Schmuddelig-kaltes Novemberwetter – wie schön ist es da, von draußen in die warme Stube zu kommen. Doch wie lassen sich solch angenehme Raumtemperaturen künftig energie- und ressourcensparend, klimagerecht und nachhaltig erzeugen? Und was kann man dabei aus traditioneller Baukultur lernen? Fragen, mit denen sich die neue Sonderausstellung „Wohltemperiert. Für klimagerechte Architektur!“ im Jahr100Haus des Freilichtmuseums Molfsee beschäftigt.
Die weltweite Klimaveränderung stellt die Architektur vor neue Herausforderungen. Dabei geht es nicht so sehr um hochtechnologische, energieeffiziente Haustechnik wie Wärmepumpen, Wärmerückgewinnung, Solar, Speichersysteme oder Lüftung. Vielmehr steht die Frage im Vordergrund, wie bereits beim Bauen und Wohnen durch Raumaufteilung, Bauformen und Materialauswahl angenehme Temperaturen in Räumen ermöglicht werden können.
Eine Antwort bietet die vernakuläre Architektur – also traditionelle Baukultur, wie sie in den 70 historischen Exponatgebäuden auf dem Gelände des Freilichtmuseums zu finden ist. Sie greift auf lokale Ressourcen zurück und bezieht regionale Wetter- und Klimaverhältnisse mit ein. Die Menschen organisierten seinerzeit ihr Leben in den Gebäuden entlang von Heiz- und Kühlvorrichtungen.
Foto: Iris Jaeger
Der Herd oder auch andere Feuerstellen bildeten den heißen Kern, den Hotspot. Mit dem Herdfeuer wurde nicht nur gekocht, es diente auch zum Heizen anderer Räume, zum Trocknen von Kleidung oder Feldfrüchten. Beispielhaft ist das am Schwippbogenherd im Haus aus Großharrie im Freilichtmuseum zu sehen, der zugleich auch als Räucherofen diente, um Fleischwaren haltbar zu machen.
Aus der Historie bekannt ist auch der Bilegger, ein Zimmerofen, der von der Küche oder der Diele aus befeuert wurde und meist nur die gute Stube beheizte. Damals wurden meist nur die Räume geheizt, die genutzt wurden. Tiere, die mit im Gebäude gehalten wurden, dienten ebenfalls als Wärmequelle. Alkoven – kleine, mit Holzladen oder Vorhängen verschließbare Schlafkammern – hielten die Körperwärme des Schlafenden wie ein Kokon in dem kleinen Schlafraum. Wärmequellen jeglicher Art waren früher ein kostbares Gut.
Somit schlägt die neue Ausstellung eine Brücke zu den Gebäuden auf dem Gelände, „die nun durch eine neue Brille sichtbar werden. Sie zeigen, wie ohne technischen Aufwand bauliche Energieprinzipien möglich sind. Wir wollen dazu einladen, sie als Ideenfundus für klimagerechtes Bauen zu betrachten“, erklärte Museumsdirektorin Dr. Kerstin Poehls bei einem ersten Rundgang durch die Ausstellung. Diese habe eine Blickumkehr zum Ziel, „wir kombinieren die Geschichte des Bauens mit der Frage, wie wir in der Zukunft bauen und wohnen wollen“, so Poehls.
Fünf dieser Prinzipien, die in den historischen Gebäuden immer mit sozialem Alltag, mit Routinen und Ritualen verbunden sind, sind in der Ausstellung zu erleben:
Foto: Iris Jaeger
Räumliche Verdichtung: Mit Stoffbahnen abgehängte Decken verringern im Winter das zu beheizende Raumvolumen, im Sommer zieht man die Bahnen wieder auf und bringt den Raum auf seine ursprüngliche Größe. So lässt sich das Wohnumfeld effizient an die jeweiligen Temperaturbedingungen anpassen.
Raum im Raum: Der wärmste, innerste Raum mit Ofen oder anderen Wärmequellen wird zum Zentrum des Hauses, ein Temperaturgefälle zu den äußeren Bereichen des Hauses entsteht. Durch die Anordnung kleinerer Räume innerhalb größerer wäre eine wärmetechnische Differenzierung möglich und schaffte die Voraussetzung für dynamische, auf die Jahreszeiten abgestimmte Wohnpraktiken.
Foto: Iris Jaeger
Kokon: Der menschliche Körper als Wärmequelle – künftig ließe sich das zur Erwärmung kleiner Schlafräume nutzen, ähnlich wie bei den historischen Alkoven. „Eine Architektur, die sich dieses Potenzial zunutze macht, würde zu radikal anderen, nicht standardisierten Räumen mit hybridem Heizsystem führen“, lautet es in der Ausstellungsbeschreibung.
Hotspot/heißes Zentrum: Öfen, Herde und Feuerstellen waren auch Orte, an denen das soziale Leben stattfand. Dort wurde gegessen, gearbeitet, ausgeruht, sich unterhalten oder auch geschlafen. Eine häusliche Wärmequelle könnte also mehr sein als nur eine Technik. Sie könnte künftig, so die Idee, als zentrales räumliches Element dienen, das soziale Interaktionen sowie räumliche Beziehungen fördert.
Übergangszonen: Die Fassade dient bislang als lineare Barriere, Innenraum und Außenbereich sind voneinander getrennt. Die Idee: Die feste Raumtrennung könnte um eine Übergangszone erweitert werden, die als Temperaturregler fungiert, den Innenraum im Winter erwärmt und im Sommer abkühlt. Gleichzeitig würde die Fassade zu einem zusätzlichen saisonalen Raum, der je nach Jahreszeit unterschiedliche Nutzungen ermöglicht.
Foto: Iris Jaeger
Neben modernen Baustoffen erfahren Materialien wie Lehm, Seegras, Stroh oder Reet eine Renaissance und spielen zunehmend fürs künftige nachhaltige Bauen wieder eine Rolle. In der Ausstellung wird die Übergangszone durch Holzspaliere abstrahiert dargestellt, die zugleich mit Bildern behängt sind, die einen weiteren Ausstellungsschwerpunkt zeigen.
Dargestellt sind 50 Beispiele traditioneller Baukultur aus ganz Europa, die von zahlreichen Architektinnen und Architekten unter der Federführung des slowenischen Architekturmuseums (MAO) in Ljubljana zusammengestellt wurden. Sie reichen von Südspanien nach Nordnorwegen, von Westirland bis zum östlichen Polen. Gezeigt wurde diese Zusammenstellung von Fotos und Texten 2023 im Slowenischen Pavillon der Architektur-Biennale in Venedig.
Ergänzt wird die neue Sonderausstellung durch eine Entdeckungstour für kleine und große Besucher durch historische Häuser auf dem Gelände des Freilichtmuseums sowie durch ein umfangreiches Rahmenprogramm, für das der Bund Deutscher Architekten (BDA) Schleswig-Holstein einen ArchitekturClub gegründet hat. Bauministerin Dr. Sabine Sütterlin-Waack (CDU) zeigte sich begeistert von der neuen Ausstellung: „Sie regt dazu an, über einen Wandel im Bausektor nachzudenken und sich auf das Potenzial historischer Baukultur zu besinnen.“
Kuratiert und geleitet wird die Ausstellung von Dr. Babette Tewes.
Weitere Informationen unter freilichtmuseum-sh.de
Foto: Iris Jaeger




