An der Reiterstaffel der Hamburger Polizei kommt bei ihren Einsätzen so leicht niemand vorbei. Obwohl sie derzeit nur mit maximal zehn Pferden gleichzeitig unterwegs ist, verschafft sich die Staffel viel Respekt – gerade bei größeren Menschenansammlungen. Ein Grund dafür sind die beeindruckenden Pferde, die sich auch von drastischen Reizen kaum aus der Ruhe bringen lassen.
Zu Hause sind die Pferde im Reit- und Pensionsstall Düpenautal in Hamburg-Osdorf. Am beschaulichen Rand des Hamburger Ortsteils gelegen, verfügt die Anlage über Weiden, Paddocks, Reithallen und verschiedene Stallungen. Die Hamburger Polizei hat für ihre Einsatzpferde eine komplette Stallgasse gemietet. Dort sind die aktuell neun Tiere jeweils in eigenen Boxen untergebracht. Der Pensionsstall kümmert sich um die Fütterung, das Ausmisten der Boxen sowie das Herausstellen und Hineinholen der Polizeipferde.
Die Sollstärke der Reiterstaffel beträgt eigentlich zehn Pferde – aber es ist nicht einfach, für den Polizeidienst passende Tiere zu finden. Für Berittführerin Dörte Thies und ihre Stellvertreterin Charlotte Amalie Gothen müssen Anwärter auf den vierbeinigen Polizeidienst gleich eine ganze Reihe von Voraussetzungen mitbringen. Wichtig sind große Exemplare: Das Stockmaß sollte mindestens 1,68 m betragen, besser wären Maße zwischen 1,70 und 1,75 m.
Ausschließlich Wallache im Einsatz
Ausschließlich Wallache können Teammitglieder der Reiterstaffel werden. „Stuten können wir nicht nehmen, die bringen zu viel Unruhe in die Pferdegruppe hinein“, erklärt Gothen. Wallache seien stabiler im Gemüt, nicht so schwankend und insgesamt ruhiger.
Als Favorit in Sachen optimale Pferderasse wünscht sich Gothen ein schweres Warmblut – ein altmodisches Pferd, wie die gebürtige Kopenhagenerin sagt: „Am liebsten hätten wir ein Alt-Oldenburger oder ein Moritzburger Pferd, aber die sind auf dem Markt schwer zu bekommen.“ Die moderne Pferdezucht ist auf den Sport ausgerichtet. „Wir brauchen aber belastbare Pferde mit ruhigem Gemüt, die von sich aus viel Gelassenheit mitbringen“, betont die stellvertretende Berittführerin.
Die Neuzugänge müssen bereits eingeritten sein. Mindestens fünf Jahre, besser sechs oder sieben Jahre alt sollten neue Pferde sein – also Tiere, die in ihrem Leben schon etwas gesehen haben. So wie Udo, ein zehnjähriges Oldenburger Springpferd. Der Wallach befindet sich in der vierwöchigen Probezeit. Mit der Polizeibeamtin Anja Protz im Sattel absolviert er bereits die ersten Streifendienste. Begleitet von ihrer Kollegin Lena Sievers auf Asterix, einem Hannoveraner Wallach, bewegt sich das Duo im Nahbereich des Reitstalls Düpenautal. Das bedeutet meistens einen entspannten Spaziergang durch Osdorf und die angrenzenden Feld- und Wiesenwege mit überschaubaren Herausforderungen.
Auf diesen ersten Streifendiensten lernen die Wallache den Straßenverkehr kennen und gewöhnen sich so auch an dröhnende Motorräder oder laute 40-t-Lkw. Dort lernen sie auch, mal eine Weile einfach nur zu stehen – zum Beispiel bei Kontakten mit Anwohnern. „Das hat noch zusätzlich den positiven Effekt, dass wir von der Polizei ins Gespräch mit den Bürgerinnen und Bürgern kommen“, erklärt Gothen.
Lange Ausbildung für sichere Pferde
Nach bestandener Probezeit beginnt eine ein- bis zweijährige Ausbildung auf Düpenautal. Denn die Herausforderungen für die Pferde sind gewaltig. So wird die Polizeireiterstaffel regelmäßig bei den Heimspielen der Hamburger Fußballbundesligamannschaften HSV und FC St. Pauli eingesetzt.
Im eher isoliert gelegenen Volksparkstadion haben es die Polizeipferde vor allem mit Menschenmassen zu tun. „Das ist schon eine Aufgabe für die Pferde, ruhig zu bleiben, wenn sich nach dem Spiel die Tore öffnen und 40.000 Zuschauer auf einmal aus dem Stadion strömen“, erzählt Gothen. Noch mehr Reizen sind die Wallache auf St. Pauli ausgesetzt, denn das Stadion des frischgebackenen Aufsteigers grenzt direkt an jede Menge Straßen. Dazu macht sich das grellbunte Jahrmarkttreiben auf dem Dom nebenan bemerkbar. Abendspiele fungieren als zusätzliche Stressfaktoren. Nicht zu vergessen einige Fußballfans, die rabiat auf Polizei oder gegnerische Zuschauer reagieren. Da werden Fahnen geschwungen, auch wenn gerade ein Polizeipferd im Weg steht.
Udo kennt solche Situationen bereits aus den ersten Trainingseinheiten. Denn einmal in der Woche steht die Reithalle für einen ganzen Tag ausschließlich der Polizeireiterstaffel zur Verfügung. Dort wird dann auch kräftig mit Fußballfahnen gewedelt – in direkter Nähe der Pferdeköpfe. Dabei lernen die Vierbeiner, weiter ruhig zu bleiben, auch wenn sich das Fahnentuch manchmal vollständig um den Kopf wickelt.
In solchen Situationen kommt es auch auf die Polizeibeamten im Sattel an. „Wenn die Pferde merken, mein Reiter bleibt ruhig, entwickelt sich bei unseren Tieren mehr Sicherheit“, sagt Gothen, die 2011 in den Polizeidienst eingetreten ist. Ihr Vater, Chefredakteur einer dänischen Pferdezeitschrift, schenkte ihr als Fünfjähriger ein Pony. Seitdem war klar: Auch beruflich wollte die heute 47-Jährige gern mit Pferden zu tun haben. 2014 stieg sie in die Polizeireiterstaffel in Hamburg ein, die erst vier Jahre zuvor gegründet worden war.
Anfängliche Kritik schnell ausgeräumt
Eine Vorgängerreiterstaffel gab es in Hamburg bis zum Jahr 1977. Charlotte Amalie Gothen kann sich noch an die Kritik erinnern, die auch aus Polizeireihen kam. „Parallel zur Staffelgründung wurde den Polizeibeamten damals das Weihnachtsgeld gestrichen. Da wurde verständlicherweise gemurrt, dass für eine Reiterstaffel Geld da sei“, berichtet sie. Die Vorbehalte der Kollegen von damals seien längst ausgeräumt. „Gerade bei den Risikospielen sehen die Hundertschaften, die auch im Einsatz sind, wie wichtig wir sind.“ Schon durch die Präsenz der Pferde würden potenzielle Rabauken beruhigt, zudem ließen sich größere Ansammlungen mit der Reiterstaffel relativ leicht in gewünschte Bahnen drängen.
Trotzdem hat die derzeit ausschließlich mit Polizeibeamtinnen bestückte Staffel auch Angriffe auf sich erlebt, etwa bei Demonstrationen. Lena Sievers auf Asterix wurde einmal „beflaggt“, wie es im Polizeijargon heißt. „Ein harter Gegenstand hat mich am Kopf getroffen. Gut war, dass wir uns mit Helm und Körperschutz ausgerüstet hatten“, erzählt die Polizeibeamtin. Flaschen- oder Steinwürfe auf die berittene Polizei sind zwar sehr selten, trainiert wird die Bewältigung von Gefahrensituationen aber dennoch. In der Reithalle wird dann kräftig mit Dosen geklötert oder mit vollem Lauf auf die Pferde zugerannt und erst kurz vor Aufprall abgebogen. Dabei dürfen die Wallache sich auch einmal im ersten Moment erschrecken. „Danach sollte aber die Neugier siegen, gerade wenn der Reiter im Sattel ruhig bleibt“, erläutert Gothen.
Wenn die Pferde zu Streifendiensten in der Innenstadt ausrücken, legen die Ausbilder noch eine Schippe drauf. Dafür und auch für den Weg zu den Fußballstadien nutzt die Staffel, die ihren Stützpunkt in der „Strese“ genannten Polizeistation Stresemannstraße hat, Lkw und Pferdeanhänger. In Areale wie am Hauptbahnhof oder in der Mönckebergstraße kommen nur erfahrene oder zumindest fortgeschrittene Polizeipferde.
Große Herausforderungen im Einsatz
Denn allein schon der ständige Wechsel von Untergründen ist für die Tiere gewöhnungsbedürftig. Kopfsteinpflaster wechselt sich mit Asphaltstrecken ab, Zebrastreifen folgen auf vergitterte Straßenschächte. „Zebrastreifen sind glatt und haben keinen Grip. Da fragt sich jedes Pferd, ob das sicher ist oder nicht. Und auch da kommt es auf das enge Verständnis von Pferd und Reiter an“, betont die stellvertretende Berittführerin.
Obendrein können weitere Reize für Stress sorgen. Als Beispiel führt die Oberkommissarin die Begegnung mit digitalen und großformatigen Anzeigetafeln an. „Wenn die Bilder dort wechseln, kann das schon eine Herausforderung sein.“ Das gilt auch für Lkw und andere Fahrzeuge, die mit wenigen Zentimetern Abstand an der Reiterstaffel vorbeibrausen: „Viele nehmen leider keine Rücksicht auf unsere Pferde.“
Wichtig ist, dass die Pferde ständig in Übung bleiben. Denn bereits nach zwei Wochen ohne Einsatz oder Ausflug in die Innenstadt können die vierbeinigen Polizisten an Sicherheit einbüßen. Dafür dürfen die Pferde gern verfressen sein. Denn beim Training in der Halle gibt es für die Wallache jede Menge Leckerlis zur Belohnung. Belohnt werden übrigens auch lange Phasen, in denen die Pferde einfach nur stehen müssen.
Hauptsächlich reiten die Polizeibeamten Schritt, selten ist Trab angesagt und Galopp nur in besonderen Situationen. „Wenn wir verdächtige Personen verfolgen, müssen wir natürlich ein bisschen schneller vorankommen. Besonders in Parks und Grünanlagen können wir unsere Stärken ausspielen, dort haben Polizeifahrzeuge ja kaum eine Chance“, erzählt Charlotte Amalie Gothen.
Info
Pferdeangebote für die Polizeireiterstaffel Hamburg nimmt das Team Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Polizei Hamburg unter polizeioeffentlichkeitsarbeit@polizei.hamburg.de entgegen.




