„Vater Staat“: Dieses Wortbild beschreibt eine fürsorgliche, gerechte, notfalls strenge Obrigkeit, welche das Leben jedes Einzelnen regelt. Dabei werden Bürger als unselbstständige Wesen gesehen, denen zu ihrem Glück verholfen werden muss, wobei die Definitionshoheit für „Glück“ beim Staat liegt – Volksbeglückung als Ersatz für Eigeninitiative und Eigenvorsorge.
Noch weniger Fleisch als bisher postuliert die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, und weil das Gesundheitsargument dafür nicht mehr ausreicht, nimmt man den Klimaschutz argumentativ zu Hilfe. Ähnlich geht es im Bundeslandwirtschaftsministerium zu, wo die Kantinen in Zukunft nur noch vegetarisch kochen. Oder auf dem diesjährigen Kirchentag. Oder in manchen Kindergärten. Oder…
Der ehemalige Verfassungsgerichtspräsident Udo di Fabio fragt: Darf der Staat Menschen jenseits des Unerlaubten steuern? Gesetze haben eine Schutzfunktion, doch wo wird Schutz zu Bevormundung? Di Fabio warnt vor einer „Ambiente-Gestaltung“. Will heißen: Die Erfüllung staatlicher Aufgaben, die den Bürger in die Lage versetzen soll, eigene Entscheidung zu treffen, wird durch ein Ambiente ersetzt, in dem man so handelt, wie Vater Staat es gerne hätte – einfach, weil man sich sonst unwohl fühlt. Beispiel: Fleisch soll verantwortlich sein für Klimawandel, Gewässerverunreinigung, Nitratauswaschung, Krebs und Tierleid. Parallelen zum gesundheitsschädlichen Zug an der Zigarette sind heute Allgemeinwissen.
Der Staat versucht, den Bürger deshalb in die richtige Richtung zu stupsen. Doch was ist richtig? Jahrzehnte lang galt fettes Essen als Ursache für Übergewicht. Heute ist das tierische Fett zumindest in der Fachwelt rehabilitiert. Rotes Fleisch ist nicht krebserregend, auch wenn das immer noch durch die Medien geistert. Spinat macht schon lange nicht mehr stark. Wurden Menschen ernährungsphysiologisch lange über einen Kamm geschoren, weiß man heute, dass dies grundfalsch ist. Jedes Individuum muss einzeln bewertet werden.
Wir können froh sein, dass Pflanzen und Tiere auch dann wachsen, wenn sie nicht mit Ideologie gedüngt werden. Aber an unserer Ernährung sollen nicht nur wir selbst genesen, sondern Klima, Gewässer und Artenvielfalt. Welches Leitbild eines Konsumenten steht dahinter? Wo bleibt das Selbstbestimmungsrecht? Der Mensch als autonomes Subjekt hat immerhin Verfassungsrang.
Der Staat darf und soll Gesetze für Lieferketten, Herkunftskennzeichen oder Tierwohlstandards festlegen, aber er sollte vermeiden, uns zum vermeintlich Guten „verführen“ zu wollen. Wer Kinder vor allen Gefahren schützt, der schafft risikoscheue Erwachsene, die Lösungsansätze und die Schuld für Fehler nicht mehr bei sich selbst suchen. Am Ende überfordern derart überforderte Bürger den Staat.
Vater Staat sollte es deshalb dem Einzelnen überlassen, wie er sich ernährt, nachdem er ihm die nötigen Entscheidungsgrundlagen zur Verfügung gestellt hat. Er sollte das Subjekt seines Umsorgens nicht zum Objekt degradieren. Damit ist kein (demokratischer) Staat zu machen.




