Marion Petersen aus Scholderup, einem Ortsteil der Gemeinde Taarstedt im Kreis Schleswig-Flensburg, hat über drei Jahrzehnte auf Antik- und Trödelmärkten eine stattliche Sammlung von Schildkröt-Puppen aus den 1950er und -60er Jahren zusammengetragen. Die zerbrechlichen und zarten Geschöpfe versprühen einen Hauch von Nostalgie.
Für den Besuch des Bauernblatts hat die begeisterte Puppenmutti ihre liebsten Exemplare auf einer Anrichte in Szene gesetzt. In ihrer kunterbunten Vielfalt sind sie hübsch anzuschauen, tragen feine Ausgehkleidchen, zünftige Lederhosen mit kariertem Hemd oder schlichte Baumwollstrampler. Jedes Einzelne atmet Geschichte und weckt Kindheitserinnerungen an eine Zeit, als in Deutschland die Demokratie laufen lernte und das Wirtschaftswunder begann.
Auf eine Puppe im etwas bieder anmutenden Häkelkleid macht die Sammlerin als Erstes aufmerksam. „Dies ist mein ältestes Exemplar. Es stammt ausnahmsweise aus den 1940er Jahren und ist ein Modell mit dem Namen Bärbel. Zur Tradition im Hause Schildkröt gehörte es nämlich, jeder Puppe einen eigenen Namen zu geben“, erzählt sie. Bärbels hohes Alter hat sichtbare Spuren hinterlassen, ihre Haut sieht ein bisschen ramponiert aus. Das Gummi, das das rechte Beinchen am Gelenk halten soll, ist ausgeleiert. Doch das macht der Besitzerin nichts aus. „Man kann ruhig sehen, dass mit ihr ausgiebig gespielt wurde“, findet sie.
Speziell auf die Unterschiede in der Verarbeitung fällt der Blick. Da gibt es Puppen in verschiedenen Größen zum Sitzen, zum Stehen, mit aufgemalten Augen oder mit Glasaugen. Es gibt sie mit aufgemaltem Haar oder Perücke, manche Köpfchen sind fest, andere beweglich am Rumpf montiert. Auch die Gesichtsausdrücke variieren. „In den Anfängen schauten die Puppen oft recht ernst, später fingen sie langsam an zu lächeln oder hatten einen eher neutralen Ausdruck“, weiß die 68-Jährige. Früher sei eine Puppe meist eine treue Begleiterin durch die gesamte Kindheit gewesen. „Alles war nicht so austauschbar und schnelllebig wie heute. Eine Puppe wurde über Generationen hinweg weitergegeben. War sie kaputt, kam sie zum Puppendoktor in die Puppenklinik.“ Enkelin Lotta, die gerade bei ihrer Oma zu Besuch ist, kann sich an der aufgestellten Puppenparade kaum sattsehen. „Ich darf mit allen von ihnen spielen. Am liebsten fahre ich sie mit dem Puppenwagen aus“, meint die Achtjährige lebhaft, und man spürt hautnah, wie verbindend es für Oma und Enkelin ist, die Liebe zu diesen bezaubernden Wesen zu teilen. Als gelernte Damenschneiderin im Ruhestand sorgt Marion Petersen nach Original-Schnittmustern aus der Vergangenheit gern selbst für den benötigten Nachschub an Puppengarderobe. Sie hat sich eine Nähstube eingerichtet, in der unter ihren fachkundigen Händen Röckchen, Jäckchen, Mützen und Co. entstehen. Gelegentlich bietet sie die Kreationen auf Hobbykunsthandwerkermärkten in der Region an. „Omi bringt mir gerade das Nähen bei und hat auch schon für meine Baby Born Sachen genäht“, wirft Lotta spontan in die Unterhaltung ein. Das Nähen bringe ihr mittlerweile so viel Spaß, dass sie sich zum Geburtstag eine eigene Nähmaschine wünsche. Ein Ansinnen, dass ihrer Großmutter ein glückliches und zufriedenes Lächeln ins Gesicht zaubert. „Lotta ist das einzige und gleichzeitig jüngste meiner sechs Enkelkinder, das sich für mein Hobby interessiert“, freut sie sich.
Wie Marion Petersen zur Sammelleidenschaft kam, ist schnell erzählt. „Alles begann 1982 mit einem Weihnachtsgeschenk meines Mannes Hermann. In einem Schaufenster sah er zufällig Repliken zweier Schildkröt-Puppen aus den 1950er Jahren, die auch mir gefielen. Mein Mann merkte sich das, und prompt landeten sie auf meinem Gabentisch.“ Danach war sie regelmäßig auf Antik- und Trödelmärkten unterwegs, um nach weiteren Schildkröt-Puppen aus den 1950er und -60er Jahren Ausschau zu halten.
Sie greift auf ein Regal hinter sich und nimmt vorsichtig die zwei besagten Püppchen im feschen Matrosenlook heraus. „Das sind Hans und Bärbel. Sie gehörten damals mit Inge, Christel und Strampelchen zu den fünf Schildkröt-Kindern, die 25 Jahre lang zu den meistgekauften Puppen der Spielzeugbranche gehörten. Die Modelle wurden von der Rheinischen Gummi- und Celluloid Fabrik in Mannheim-Neckarau, ab 1966 Schildkröt AG, in verschiedenen Ausführungen und Größen angeboten und ständig dem Zeitgeist angepasst und weiterentwickelt“, informiert sie. Das Markenzeichen: eine eingestanzte, kleine Schildkröte am hinteren Puppenhals oder Nacken. Das Produktlogo sollte als Sinnbild für Unverwüstlichkeit, Dauerhaftigkeit und Widerstandsfähigkeit stehen.
Wenn Marion Petersen auf ihre Kindheit in den späten 1950er und den -60er Jahren zurückschaut, so war an eine eigene, teure Schildkröt-Puppe noch nicht zu denken. Sie lebte mit den Eltern und fünf Geschwistern in Süderfahrenstedt. Vater und Mutter verdienten als Landarbeiter den Lebensunterhalt für die achtköpfige Familie. „Das Geld war manches Mal knapp. Meine Mutter verstand es trotzdem, aus wenig viel zu machen. Wir hatten eine schöne, behütete Kindheit“, unterstreicht sie.
Unvergessen: Ihre einzige Puppe verschwand in der Adventszeit immer wie von Geisterhand, um wenig später, bestrickt und nagelneu eingekleidet, unter dem Christbaum zu liegen. Auch wenn sie damals keine Schildkröt-Puppen hatte, kannte sie diese vom Spielen mit anderen Kindern und wünschte sich nichts sehnlicher, als eine zu besitzen. Ein wenig neidisch war sie auf eine Spielkameradin, die einen üppigen Puppenhausstand ihr Eigen nannte. „Ich verbrachte die Schulferien häufig bei meiner Tante. Dort spielte ich mit einem Nachbarskind, das gleich mehrere Schildkröt-Puppen hatte und sogar das passende Melitta-Kindergeschirr dazu. Das war für mich ein Traum!“ Ein Traum, den sie sich erst nach Jahrzehnten selbst erfüllen sollte.
Neben den Puppen hat die vierfache Mutter diverses antikes Spielzubehör gesammelt, ob ein Kindergeschirr, Bettchen, Wäsche oder Rasseln. Ebenso Teil der Sammlung: Puppenwagen, Nähkörbe, Nähmaschinen und Bügeleisen. „Alles, was es im wirklichen Leben der Erwachsenen gab, fand sich im Mini-Format in der Puppen- und Spielzeugwelt wieder“, erklärt sie. So sollten Mädchen schon von Kindesbeinen an spielerisch auf ihre zukünftige Rolle als treu sorgende Hausfrau, Ehefrau und Mutter vorbereitet werden. Durch das Lesen der Schildkröt-Firmendokumentation, die unter dem Titel „Das große Schildkröt-Buch“ von Jürgen und Marianne Cieslik verfasst wurde und erstmals 1986 erschien, hat sich Marion Petersen auch mit der Historie der Schildkröt-Puppen seit Produktionsbeginn im Jahr 1896 befasst. Diese waren besonders nach den entbehrungsreichen Kriegsjahren heiß begehrt. Doch bis die industrielle Fertigung wieder volle Fahrt aufnehmen konnte und neue Produkte entwickelt wurden, griff man zunächst auf vier markante Modelle des Vorkriegsprogramms zurück: Inge mit der typischen Haarrolle, Bärbel mit den Haarschnecken, Christel, die ebenfalls als Junge angezogen werden konnte, und Strampelchen als Sitzbaby. Schon bis Ende des Jahres 1951 hatte die Produktion Vorkriegsniveau erreicht. Ab 1952 kamen neue Modelle auf den Markt.
Das war gleichzeitig die Geburtsstunde des neuartigen Materials Tortulon. Vorher waren die Puppen aus Zelluloid gefertigt worden. Das Material wog nicht viel und war gut abwaschbar, farbecht und bruchsicher, hatte aber den Nachteil, dass es sehr leicht entflammte. Schon ein Streichholz in der Nähe reichte aus, dass die Puppen Feuer fingen. Tortulon hingegen war ein stabiler, sicherer, nicht brennbarer Kunststoff. Doch letztendlich setzte er sich in der Verarbeitung nicht dauerhaft durch und wurde durch Vinyl und andere Kunststoffe ersetzt. Wenn man die Sammlerin mit so viel Herzblut und Leidenschaft über ihr Hobby reden hört, bleibt abschließend die Frage, ob sie eine Lieblingspuppe habe. Da muss sie keine Sekunde überlegen: „Nein, ich mag sie alle, die eine wie die andere.“




