Die Wintergerste wurde zur Ernte 2024 laut Statistikamt Nord auf etwa demselben Flächenumfang von rund 73.400 ha (+3 %) wie im Vorjahr angebaut. Während vor zwei Jahren noch hohe Preise auch für die Wintergerste am Markt zu erzielen waren, ist die momentane Lage bei Preisen um 150 €/t ungünstig. Während nach erster Ertragsprognose von einer leicht überdurchschnittlichen Ernte ausgegangen wird, haben die Erträge in den Landessortenversuchen (LSV) unterhalb der Erwartungen gelegen. Wie die einzelnen Sorten sich präsentiert haben, ist im folgenden Artikel beschrieben.
Die Aussaatbedingungen im vergangenen Jahr waren nach einer schwierigen und nassen Ernte des Winterweizens für die Wintergerste weitestgehend normal, nachdem eine trockene Phase im September die Böden hatte abtrocknen lassen. Für Saaten ab Oktober eröffnete sich jedoch regenbedingt zumeist erst wieder in der Monatsmitte ein kurzes akzeptables Zeitfenster. Durch milde Witterung mit weiterhin großen Niederschlagsmengen entwickelten sich die meisten Bestände, die sich im Herbst bereits gut entwickelt hatten, auch über Winter weiter. Vereinzelt litten Flächen unter der Staunässe.
Durch starken Blattlauszuflug mussten in manchen Regionen insbesondere früher gedrillte Bestände im Herbst mit Insektiziden behandelt werden. Hier bestand die Herausforderung häufig darin, die richtige Terminierung zu finden, da der Zuflug sich über einen längeren Zeitraum erstreckte. Entsprechend sind teilweise Gerstenflächen mit nicht resistenten Sorten stark durch das Gerstengelbverzwergungsvirus geschädigt worden. Durch Nässe im Frühling war das Wurzelwerk insgesamt schwach entwickelt, jedoch waren die Pflanzen überwiegend gut bestockt. Deutlich in Erscheinung ist in diesem Jahr wieder Rhynchosporium getreten, aber auch Netzflecken gab es, überwiegend in den Hybridsorten. Zur Kornfüllung hin trat deutlich Zwergrost auf, und in der Abreife konnte in vielen Beständen, auch in der Praxis, Ramularia beobachtet werden.
Während Mitte Juli im Süden von Schleswig-Holstein die Ernte der Wintergerste teilweise abgeschlossen war, konnte in den nördlichen Landesteilen witterungsbedingt erst begonnen werden. In den Versuchen wie auch in der Praxis traten daher Lager und besonders Halmknicken auf und erschwerten die Ernte.
Aufbau und Standorte der Landessortenversuche
Die Landessortenversuche werden für Wintergerste in allen Naturräumen angelegt. Für die Marsch gewertet werden konnte lediglich der Standort Sönke-Nissen-Koog. In der mehrjährigen Verrechnung kommen zur Schleswig-Holsteinischen Marsch auch Standorte aus Niedersachsen hinzu. Weiterhin werden grundsätzlich für alle Naturräume auch angrenzende Naturräume anteilig und gewichtet mit in die Auswertung einbezogen, um ein belastbares und robustes Ergebnis zu erlangen. Für die Geest konnte in diesem Jahr nur der Standort Schuby Ergebnisse bereitstellen. Im Östlichen Hügelland konnten wie in den Vorjahren die Standorte Kastorf, Futterkamp und Loit in die Wertung einbezogen werden.
Grundsätzlich sind die Versuche wie gehabt in Form einer zweistufigen Prüfung aufgebaut, wobei in der Stufe 2 (zur Ertragsauswertung herangezogen) der Fungizid- und Wachstumsreglereinsatz ortsüblich-intensiv stattfindet und dafür in der Stufe 1 (zur Beurteilung von Standfestigkeit und Krankheitsanfälligkeit) kein Fungizid eingesetzt und Wachstumsregler deutlich reduziert wird.
Erträge der LSV niedriger
Die Erträge der Wintergersten-LSV konnten in diesem Jahr nicht an das hohe Niveau der Vorjahre anknüpfen. Trotz überwiegend gut bestockter Bestände und ohne Stress durch Trockenheit oder Hitze, auch nicht während der Abreife, konnten in Futterkamp 103 dt/ ha, in Kastorf 105,3 dt/ha und in Loit 110,7 dt/ha geerntet werden (Tabelle 3). Auch am Standort Schuby blieb trotz optisch sehr zufriedenstellender Parzellen das Ertragsniveau mit 65,4 dt/ ha hinter den Erwartungen zurück (Tabelle 2). Im Sönke-Nissen-Koog lag der Ertrag im Mittel bei 87,2 dt/ha (Tabelle 1).
Auffällig ist in diesem Jahr die hohe Differenz in den Erträgen zwischen den beiden Behandlungsstufen, was zum einen auf einen sehr hohen Krankheitsdruck schließen lässt, und andererseits sind Vorernteverluste durch fehlende Strohstabilität nicht auszuschließen.
Qualität zufriedenstellend
Als wichtigstes Qualitätskriterium zur Bewertung von Wintergerste dient im Handel das Hektolitergewicht. Während aus der Praxis teils Meldungen von kritischen Werten kamen, lagen die Hektolitergewichte in den Versuchen bis auf wenige Ausnahmen auf einem sehr hohen und zufriedenstellenden Niveau im Mittel der Sorten je Standort zwischen 67,1 und 69,8 kg/hl (Tabelle 4). Insgesamt schwächere Werte, aber immer noch deutlich über 63 kg/hl und damit volle Vermarktungsfähigkeit erreichten die Sorte ‚SU Hetti‘, ebenso wie die Sorten ‚Avantasia‘ und ‚Julia‘, die in diesem Merkmal eine entsprechende Einstufung aufweisen.
Was sind die Gründe, woran lag es?
Die wesentliche Frage ist nun, auch aus Praktikersicht, wo die Gründe für die nicht zufriedenstellenden Erträge liegen. Wie eingangs beschrieben, hat die nasse Periode nach Aussaat bis zur Ernte (mit einer kurzen Ausnahme im Mai) über einen langen Zeitraum wenig Sauerstoff an die Wurzeln kommen lassen, wodurch insgesamt das Wurzelsystem nicht stark ausgebildet werden musste, aber auch nicht konnte.
Hinsichtlich der Wasserversorgung war das in diesem Jahr kein Problem. Jedoch ist nicht auszuschließen, dass die Nährstoffverfügbarkeit in den intensiver durchwurzelten Bodenschichten niedriger war. Dies gilt in erster Linie für alle verlagerungsgefährdeten Nährstoffe, aber neben Stickstoff (N) insbesondere auch für Schwefel (S). Hier ist nicht auszuschließen, dass ein latenter S-Mangel einen Mangel an N nach sich gezogen hat.
Zudem kann ein S-Mangel neben einer reduzierten Biomasse auch die Fertilität beeinflussen und damit die Kornzahl reduzieren. Bei weitestgehend normalen Bestandesdichten und normalen Tausendkornmassen (im Mittel der Versuche zwischen 49 und 56 g/1.000 K., Schmachtkorn konnte nicht beobachtet werden) lag teilweise die Kornzahl je Ähre im Vergleich zu Vorjahren geringfügig niedriger.
Für Stress in den Beständen hat neben dem Zuviel an Wasser in der feuchten Witterung auch der starke Krankheitsdruck gesorgt. Wo in der Praxis auch noch Druck durch das Gerstengelbverzwergungs- oder das Gerstengelbmosaikvirus Typ 2 auftrat, wurden die genannten Probleme verschärft. Auch ein Mangel an Strahlung während der Kornfüllung wird diskutiert, dies wird allerdings im Vergleich zu heißen oder zumindest phasenweise heißen und trockenen Vorjahren durch eine „kühlebedingt“ lang gestreckte Kornfüllungsphase wieder relativiert. Die Gründe für das erreichte Ertragsniveau dürften demnach vielschichtig und von Betrieb zu Betrieb unterschiedlich zum Tragen gekommen sein.
Für den Anbau empfohlene Sorten
In den Anbau sollen nach wie vor Sorten genommen werden, die sich mehrjährig mit guter Leistung gezeigt haben oder mit denen im Betrieb bereits gute Erfahrung gemacht wurden und die entsprechend gut eingeschätzt werden können. Die für die jeweiligen Naturräume empfohlenen Sorten sind in den Tabellen 5 bis 7 dargestellt. Gegenüber dem Vorjahr hat sich die Sortenempfehlung nur geringfügig geändert.
Zu den leistungsstärksten Sorten gehören nach wie vor ‚Esprit‘ und ‚Julia‘ – Letztere hat aufgrund ihrer positiven Eigenschaften bundesweit und auch in Schleswig-Holstein in allen Regionen eine hohe Anbaubedeutung und fällt lediglich mit ihrem tendenziell schwächeren Hektolitergewicht leicht negativ auf. Im Vergleich zu ‚Julia‘ hat ‚Avantasia‘ ein ebenso hohes Ertragspotenzial, aber auch eine deutlich höhere Krankheitsanfälligkeit, was im Anbau berücksichtigt werden sollte. Eine auslaufende Empfehlung erhält die Sorte ‚SU Midnight‘, die insbesondere wegen ihrer in den vergangenen Jahren immer deutlicheren Anfälligkeit für Rhynchosporium abfiel.
Im Östlichen Hügelland, dem Naturraum mit der größten Wintergerstenfläche, sind weiterhin die Sorten ‚SU Jule‘ und ‚Teuto‘ empfohlen, die beide länger sind, aber über die vergangenen Jahre stabile Erträge gezeigt haben. Neu aufgenommen in die Empfehlung im Östlichen Hügelland ist ‚RGT Mela‘, die als lange Sorte zwar auch potenziell lagergefährdeter ist, sich aber ansonsten ausgeglichen in ihren Eigenschaften und mit einem guten Ertragsniveau gezeigt hat.
Aus der Gruppe der Hybridsorten, die in diesem Jahr wieder deutlich ihr Potenzial bewiesen haben, ist in allen Naturräumen ‚Galileoo‘ als Sorte mit hohem Ertragspotenzial empfohlen, ebenso wie die ertraglich knapp ebenbürtige ‚Dakoota‘, die durch frühere Reife, bessere Agronomie und höheres Hektolitergewicht punkten kann.
Auch neu in allen Regionen empfohlen ist ‚Loona‘, die durch ein sehr hohes Ertragsniveau auffiel und dabei in Agronomie, Blattgesundheit und Kornqualität bessere Ergebnisse zeigte. Bei dieser Sorte ist jedoch zu beachten, dass sie ein sehr hohes Bestockungsvermögen besitzt, weshalb sie in der Praxis gegenüber den anderen Hybriden nochmals leicht in der Saatstärke reduziert werden sollte. In der Regel sollte die Saatstärke zwischen 160 und 200 K./m2 liegen, abhängig von Standort, Saatbedingungen und Sätechnik. Speziell in der Marsch geprüft wurde zudem die Sorte ‚Jettoo‘, die wieder gute Ertragsergebnisse zeigte.
Im Falle eines Risikos von bodenbürtigen Viren und bei früheren Saatterminen mit entsprechendem Gelbverzwergungsvirusdruck scheint ‚KWS Delis‘, die früher, kurz und standfest ist und ein gutes Ertragsniveau zeigte, eine Sorte zu sein, die sich für einen Probeanbau eignet.
Fazit
Wegen einer aktuell ungünstigen Preissituation bei gleichzeitig hohen Kosten im Ackerbau scheint Wintergerste auf den ersten Blick weniger attraktiv als in den Vorjahren. Dennoch war sie zumindest in den vergangenen Jahren ertraglich stabil und ist aufgrund des früheren Saatzeitpunktes im Herbst und der früheren Ernte eine unverzichtbare Kultur. Es kommt nun darauf an, mit vertretbarem Kostenaufwand die Bestandesführung realisieren zu können. Dabei spielt neben der nicht beeinflussbaren Jahreswitterung die Sortenwahl eine tragende Rolle.



