Vor einer Aufteilung des deutschen Strommarkts in unterschiedliche Preiszonen warnt der Deutsche Bauernverband (DBV) gemeinsam mit 14 anderen Spitzenverbänden der deutschen Wirtschaft. Eine Teilung der bislang bundesweit einheitlichen Stromgebotszone hätte Marktverwerfungen und den Verlust von Wettbewerbsfähigkeit zur Folge, heißt es in der Erwiderung der Spitzenverbände auf einen Gastbeitrag führender Energieökonomen in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ), in dem die Wissenschaftler zu Reformen am deutschen Strommarkt aufgerufen hatten.
Gezeichnet wurde die Gegenrede unter anderem auch vom Bundesverband Erneuerbare Energien, dem Verband der Chemischen Industrie, dem Bundesverband der Deutschen Industrie und dem Verband der Automobilindustrie. Die Energieökonomen hatten in ihrem Gastbeitrag in der FAZ kritisiert, dass sich bislang alle Teilnehmer am deutschen Strommarkt unabhängig vom jeweiligen Standort an den gleichen Preissignalen orientierten, denn dadurch entstünden viele Unwuchten. Die Wissenschaftler plädieren daher für regionale Strompreiszonen in Deutschland, die das reale Verhältnis von Energieangebot und -nachfrage vor Ort abbilden.
Hinter dieser umstrittenen Forderung stehen zwölf Ökonomen, darunter die Wirtschaftsweise Prof. Veronika Grimm, der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), Prof. Ottmar Edenhofer sowie Energieökonom Prof. Lion Hirth von der Hertie School in Berlin.
Unsinnige Entscheidungen im Strommarkt
Eine Herausforderung im deutschen Strommarkt ist bekanntlich, dass viel Erneuerbarer Strom im Norden produziert wird, die industriellen Zentren mit hohem Strombedarf aber im Süden liegen. Gleichzeitig mangelt es an der für den Stromtransport notwendigen Netzinfrastruktur. In der Folge würden am Strommarkt Entscheidungen getroffen, „die in der Physik des Netzes nicht möglich und volkswirtschaftlich unsinnig sind“, heißt es in dem FAZ-Gastbeitrag der Wissenschaftler. Beispielsweise produzierten bei moderaten Strompreisen Windkraftanlagen im Norden viel Strom, obwohl er nicht in den Süden gelange, während gleichzeitig in Bayern Gaskraftwerke stillstünden. Diese Fehler im Stromsystem müssten dann kostenintensiv durch das sogenannte Redispatch „repariert“ werden, kritisieren die Ökonomen.
Das Argument der Forscher: Mit regionalen Preiszonen würde das Strommarktdesign deutlich effizienter werden. Die zu erwartenden Unterschiede in den Jahresdurchschnittspreisen seien dabei überschaubar: zwischen 5 und 20 € / MWh, und damit geringer, als die bereits heute bestehenden Differenzen der Verteilnetzentgelte. Laut den Energieökonomen könnten außerdem nur lokale Strompreise die Dynamik des Stromnetzes sinnvoll in Flexibilitätsanreize übersetzen. Die Wissenschaftler führen einen weiteren Grund an, der ihrer Meinung nach für eine Teilung der Stromgebotszone spricht: Dadurch würden Investitionen in Regionen mit viel Erneuerbarem Strom angekurbelt.
Der Strompreis als Standortvorteil
Wenig überzeugt von dieser Argumentation zeigten sich die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft. „Eine Gebotszonenteilung ließe gerade im industriestarken Süd- und Westdeutschland die Strompreise steigen“, geben sie in ihrer Erwiderung zu bedenken. Bereits heute seien die Strompreise in Deutschland im internationalen Vergleich ein Standortnachteil. Größere Neuinvestitionen würden daher bei lokal steigenden Preisen umso mehr außerhalb Deutschlands oder gar Europas getätigt werden. Es drohe ein „massiver Verlust an industrieller Wertschöpfung und guten Beschäftigungsverhältnissen“, warnen die Verbände.
Auch der DBV sorgt sich um die Planungssicherheit im Land, sollten die Vorschläge aus der Wissenschaft umgesetzt werden. „Die Idee der zwölf Ökonomen mag in der Theorie richtig sein, in der Realität lassen sich aber Produktionsstandorte von Industrieunternehmen nicht einfach mal eben so verlagern“, erklärte DBV-Energieexperte Johann Meierhöfer. Er verwies gleichzeitig auf die vielen landwirtschaftlichen Betriebe, die mit ihren Biogasanlagen, Solaranlagen und Windrädern das Rückgrat der Erneuerbaren Energien in Deutschland seien. Diese Investitionen seien im „Vertrauen darauf getätigt worden, dass die Rahmenbedingungen sich nicht abrupt ändern“, gibt Meierhöfer zu bedenken. Durch eine möglicherweise jahrelang andauernde Umgestaltung des Strommarktdesigns würde die Planungssicherheit in Gefahr gebracht werden.
Netzinfrastrukturausbau notwendig
Nach Ansicht der Wirtschaftsverbände sollten die Probleme im Strommarkt stattdessen durch einen schnellen Ausbau der Netzinfrastruktur, mehr Speicher, mehr Elektrolyseure sowie mehr Direktbelieferung gelöst werden. „Diese Lösungen sind komplexer, als einen Federstrich auf einer Landkarte zu ziehen, der unkalkulierbare volkswirtschaftliche Risiken in sich birgt, aber sie lösen die Herausforderungen grundsätzlich“, heißt es in der Erwiderung der Spitzenverbände in der FAZ.



