativen Methoden haben wir erlebt, wie Aktionskunst Aufmerksamkeit schafft und Themen auf die Tagesordnung bringt, die sonst gern übersehen werden.

Im Austausch untereinander ging es dann um Fragen, die uns besonders bewegen. Mental Load, Rollenbilder, Gender-Pay-Gap oder auch die Gesundheitsversorgung auf dem Land. Ganz konkret: Wie läuft eine Untersuchung beim Gynäkologen ab, wenn man im Rollstuhl sitzt? Diese und viele andere Perspektiven sichtbar zu machen, ist uns wichtig.

Apropos Gender-Pay-Gap: Wir LandFrauen sind ja klischeemäßig bekannt für den Kuchenverkauf. Aber was wäre, wenn Männer einfach 15 % mehr und Frauen 15 % weniger für das gleiche Stück Kuchen bezahlen müssten? Das klingt vielleicht erst einmal witzig und mancher würde denken: „Dann schicke ich eben die Frau vor.“ Doch genau dieser Vergleich macht deutlich, wie ungerecht die aktuelle Situation ist.

Am Sonnabend folgten weitere Gespräche mit jungen Frauen aus ganz Deutschland. Wir haben gemerkt, dass wir viele Themen teilen und dass wir gemeinsam viel erreichen können. Fazit: Wir fahren mit Mut und Motivation zurück nach Schleswig-Holstein. Wir wollen Frauen und Mädels aus dem ländlichen Raum ermutigen mitzumachen, egal welches Berufsbild sie haben. Wir wollen Klischees abbauen, uns gegenseitig stärken und zeigen, wie vielfältig LandFrauen heute sind. Für uns. Für Frauen im ländlichen Raum. Und für die Themen, die uns bewegen.

Giganten im Staudenbeet

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Viele Blütenstauden wachsen zu mannshohen, beeindruckenden Gestalten heran. Sie glänzen in Einzelstellung nicht minder als im Hintergrund von Rabatten, wo sie niedrigeren Arten das Bühnenbild bereiten. Einige stattliche Solisten wachsen sogar so dicht, dass sie als hohe Hecke im Sommer blühenden Sichtschutz bieten oder auch unschönere Anblicke geschickt kaschieren.

Solche Hecken aus Großstauden, vielleicht auch kombiniert mit Gräsern wie Chinaschilf (Miscanthus sinensis), Pfahlrohr (Arundo donax) oder Muriels Schirmbambus (Fargesia murielae), sind nicht nur eine attraktive Grenzbepflanzung, sie eignen sich auch prima zur Abgrenzung einzelner Teilbereiche auf großen Grundstücken. Fargesia murielae bildet im Gegensatz zu vielen andern Bambusarten keine langen Ausläufer. Unter den Chinaschilfsorten empfehlen sich besonders hoch wachsende Schönheiten wie ‚Große Fontäne‘, ‚Silberfeder‘ oder ‚Malepartus‘. Letztgenannte Sorte punktet mit früher Blüte und Herbstfärbung. Zudem sorgt der überhängende Wuchs des Chinaschilfs für mehr Pflanzenfülle. Doch eine Staudenhecke darf keinesfalls gedrängt wirken. Man hält daher einen Abstand von etwa 1,5 m zur Grundstücksgrenze ein. Lediglich Wuchsformen mit schmaler Silhouette bilden da eine Ausnahme. Sie dürfen näher an den Zaun heran. Die farbliche Schlichtheit der hohen Gräser bietet Blütenstauden die perfekte Kulisse. Im Frühjahr gibt der Sichtschutz aber noch nicht so viel her. Doch die lange Wartezeit wird später im Jahr belohnt. Tipp: Mit Zwiebelblühern wie Tulpen, Zierlauch (Allium), Prärielilien (Camassia) oder Steppenkerzen (Eremurus) lässt sich die Zeit bis zum Blühbeginn der Riesenstauden überbrücken.

Mit überhängenden Wuchs und attraktiven Blütenrispen ist so manche Sorte des Chinaschilfs ein toller Solist. Foto: Karin Stern

Weit oben auf der Liste der empfehlenswerten Kandidaten stehen natürlich Stauden, die über 150 cm hoch werden. Dazu gehören hohe Glattblatt- und Raublatt-Astern (Aster novae-angliae und Aster novi-belgii), Berg-Knöterich ‚Johanniswolke‘ (Aconogonon alpinum), Scheinhanf (Datisca cannabina), Wasserdost (Eupatorium), Sonnenbraut ‚Rauchtopas‘ (Helenium) und auch der Fallschirm-Sonnenhut ‚Herbstsonne‘ (Rudbeckia nitida). Einige weitere Bespiele für höhere Stauden, die prächtige Horste als Sichtschutz bilden, sind Echter Alant (Inula helenium) und die New-York-Scheinaster (Veronia noveboracensis).

Glattblatt- und Raublatt-Astern sind farbenprächtige Rabattenstauden. Foto: Karin Stern
Großstauden wie der Bergknöterich ,Johanniswolke‘ kaschieren mühelos unschöne Ecken. Foto: Karin Stern
,Rauchtopas‘ ist eine hochwachsende Sorte der Sonnenbraut. Foto: Karin Stern


Die Wiesenraute mildert die massive Wirkung der Mauer im Hintergrund ab. Foto: Karin Stern

Wiesenrauten (Thalictrum) wachsen als Hahnenfußgewächs zwar nicht ganz so dicht, lenken aber mit ihren luftigen Blütenwolken ganz wunderbar den Blick weg von nicht so angenehmen Anblicken. Die Chinesische Wiesenraute (Thalictrum delavayi) mit eleganten, hellvioletten Blüten und die Glänzende Wiesenraute (Thalictrum lucidum) mit gelblichen Blütenständen wachsen knapp 2 m hoch. Darf es noch höher hinausgehen, pflanzt man die Riesen-Wiesenraute ‚Elin‘. Diese Hybride punktet mit Blütenwolken in hellem Lila auf sehr standfesten Stielen.

Doch die Staudengiganten lassen sich auch prima in Beet oder Einzelstellung verwenden. Manch ein Gärtner zieht sogar die reich blühenden Vertreter einem Blütenstrauch vor. Doch sollte man auch bedenken, dass eine Großstaude nicht innerhalb einer Saison heranwächst. Sie braucht etwas Zeit, um sich zu entwickeln. Erst ab dem dritten Standjahr ist daher mit einem starken Blütenauftritt zu rechnen – das Warten lohnt sich!

Wasserdost wird mit weißen und rosafarbenen Blüten angeboten. Beide Sorten leiten hier perfekt zum Schmetterlingsflieder über.
Foto: Karin Stern

Wichtig ist ein ausreichend großer Standraum. Am besten plant man etwa 1 m2 Fläche für die Riesen ein. Als Pflanzzeit kommen ganz klassisch Frühjahr und Herbst infrage. Feuchtigkeitsliebende Pflanzen sollten bei der Frühjahrspflanzung über den Sommer hinweg ausreichend feucht gehalten werden. Doch wer ordentlich Grünmasse und viele Blüten bildet, braucht auch ausreichend Nahrung. Die genannten Arten unterscheiden sich dabei durchaus in ihren Ansprüchen. Man sollte daher beim Kauf nachfragen, wie hoch der Nährstoffbedarf der jeweiligen Art ausfällt. Entsprechend wird der Dünger dosiert. Besonders leicht fällt die Handhabung von mineralischen Langzeit-Staudendüngern. Sie geben über die Saison hinweg ihre Nährstoffe langsam ab und versorgen so die Staude über einen langen Zeitraum. Bei Bedarf düngt man flüssig nach.

Damit die hohen Stauden nicht vorzeitig von einem Sommergewitter auf den Boden gedrückt werden, kann je nach Standort eine Stütze sinnvoll sein. Doch auch die Rückendeckung von Mauern, Zäunen oder höheren Sträuchern schützt die Blütentriebe vor dem Abbrechen durch starke Windböen.

Steppenkerzen lieben sonnige, warme Standorte mit sehr durchlässigem und nährstoffreichem Boden. Foto: Karin Stern
Kerzen-Ligularie ,Zepter‘ wird manchmal auch unter der Bezeichnung Kerzen-Goldkolben angeboten. Foto: Karin Stern
Herzgespann ist eine heimische Wildstaude, deren Blüten für Hummeln und Wildbienen sehr wertvoll sind. Foto: Karin Stern
Sonnenhut ,Langer Heinrich‘ war früher in Bauerngärten weit verbreitet. Foto: Karin Stern
Brandkraut wird mit rosafarbenen oder gelben Blüten angeboten. Foto: Karin Stern


Kandelaber-Ehrenpreis eigent sich für vollsonnige Standorte. Foto: Karin Stern

Niemand sah den Himmel so wie Lorne

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„Dieses Buch habe ich für uns geschrieben. Für Jan, Malena, Johanna und mich. In diesem Buch steckt ein Leben. Lornes Leben. Er soll nicht vergessen werden. Wir haben ihn so sehr geliebt!“

So schreibt es Dörte Thomsen aus Ehndorf in ihrem Buch „Niemand sieht den Himmel so wie du – Lorne, mein Sohn“. „Doch es ist auch ein Buch, das Mut macht und zeigt, dass man nicht aufgeben sollte, sondern es sich lohnt zu kämpfen“, sagt die Autorin. Mit dem Buch verarbeitet sie die Krankheit und den Verlust ihres Sohnes Lorne, der vier Wochen nach seinem 16. Geburtstag starb. 437 Seiten lang schreibt sie sich alles von der Seele – erzählt mit dem einen oder anderen Augenzwinkern vom Leben auf dem landwirtschaftlichen Betrieb in Ehndorf mit Ehemann Jan, den Töchtern Male­na und Johanna, mit ihren Schwiegereltern Annegret und Heinrich. In bewegenden Kapiteln berichtet sie von ihrem geliebten Sohn Lorne, der nach einem Impftermin plötzlich unter Anfällen leidet und bis zu seinem Tod am 13. Juli 2020 behindert bleibt.

Das Schreiben ist für sie ein anstrengender und aufwühlender Prozess, aber es ist auch heilsam. „Einige Zeit nach Lornes Tod stand ich in unserem Büro und sah die zwölf Ordner, voll mit dem Schriftverkehr mit Ärzten, Behörden, Versicherungen und der Krankenkasse, mit Kalendereinträgen, Anträgen, Dokumentationen, Notizen und vielem mehr. Das konnte ich nicht wegwerfen, da steckt doch Leben drin.“

Sie beschließt, die Geschichte aufzuschreiben, nur für sich, für die Familie und den engsten Freundeskreis. An eine Veröffentlichung war da noch gar nicht zu denken. „Aber ich konnte nicht aufhören, es war ein gutes Gefühl zu wissen, dass dieses Leben nicht vergessen wird“, so die Mutter. „Es hatte alles endlich seinen Platz, wir wussten, wo alles ist, es gab nicht mehr diese Wand aus Ordnern, sondern alles war sortiert auf den Seiten“, formuliert es Tochter Malena.

Eine Woche lang sortiert Dörte Thomsen das angefallene Material und ordnet es chronologisch. Dann beginnt sie die Schreibreise. Als das Buch fertig ist, gibt sie es der Familie und Freunden zu lesen. Viele von ihnen meinen daraufhin: „Das muss in die Welt, es würde Menschen helfen, die in einer ähnlichen Situation sind“, so der Tenor.

Zu Gast bei einer Lesung in der Buchhandlung Krauskopf in Neumünster, lernt Dörte Thomsen die Autorin und Buchcoachin ­Alexandra Brosowski kennen und erzählt ihr von ihrer Geschichte. Sie bietet ihr an, das Buch zu lesen. Kurze Zeit später bestärkt auch sie Dörte Thomsen darin, ihr Werk zu veröffentlichen. Zusammen überarbeiten sie das Manuskript.

Dann wird der Familienrat zusammengerufen, denn noch sind nicht alle von einer Veröffentlichung überzeugt: „Malena und ich waren dafür, Johanna und Jan hatten berechtigte Bedenken, denn es geht ja um Einblicke in unser privates Leben“, so die Autorin. Als alle einverstanden sind, veröffentlicht sie ihre Geschichte 2024 im Selbstverlag bei Book on Demand (BoD). Johanna gestaltet das Buchcover – ein schaukelndes Kind mit einem großen Baum und einem kleinen Rotkehlchen. Lorne hat für sein Leben gern geschaukelt, was es mit dem Rotkehlchen auf sich hat, erzählt Dörte Thomsen in einem kleinen Zusatzkapitel im Buch.

Malena spricht die Geschichte zusammen mit R.SH-Moderator Carsten Kock als Hörbuch ein, das dieses Jahr noch veröffentlicht werden soll.

Ein Kind der Sonne

Lorne, ein Kind der Sonne, wie die Mutter ihn beschreibt, kommt am 18. Juni 2004 gesund und munter auf die Welt und wird von Anfang an von allen geliebt. Familie Thomsen lebt auf einem landwirtschaftlichen Betrieb auf Gut Lebenau in Ehndorf bei Aukrug. Seinerzeit bewirtschafteten sie 160 ha, versorgten 80 Milchkühe und die gleiche Anzahl an Kälbern und Jungtieren. Dörte Thomsen erzählt in dem Buch vom Hofleben sowie vom Generationenkonflikt zwischen ihr, ihrem Mann und den Schwiegereltern.

Sie selbst ist in der Landwirtschaft groß geworden, machte eine Lehre zur Bankkauffrau, war stellvertretende Zweigstellenleiterin. Als gestandene Frau kam sie damals in den bestehenden Familienverbund und es wurde erwartet, dass sie sich einfügte und unterordnete. „Das war für mich eine Wahnsinnsumstellung und manchmal wirklich schwierig. Das Haus, in dem wir leben, gehörte ja meinen Schwiegereltern und die gingen hier ein und aus und bestimmten. Nicht weil sie es böse meinten, sondern weil es für sie völlig normal war“, so Dörte Thomsen. Ihre Schwiegermutter sei in allem perfekt gewesen und äußerst patent. Jahre später gehören ihre Schwiegereltern mit zu den wichtigsten Stützen im Leben mit dem erkrankten Lorne. Alle Konflikte sind da vergessen.

Ein Jahr und vier Monate nach der Geburt von Lorne steht ein Impftermin für ihn an, den Dörte Thomsen zwei Mal verschieben muss, weil Lorne nicht richtig fit ist. Auch beim dritten Termin ist er leicht verschnupft, die Ärztin hat aber keine Bedenken. Lorne erhält eine Sechsfach-Auffrischungsimpfung. 48 Stunden später stöhnt Lorne beim Füttern laut auf, sackt leblos auf seinem Hochstuhl zusammen und erwacht erst wieder im Krankenhaus.

Wendepunkt im Leben

Seit dem Tag ist nichts mehr, wie es war. Es folgen weitere Anfälle in unterschiedlicher Ausprägung, aber eine Epilepsie kann nicht nachgewiesen werden. „Diese Diagnose haben wir bis zum Schluss nie richtig erhalten“, erzählen die Eltern von ihren Erfahrungen. „Ob die Impfung der Auslöser war, ist nicht belegt und nur eine Vermutung, weil sie den Wendepunkt in unserem Leben darstellt. Wir halten Impfen nach wie vor für eine gute Sache, es birgt aber auch Risiken“, betonen die Eltern, die in dem Buch das Impf-Fass bewusst nicht aufmachen wollen.

Nach dem Vorfall im Oktober 2005 lässt Dörte Thomsen in den folgenden Jahren nichts unversucht, um herauszufinden, was ihrem Sohn fehlt, und hofft, ihn wieder gesund zu bekommen. Sie schreibt immer wieder Dinge auf, falls danach von Ärzten oder Therapeuten gefragt wird. Schon da ist ihr klar: „Wenn wir das überstanden haben und Lorne gesund und munter herumläuft, schreibe ich ein Buch darüber. Das glaubt uns sonst keiner.“ Es folgt ein jahrelanger Untersuchungs- und Behandlungsmarathon, ein Kampf gegen Behörden und Bürokratie, eine Odyssee, die allen alles abverlangt bis zur totalen Erschöpfung.

Die Mutter greift hoffnungsvoll nach jedem noch so kleinen Strohhalm, liest unzählige Bücher und Berichte, recherchiert, schreibt Mails und Briefe, versucht es mit alternativen Behandlungsmethoden. Sie hofft, bangt, verzweifelt, weint, lacht und kämpft, aber sie gibt sich und ihre Familie nie auf. Sie bleibt stark, auch für ihre beiden Töchter, die ihre Mutter unterstützen und sich liebevoll um ihren Bruder kümmern. Der wiederum himmelt seine Schwestern an. Malena sagt: „Wir hatten nie das Gefühl, zurückstehen zu müssen. Im Gegenteil, uns wurde alles ermöglicht, Mama und Papa haben uns überall hingefahren und auch wieder abgeholt, wir mussten auf nichts verzichten.“

Liebe ist die stärkste Kraft

Lorne wird zu einem Kind mit Einschränkungen. Körperlich entwickelt er sich normal weiter, bleibt geistig aber auf dem Stand eines Einjährigen. Er kann nicht sprechen, aber Laute von sich geben. Füttern und Wickeln bleiben Daueraufgaben. Dabei ist er äußerst aktiv und hat einen ausgeprägten Bewegungsdrang.

Lorne liebt es, draußen zu sein, auf dem Hof, im Stall, auf seiner Schaukel im Garten oder in der Maschinenhalle. Er liebt es zu schaukeln, zu rennen, Trampolin zu springen, Lieder zu hören und mitzusummen. Und er liebt alles, was einen Motor hat, fährt am liebsten stundenlang bei Vater Jan auf dem Trecker, dem Radlader oder Rasenmäher mit. Doch er muss durchgehend beaufsichtigt werden, da er kein Gespür für Gefahren hat und unerwartet Anfälle auftreten können. Auf Phasen mit Anfällen folgen mitunter auch längere anfallsfreie Phasen, aufkeimende Hoffnung wechselt mit totaler Verzweiflung und Hilflosigkeit ab. Und doch, so schreibt Dörte Thomsen es zu Beginn in ihrem Buch, sei sie die meiste Zeit glücklich gewesen. „Liebe ist die stärkste Kraft, die uns alles schaffen lässt. Das hat mein Sohn mich gelehrt“, so die Mutter. Es sind diese und noch weitere Sätze, die Mut machen.

Die Familie hält zusammen und organsiert ihr Leben rund um Lorne herum. „Das haben wir richtig gut hinbekommen“, sagt Johanna. Wie bei einem Staffellauf wechseln sie sich in der Betreuung von Lorne ab, wenn einer ihn an der Hand hat, übergibt er ihn an den nächsten zum Aufpassen. Und dann ist da ja auch noch der Hof, der bewirtschaftet werden muss, und die Tiere, die versorgt werden müssen.

Um sich etwas Freiraum zu schaffen, beschließen sie, sehr zum Unverständnis von Jans Vater Heinrich, das Melken einzustellen, die Kühe abzuschaffen und sich auf den Ackerbau zu konzentrieren. Die Aufgaben teilen sie auf: Vater Jan macht die Arbeit draußen, Mutter Dörte kümmert sich um die Buchhaltung und den Haushalt. Um die Kinder kümmern sich beide. Sie werden von Jans Eltern unterstützt, wo es nur geht. „So schwierig es anfangs mit uns war, mit diesem Generationenkonflikt auf dem Betrieb, wenn es wirklich mal brennt, dann halten alle zusammen. Auch das habe ich mitgenommen aus der Zeit“, sagt Dörte Thomsen.

Sie baut sich im Laufe der Jahre ein Helfernetz auf, beantragt Hilfsmittel, die jedes Mal zunächst abgelehnt werden, aber sie lernt auch, Widersprüche einzulegen und Hilfe einzufordern – was neben der Pflege und Betreuung ihres Kindes samt Arbeit auf dem Hof zusätzlich Kraft kostet und belastet. Wer Angehörige pflegt und auf Hilfsmittel angewiesen ist, weiß, wovon sie erzählt. Sie hat deshalb dem Buch einen Pflege-Ratgeber mit dem Titel „Mein Kind ist behindert – was nun?“ angefügt. Lorne erhält Frühförderung, besucht die Kita, geht zur Schule, auch wenn er nie Lesen, Schreiben oder Rechnen lernt. Aber er wird in den Dingen gefördert, die er kann und für die Eltern gibt es nun Auszeiten, in denen sie durchatmen können. Über Mitteilungsbücher tauschen sich alle, die Lorne betreuen, aus.

Lorne ist Lorne

Wenn es Lorne gut geht, lacht er aus voller Seele und erobert damit im Sturm die Herzen aller Menschen, die ihn begleiten oder ihm begegnen. „Er war ein absoluter Sonnenschein, immer fröhlich“, so Dörte Thomsen. Schlimm ist es für alle, wenn es ihm schlecht geht, er von Anfällen oder Infektionen lahmgelegt ist. Auch wenn keine Epilepsie diagnostiziert ist, erhält er gegen die Anfälle entsprechende Medikamente, die aber alles nur zu verschlimmern scheinen und ihn teilnahmslos im Rollstuhl sitzen lassen. „Das war nicht mehr unser fröhlicher Junge“, so Dörte Thomsen.

Während sie und die Töchter noch abwägen, ob sie die Medikamente einfach absetzen sollen, spricht Vater Jan ein klares Machtwort: „Lorne ist Lorne. Wir nehmen ihn jetzt so, wie er ist. Wir kriegen das schon hin.“ Schlafmangel wird ein beständiger Begleiter von Dörte Thomsen. Nachts hat sie immer ein Ohr für ihren schlafenden Sohn, hört das Rascheln seiner Decke bei schlechten Träumen, Geräusche, komisches Atmen, wenn er einen Anfall hat oder weint. Dringend notwendige Auszeiten muss sie sich teuer erkaufen, meist hält die Erholung nur kurz. „Lief es an einer Stelle gerade gut, geschah wieder etwas an anderer Stelle, es hörte nie auf“, so die Mutter.

Humor nie verloren

Aber neben all den Belastungen gibt es auch schöne Momente in den 16 Lorne-Jahren, in denen gelacht wird. „Unseren Humor haben wir uns nie nehmen lassen“, beteuern alle. Ein herausragendes Ereignis stellt die gemeinsame Reise nach Teneriffa zu einer Delfintherapie dar, bei der die Familie im Atlantik mit frei lebenden Walen und Delfinen schwimmen darf – für alle ein unvergessliches Erlebnis. Lorne wächst zu einem hübschen jungen Mann heran und verzaubert alle mit seinem Lachen, doch die Hoffnung, dass er wieder gesund wird, schwindet mit den Jahren.

Stattdessen rücken neue sorgenvolle Fragen in den Vordergrund. Was soll aus ihm werden, wenn er erwachsen ist? Wer kümmert sich um ihn, wenn die Eltern nicht mehr da sind? Mit 16 Jahren ist er bereits 1,80 m groß und sehr kräftig. Wohin mit ihm, ihn in eine Einrichtung geben? So körperlich fit wie er ist, wer soll ihn nehmen? Zumal Dörte Thomsen sich nicht vorstellen kann, ihren geliebten Sohn abzugeben.

2020 steht ein Klinikwechsel von Kiel nach Hamburg an. Im Juli soll es für eine komplexe Untersuchung ins Klinikum nach Hamburg-Eppendorf gehen. „Das stand mir so bevor, wieder eine Woche mit Lorne ins Krankenhaus“, erzählt Dörte Thomsen. Doch dann, zwei Tage bevor es nach Hamburg geht, stirbt Lorne am 13. Juli 2020 im Schlaf. „Ihn am Morgen tot im Bett zu finden, war ein Schock, man kann es nicht in Worte fassen. Ich habe in der Nacht nichts gehört. Und das, wo ich sonst immer alles gehört habe. Er muss sich einfach so weggeschlichen haben.“ Noch heute zündet sie jeden Morgen eine Kerze an und stellt sie zu einem Bild von Lorne. „Wir haben viel von ihm gelernt, vor allem die kleinen Dinge im Leben zu genießen, sich an den kleinen Freuden des Alltags zu erfreuen“, so Dörte Thomsen. Lorne ist nicht mehr da, aber er lebt weiter in den Herzen der vielen Menschen, die er mit seinem Lachen erobert hat. Und er lebt in dem Buch von Dörte Thomsen. 

Literatur:

Dörte Thomsen, „Niemand sieht den Himmel so wie du, Lorne, mein Sohn“, 437 Seiten, 19,99 €, Books on Demand, ISBN 978-3-7597-6842-1,
https://buchshop.bod.de/niemand-sieht-den-himmel-so-wie-du-doerte-thomsen-978375976842

Podcast-Folge mit Alexandra Brosowski unter https://schreib-flausch.podigee.io/21-ein-buch-fuer-lorne-doerthe-thomsen

Weitere Informationen auch unter doerte-thomsen.de

Starke Frauen der Künstlerkolonie Ekensund

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Kuratorin Madeleine Städtler ist fasziniert von den Biografien der Ekensund-Künstlerinnen. 
Foto: Iris Jaeger

„Malweiber“ – so verachtend mussten sich Frauen, die sich Künstlerkolonien anschlossen, im 19. Jahrhundert von Männern betiteln lassen. Dabei standen sie den männlichen Kollegen in Sachen Talent und Können in nichts nach. So auch in der Künstlerkolonie Ekensund an der nördlichen Flensburger Förde, die sich 1875 gründete und einen Schwerpunkt in der Sammlung des Museumsbergs Flensburg bildet. Mit der neuen Ausstellung „Unterschätzt! Starke Frauen der Künstlerkolonie Ekensund“ rückt Kuratorin Madeleine Städtler erstmals die Frauenpower in den Fokus.

Emmy Gotzmann, Marie Nissen, Antoinette Marie Eckener, genannt Toni, Sophie Eckener, Elsa Nöbbe und Agnes Slot-Møller stehen exemplarisch für die unterschiedlichen Lebensläufe von Frauen im frühen 20. Jahrhundert, die sich in der Kunstwelt behaupten mussten. Ihre Namen sind heute kaum bekannt. In den zahlreichen Ausstellungen zur Künstlerkolonie Ekensund in der 150-jährigen Geschichte des Museumsberg Flensburg wurde stark auf die Männer geachtet und „natürlich brachte die Künstlerkolonie Ekensund überregional und deutschlandweit sehr erfolgreiche Männer hervor. Aber die Wahrheit ist: Solange es Künstler gab, solange gibt es auch schon Künstlerinnen“, so Madeleine Städtler. Es sei ihr ein Anliegen gewesen, einen blinden Fleck auszufüllen, die Frauen der Künstlerkolonie genauer zu betrachten, herauszufinden, wer sie waren, welche Lebensläufe sie eingeschlagen haben. „Und die Wahl dieser Lebenswege hatte manchmal auch für mich etwas Belehrendes, denn es gibt so viele verschiedene Biografien“, so Städtler.

Porträt Emmy Gotzmann, 1909, Fotograf: Heinrich Hinz, Flensburg
Foto: Museumsberg

Als Frau sich der Kunst zu widmen, erforderte damals Willensstärke und Mut. Die Qualität ihrer Werke überragte oft die ihrer männlichen Kollegen, deren Akzeptanz mussten sie sich hart erarbeiten. Emmy Gotzmann war eine dieser Frauen, die nur um der Kunst willen von Berlin an die Flensburger Förde zog und ihre männlichen Kollegen schnell von ihrem Können überzeugte. Sie schaffte es 1908 als eine von wenigen Künstlerinnen, eine eigene große Ausstellung im Flensburger Kunstgewerbemuseum, dem heutigen Museumsberg, zu bekommen.

In der aktuellen Ausstellung, die einen Vorlauf von zwei Jahre hatte, werden die starken Frauen und ihre Werke vorgestellt, die dank privater Leihgeber und der Unterstützung durch die Fielmann AG, die einen Ankauf eines der Gemälde ermöglichte, in der Ausstellung gezeigt werden können. Weitere Infos unter museumsberg-flensburg.de

Emmy Gotzmann: „Sonderburg“, 1909, eines von vielen Beispielen für Gotzmanns intensive Beschäftigung mit dem Licht in ihrer Freilichtmalerei
Foto: Museumsberg
Emmy Gotzmann „Frauenportrait mit Hut“, um 1910
Foto: Museumsberg
Elsa Nöbbe „Boote in der Flensburger Förde“, um 1910
Foto: Museumsberg
Sophie Eckener (3. v. unten) in der Malschule für Frauen, Stuttgart
Foto: Museumsberg
Agnes Slot-Møller, „Landschaft mit Blick über die Förde bei Ekensund“, um 1909, Ankauf mit Unterstützung der Fielmann AG
Foto: Museumsberg
Toni Eckener am Strand bei Rinkenis, um 1900, Fotografie, Abzug von 1989, Museum für Kunst und Kulturgeschichte Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf
Tuschezeichnung der sechsjährigen Sophie Eckener
Foto: Museumsberg
„Zwei Frauen beim Goldweben“, 1935, von Agnes Slot-Møller. Sie war die einzige Dänin in dem bis 1920 zu Deutschland gehörenden Gebiet um Ekensund.
Foto: Museumsberg