Klaus-Peter Lucht zieht eine positive Bilanz aus seinen Gesprächen im vorigen Jahr. Der Präsident des Bauernverbandes Schleswig-Holstein lässt nicht nach, die Gesprächsbasis über alle Shareholder auszubauen, Politik und Meinungsträger in sein Boot zu holen. Die Demonstrationen die gerade im ganzen Land stattfiden zeigen für ihn, wie wichtig der Ausstausch ist.
Herr Lucht, was hat sich für Sie persönlich verändert seit der Wahl? Was kriegen Sie noch mit von ihrem Hof?
Klaus-Peter Lucht: Der Hof sieht mich jeden Morgen, vor allem meine Kühe beim Melken, wenn ich zu Hause bin. Die politische Arbeit ist enorm wichtig, aber die Bodenhaftung darf nicht verloren gehen. Die GbR mit meinem Sohn gibt mir den Freiraum für das Ehrenamt, den ich brauche. Die Schwerpunkte haben sich verschoben, ich bin nicht mehr die erste Arbeitskraft auf dem Hof und werde nicht mehr zum Maisfahren eingeteilt. Zu meinen Aufgaben gehört immer noch die Dokumentation. Das bringt Ernüchterung, und ich weiß genau, vor welchen Herausforderungen wir auf den Betrieben stehen.
Welches persönliche Resümee ziehen Sie nach einem Jahr an der Spitze des Bauernverbandes Schleswig-Holstein?
Es macht immer noch Freude, und ich glaube, wir haben einiges erreicht im vorigen Jahr. Ein wichtiges Anliegen war, dass der Dialogprozess „Zukunft der Landwirtschaft in Schleswig-Holstein“, der vor gut drei Jahren begann, vorankommt. Wir arbeiten jetzt endlich an den einzelnen Thesen. Beim Thema Wasser sind wir bereits sehr weit und haben eine Digitalplattform entwickelt. Und wir können in diesem Jahr auf der Norla neue Projekte zur Biodiversität in Zusammenarbeit mit dem Landwirtschaftsministerium vorstellen. Ebenso läuft die Kooperation mit den Umweltverbänden in diesem Bereich sehr vernünftig. Agrarminister Werner Schwarz (CDU) unterstützt uns bei den Moorthemen, und Flurbereinigungsverfahren sollen nach vorne gebracht werden.
Der Moorschutz steht ganz oben auf der Agenda von Landespolitik und Bauernverband. Wie lassen sich Landwirtschaft und Moorschutz in Einklang bringen?
Der Bauernverband hat ein Moorschutzpapier erarbeitet, das den Fokus auf das Prinzip der Freiwilligkeit legt, den Erhalt von Betrieben und die kooperative Beteiligung der Wasser- und Bodenverbände. Im vergangenen Jahr haben wir intensive Gespräche mit den beiden zuständigen Ministerien für Landwirtschaft und für Umwelt sowie mit der Stiftung Naturschutz geführt. Der ausufernde und unkoordinierte Flächenkauf oder die Zupacht durch die Stiftung muss aus unserer Sicht ein Ende haben. Wir wollen dahin kommen, Flächen genau zu definieren, die schnell und einfach wiedervernässt werden können. Flächen in topographisch geeigneten Niederungen, die keine ertragsfähige Bewirtschaftung zulassen, könnten dann mit erster Priorität vernässt werden. Hilfreich wären Flurbereinigungsverfahren auf regionaler Ebene und freiwilliger Landtausch, um zukunftsfähigen Betrieben die Weiterbewirtschaftung zu ermöglichen.
Wenn es uns nicht gelingt, mit geeigneten Maßnahmen eine angepasste Bewirtschaftung zu ermöglichen, werden Betriebe aufhalten, werden junge Menschen den ländlichen Raum verlassen und andere Berufsperspektiven suchen. Das würde Betriebs- oder Familienvermögen vernichten. Die Erfahrung zeigt, dass Betriebe, die seit Jahren mit 20 cm Wasserstand unter der Grasnarbe arbeiten, gute Silagequalitäten und erfolgreich Milch produzieren. Eine technische sowie wirtschaftliche Nutzungsoption wäre der Bau von Flächenphotovoltaikanlagen zur Energieproduktion. Im Oldenburger Graben wurde das Modell einer Flächengenossenschaft entwickelt, bei dem durch Kooperation sowohl Vernässung als auch Grünlandnutzung und energetische Nutzung möglich sind. Das zeigt, Naturschutz ist auch in marktwirtschaftlichen Systemen möglich.
Ein großflächiges Thema sind die fast 60.000 km langen Knicks im Land. Die Unesco hat im März die Knickpflege in Schleswig-Holstein in das bundesweite Verzeichnis Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Was macht die Knickpflege zum Dauerthema mit dem Umweltministerium?
Der Knick hat viele Facetten, als traditioneller Bestandteil unserer Kulturlandschaft sowie im Natur- und Klimaschutz. Nahezu jeder landwirtschaftliche Betrieb in Schleswig-Holstein hat damit zu tun, bis auf die Betriebe in den Marschregionen. Unser beständiges Anliegen in der Landwirtschaft sind praxistaugliche Vorschriften zur Knickpflege. Ein großes Thema ist die Auffassungsänderung beim Umweltministerium. Demnach ist das seitliche Einkürzen der Knicks nur noch in den Wintermonaten möglich.
Dieses Jahr bietet wieder ein gutes Beispiel, warum der Rückschnitt nach der Ernte und nicht erst im Winter möglich sein sollte. Die Flächen sind in der Regel zu diesem Zeitpunkt nicht befahrbar oder würden geschädigt. Das betrifft nicht nur das seitliche Aufputzen mit Forstmaschinen, das Astwerk muss auch verladen und abtransportiert werden. Alle drei Jahre seitlich Aufputzen, und dann nur in den Wintermonaten, das ist für die Betriebe nicht darstellbar, denn gerade die Getreideflächen sind dann längst wieder bestellt. Das trifft vor allem Ostholstein.
Es gab zu dieser Thematik von unserer Seite auch Gespräche mit Vertretern von Nabu und BUND, die keine Einwände gegen den Zeitpunkt nach der Ernte haben. Solange das Land sich beim Rückschnitt auf den Bund und auf Artenschutzvorgaben beruft, die eine Durchführung nur in den Wintermonaten zulässt und eine Dreijahresfrist vorgibt, können die Landwirte kaum ordnungsgerecht ihren Verpflichtungen nachkommen.
Knickverstöße werden sanktioniert…
Leider setzt das Ministerium bei Knickpflegeverstößen zum Teil Vorsatz voraus, wodurch es in der Folge zu hohen Prämienkürzungen kommen kann. Das ist nicht gerechtfertigt und nicht angemessen. Den Dialog fortzusetzen und im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten eine Annäherung zu finden, wäre für die betroffenen Landwirte ein Weg. Hier hilft auch der Bauernverband. Für den seitlichen Rückschnitt wäre die Aufhebung der Dreijahresfrist ein Weg zurück zur Praxistauglichkeit.
Vor Weihnachten hat die Bundesregierung bekannt gegeben, die Steuerrückerstattung für Agrardiesel und die grünen Kennzeichen zu streichen. Wie stark treffen diese Sparpläne die Landwirte in Schleswig-Holstein?
Das ist für die Landwirtschaft ein Schlag ins Kontor. Die Kürzung der Agrardieselrückerstattung macht 21 Cent pro Liter Diesel aus, das trifft uns hart, genauso wenn die grünen Nummernschilder abgeschafft würden. In Summe sind es zwei Mal 450 Millionen Euro und für Schleswig-Holstein allein 30 Millionen Euro. Den Verlust können die Landwirte an keinen Kunden weitergeben. Ich hätte mir gewünscht, dass die Bundesregierung das Gespräch mit dem Deutschen Bauernverband sucht, um gemeinsam zu überlegen, was nötig und möglich ist. Das ist leider nicht passiert.
Ab dem 8. Januar sind deutschlandweit Aktionen geplant, auch in Schleswig-Holstein. Was wollen Sie erreichen?
Das Hauptziel ist und muss bleiben: keine Steuererhöhungen beim Agrardiesel und Erhalt der grünen Nummernschilder! Das ist und bleibt die zentrale Botschaft. Es wird berichtet, dass wir super viele Unterstützer haben. Aber in Einzelgesprächen, die ich auch mit anderen Branchen geführt habe, wird geäußert, dass die Gruppen unterlaufen werden von Personen, die nicht für Agrardiesel kämpfen, sondern ihre eigenen Interessen im Sinn haben. Wir sollten als Landwirtinnen und Landwirte, gleich ob Mitglied im Bauernverband oder vielleicht bei LsV, darauf achten, dass wir unsere Kernforderung Agrardiesel und grüne Nummernschilder nicht aus den Augen verlieren. Wir sollten unbedingt erreichen, dass unsere Kernbotschaft nicht verwässert.
Sind Traktordemonstrationen eine neue Kommunikationsform in der Landwirtschaft?
Nein! Das dürfen sie auch nie sein. Wir können einmal mit dem Traktor losfahren, auch zwei- und dreimal. Wir sind dann kurzfristig in den großen Medien, aber die Wirkung nutzt sich bei zu häufigem Gebrauch ab. Genauso wird es mit Großdemonstrationen sein. Dann würden sie nur noch als Störung unserer Mitbürger wahrgenommen werden. Deshalb ist für mich wichtig, dass wir an drei Tagen in Schleswig-Holstein aktiv auf der Straße sind und unsere Mitbürger mitnehmen, ihnen die Situation erklären und sie nicht verärgern. Eine große Demonstration in Berlin am 15. Januar hat für mich oberste Priorität, weil die Entscheider der Politik in Berlin sind. Denn grundsätzlich versuchen wir, unsere Forderungen politisch umzusetzen, indem wir als Bauernverband mit unserem Hauptamt und Ehrenamt den Austausch mit der Politik auf den verschiedensten Ebenen suchen.
Es entstehen sehr starke Bilder in den Medien. Besteht die Gefahr, dass diese Bilder von anderen genutzt werden?
Leider ja. Nichtdemokratische Gruppen wollen diese Bilder nutzen, um ihr eigenes politisches Portfolio zu stärken oder abwegige Forderungen damit zu verbinden. Sie unterlaufen die Informationsgruppen. Das ist die Herausforderung: zu sehen, wer unsere echten Freunde und Unterstützer sind. Das Transportgewerbe zähle ich absolut dazu und den vor- und nachgelagerten Bereich. Unser Ziel ist die grüne Nummer und der Agrardiesel. Das dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, wenn wir erfolgreich sein wollen.
Was wünschen Sie sich für das neue Jahr?
Ich wünsche mir Kommunikation, dass Landwirte und Nichtlandwirte noch viel mehr miteinander sprechen. Denn reden hilft. Wir dürfen uns nicht nur in unserer eigenen Blase bewegen. Das hat uns der Dialogprozess in Schleswig-Holstein gezeigt. Ich wünsche mir, dass wir dabei bleiben und nicht müde werden, zu erklären, wie wichtig die Landwirtschaft ist – nicht nur für den ländlichen Raum.




