Manchmal inspirieren Weihnachtsmärkte Besucherinnen und Besucher zu ganz neuen Aktivitäten. Ein Beispiel dafür ist Jörg Hasenöhrl: Auf einem solchen Markt irgendwann vor 16 Jahren entdeckte der Kellinghusener einen Standbetreiber, der mit der Motorsäge aus Holzblöcken Tiere schuf. „Als ich das sah, dachte ich, das kann ich auch“, erzählt Jörg Hasenöhrl. 20 Stunden „schnitzte“ er damals mit einer Kettensäge an einer ersten Eulenfigur – heute braucht er in seiner Werkstatt in Föhrden-Barl nur noch zwei Stunden.
Den Umgang mit der Kettensäge hat Jörg Hasenöhrl schon vor vielen Jahren gelernt. Der Industriemechaniker, der in einer Maschinenbaufirma in Neuendorf arbeitet, sägte mit dem Gerät sein Feuerholz für den Winter zurecht. Dass mit der Motorsäge auch Kunstwerke geschaffen werden können, war für ihn eine Neuentdeckung. „Ich habe dann einfach mal angefangen. Anfangs schnitzte ich mit einem Bild als Vorlage, aber besser ging es mit einem Modell“, erinnert sich der 51-Jährige. Fast immer arbeitet Jörg Hasenöhrl die Kunstwerke aus einem Stück Holz heraus. Dabei guckt er, was von dem Block zuerst weggeschnitten werden kann, und orientiert sich dabei auch immer an der Maserung. „Das ist einfach faszinierend, man kann fast jede Figur schnitzen“, erklärt der Hobbykünstler, der auch schon an Wettbewerben teilgenommen hat. Im sogenannten Speed-Carving, dem Kettensägen-Schnitzen auf Zeit, belegte er bei den Deutschen Meisterschaften vor zehn Jahren einen beachtlichen vierten Platz – von 15 Teilnehmern.
Für seine aktuellen Schnitzarbeiten nutzt Hasenöhrl eine beeindruckende Auswahl verschiedenster Kettensägen. Die Gerätesammlung hat er aber nicht allein aufgebaut: Seit zehn Jahren werkelt er mit Volker Tonder zusammen. Der gelernte Forstwirt hatte Hasenöhrl als Kunden kennengelernt – und schnitzt selbst ebenfalls seit vielen Jahren mit der Kettensäge. Als Volker Tonder an Parkinson erkrankte, musste er seinen Forstwirtsberuf an den Nagel hängen. Zur Kettensäge greift der 54-jährige Mönkloher trotzdem weiterhin, um aus Baumstämmen vor allem massive Sitzbänke zu gestalten. „Ich habe 25 Jahre im Wald gearbeitet, da konnte ich die Motorsäge nicht einfach wegstellen“, erklärt Tonder.Sein Bruder Henry Tonder, dem der Bauernhof in Föhrden-Barl gehört, überließ dem Kettensägen-Duo die Werkstatträume – auch aus Begeisterung für das Geburtstagsgeschenk in Form von geschnitzten Wildschweinen, die aus dem Bau rennen. Jörg Hasenöhrl und Volker Tonder durften auch den ehemaligen Melkstand nutzen – und bauten daraus während der Corona-Krise einen Ausstellungsraum für ihre Kunstwerke. Die Wände wurden mit Hochdruckreinigern gesäubert, der Fußboden begradigt und alles neu gestrichen.
In dem grundsanierten Häuschen direkt am Stellauer Weg dürften Besucherinnen und Besucher aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Ein dunkelbraun gemaserter Delfin prangt dort neben einem Adler mit filigran gearbeitetem Schnabel, dahinter richtet sich ein Bär zur vollen Größe auf. Vor allem mit Eichenholz arbeiten die Holzkünstler, es halte lange und sei nicht so weich wie zum Beispiel Fichte, erklärt Hasenöhrl. Die fertig geschnitzten Arbeiten werden nach Bedarf oder Absprache mit Öl oder Lasur behandelt, teilweise greift er auch zur Flex mit Bandschleifaufsätzen.
Oftmals halten am früheren Melkstand Radtouristen an. Hasenöhrl kann dank einer pfiffigen Spiegelkonstruktion von seiner abseits der Straße gelegenen Werkstatt den Besuch sehen – und rollt dann mit dem komplett eingestaubten Hoffahrrad zu den potenziellen Kunden. „Für die paar Meter reicht das völlig aus“, erklärt Hasenöhrl und grinst. Aufträge erhält der Kellinghusener mittlerweile aus dem gesamten norddeutschen Raum. Vieles läuft über Mundpropaganda, manchmal wird er auch bei Schausäge-Veranstaltungen angesprochen, die von Landmaschinenhändlern organisiert werden. Anfragen kommen aber auch über seine Internetseite (www.der-motorsaegenschnitzer.de), vertreten ist er inzwischen aber auch in Sozialen Netzwerken wie Instagram und Facebook.
Die Bandbreite des Motorsägenkünstlers ist enorm: Neben Tierfiguren wie Graureiher oder den äußerst beliebten Eulen modellierte Jörg Hasenöhrl auch schon mal einen „Bulli“. Für den Mönchsweg in Kellinghusen gestaltete er zudem einen Mönch – wie fast alle seine Werke aus einem Stück Baum gearbeitet. Ein Körperteil sei für ihn besonders schwierig zu gestalten, räumt er ein. „Gesichter mit den Augen, der Nase und dem gesamten Ausdruck sind sehr schwer, das ist echt eine Herausforderung.“
Lieblingswerke gibt es auch: Neben ganz neuen, noch nie geschnitzten Motiven mag Hasenöhrl die Arbeit an Säulen, die rundherum mit verschiedenen Motiven in Reliefform bestückt sind – von Tierfiguren bis hin zu nordischen Göttern. Zudem würde er gern mit seinem Mitstreiter Volker Tonder ein Philosophenhäuschen aus Holz gestalten – also eine Sitzbank mit einem Dach darüber, aber komplett ohne Ecken und Kanten. Ein Zuhause hat der Motorsägenkünstler übrigens trotzdem noch: „Am Sonntag bin ich immer bei meiner Familie.“ Jörg Hasenöhrl ist fast an jedem Wochenende freitags von 14 bis 16 Uhr und sonnabends von 11 bis 16 Uhr in der Werkstatt auf dem Hof Tonder am Stellauer Weg 12 in Föhrden-Barl anzutreffen. Weitere Informationen gibt er zudem unter Tel.: 0170-8 62 85 01 oder per E-Mail an jhasenoehrl@t-online.de




