Im vergangenen Jahr gab es im Schloss vor Husum erstmals eine Führung unter dem Motto „Weibliche Sexualität durch die Jahrhunderte“. Tanja Brümmer, Direktorin des Museumsverbundes Nordfriesland, lud erwachsene Museumsbesucher auf eine spannende Zeitreise rund ums Thema ein.
„Im Schloss gibt es etliche Ausstellungsstücke, die erotische Szenen, Brüste oder Nacktheit zeigen. Die Besucher stellen dazu auch Fragen. Bei Führungen ist es uns deshalb wichtig, einordnende Infos zu geben, auf wissenschaftlicher Basis aufzuklären und dabei einen Bogen von der Historie bis zur Gegenwart zu spannen. Sexualität darf kein Tabuthema in der Museumsarbeit sein“, erklärt Tanja Brümmer, während wir für einen gemeinsamen Rundgang die Paradetreppe zum Rittersaal hinaufgehen. Sie erzählt, dass im Schloss drei Frauen gewohnt hätten, deren Leben sie besonders in den Fokus nehmen wolle. Aber von vorn.
Witwensitz der Herzöge
Das Schloss vor Husum, so genannt, weil es damals außerhalb der Stadtgrenzen lag, wurde von 1577 bis 1582 im Stil der niederländischen Renaissance für Herzog Johann Adolf I. von Schleswig-Holstein-Gottorf als zeitweilige Residenz erbaut. Im 17. Jahrhundert wurde es zum Witwensitz der Gottorfer. Diese zählten in der Frühen Neuzeit (1500-1800) zu den einflussreichsten und prägendsten Fürstenhäusern im nordeuropäischen Raum.
Foto: Museumsverbund Nordfriesland
Der Witwensitz diente von 1616 bis 1639 als Heim für Herzogin Augusta (1580-1639), dänische Prinzessin und Witwe von Johann Adolf I. 1660 zog ihre Schwiegertochter, Herzogin Maria Elisabeth (1610-1684), nach dem Tod von Friedrich III. hierher. Beide Bewohnerinnen verhalfen dem Schloss durch die Förderung von Kunst und Kultur zu Glanz und Blüte. Im 19. Jahrhundert kam dort die Schriftstellerin Franziska (eigentlich: Fanny) Gräfin zu Reventlow (1871-1918) zur Welt. Sie war die jüngste Tochter des ersten preußischen Landrats Ludwig Graf zu Reventlow, der an diesem Ort von 1868 bis 1889 residierte. Deshalb verbrachte sie ebenda Kindheit und Jugend, bis sie dem gestrengen Elternhaus entfloh und sich mit der Familie überwarf.
Durch eine zweiflügelige Tür betreten wir im Obergeschoss den Rittersaal, in dem früher Staatsgäste empfangen wurden. Ihn schmücken zahlreiche Ahnen- und Familienbilder. Zwei Ölgemälde zeigen Augusta und Maria Elisabeth. Ihre wichtige Bestimmung war es, Nachkommen zu haben. „Augusta gebar ihrem Gatten acht Kinder, darunter vier Töchter. Maria Elisabeth bekam 16 Kinder, davon acht Mädchen. Adelige Töchter waren damals ‚Bündniskapital‘. Sie konnten nicht aus romantischer Liebe selbstbestimmt heiraten, sondern wurden taktisch klug mit standesgemäßen Partnern vermählt, um Herrschaft und Einfluss der eigenen Familie und der Dynastie zu festigen“, informiert Tanja Brümmer. Grundsätzlich habe es seinerzeit eine patriarchale Kontrolle über die Frau und ihre Sexualität gegeben. Dies sei ein männlicher Machtfaktor gewesen.
Zwischen Unterordnung und Selbstbehauptung gelang es den Gottorfer Herzoginnen dennoch, Handlungsspielräume auszuloten und geschickt für ihre Interessen zu nutzen. So richtete Augusta sich neben der Schlosswohnung am Husumer Marktplatz ein „Lusthaus“ ein. In ihm konnte sie abseits des starren Hofprotokolls und der Bewachung durchs eigene Personal mehr Freiheiten genießen, nichtadlige Gäste empfangen, Geschäfte tätigen und Feste feiern.
Foto: Silke Bromm-Krieger
Sünde und Pflicht
In der Frühen Neuzeit waren das Verhältnis von Mann und Frau und ihre Sexualität keine rein private Angelegenheit. Sexuelle Handlungen wurden durch restriktive kirchliche Normen und das weltliche Strafrecht reglementiert und kontrolliert. Außerhalb der Ehe wurden sie als Sünde definiert, innerhalb dieser waren sie Pflicht. Das galt gleichfalls bei Hofe. „So mussten in der Hochzeitsnacht Zeugen zugegen sein, die bestätigten, dass der Geschlechtsakt vom Bräutigam tatsächlich vollzogen worden war. Nur dann war eine geschlossene Ehe gültig und konnte im Nachhinein nicht vom Mann annulliert werden. Dieses für uns sicherlich befremdlich anmutende Ritual diente der Braut als Schutz ihrer Ehre“, erläutert die Museumsdirektorin.
Während sich die heranwachsenden weiblichen Mitglieder bei Hofe gottesfürchtig in Keuschheit und Gehorsam übten und sich auf ihr zukünftiges Leben als Gastgeberin, Ehefrau und Mutter vorbereiteten, gestand man männlichen Nachkommen im höheren Maße Freiheiten zu. Es war üblich, dass sich junge Adlige mit einem Mentor auf „Kavalierstouren“ in die Ferne begaben, um sich auf ihren Aufstieg in Verwaltung, Politik und Militär vorzubereiten. Im Rahmen dieser Bildungsreisen gingen die jungen Herrschaften meist auch für erste erotische Erfahrungen ins Bordell.
In diesem Zusammenhang berichtet Brümmer ergänzend von der „Demivierge“, der Halbjungfrau, die im Barock und im 19. Jahrhundert in der Literatur beschrieben wird. Diese Frau verhielt sich wie eine in der Liebe erfahrene Frau, obwohl sie noch nicht mit einem Mann intim gewesen war. Tanja Brümmer ordnet dieses Verhalten so ein: „Junge Frauen mussten eine gute Partie machen. Auf den Bällen gaben sie alles, um die heiratsfähigen Männer mit Flirt und Tanz auf sich aufmerksam zu machen. Zudem empfingen sie in ihren Schlafzimmern, die damals öffentlich waren, nur mit einem Seidentuch bedeckt, Verehrer, um sich zu präsentieren. Gleichzeitig signalisierten sie mit einem aufgeschlagenen Fächer aber Abwehr, um ihre Jungfräulichkeit zu bewahren.“
Schriften über Franz Joseph I. (1830-1916), den späteren Kaiser von Österreich, geben einen Einblick, was einen adligen Jungen erwarten konnte, wenn er zum Mann heranreifte.
„Als Franz Joseph in die Pubertät kam, wurde ihm eine ‚Initiatrice‘ zur Seite gestellt, die ihn in der Liebeskunst unterweisen sollte. Als er sich in sie verliebte, wurden die zwei schnell wieder voneinander getrennt. Eine ‚hygienische Comtesse‘ übernahm. Das war eine Adlige, die verheiratet und gerade schwanger war und deshalb durch den zukünftigen Thronfolger keine Schwangerschaft zu befürchten hatte“, bemerkt sie. Übrigens sei bekannt, dass Franz Joseph seiner späteren Braut Elisabeth, genannt „Sisi“, das oben beschriebene Ritual ersparte, die Hochzeitsnacht vor Zeugen zu verbringen.
Erotische Anklänge
Vom Rittersaal geht es beim Rundgang weiter in das ehemalige Audienzgemach. Hier fällt ein Kamin mit zwei Reliefs in den Blick. „Links ist der Triumphzug der Liebe dargestellt, rechts der Triumphzug der Jungfräulichkeit und Keuschheit“, weiß Tanja Brümmer und erklärt anschaulich die tiefere Symbolik. Danach betreten wir das frühere Schlafgemach des Herzogs.
Foto: Silke Bromm-Krieger
Auch hier finden sich erotische Anklänge. Es gibt eine Kussszene auf dem Kamin, an den Wänden ein Gemälde von Adam und Eva, ein Bild, auf dem ein Mann den Busen einer Frau berührt, und eine Schrankintarsie in Form einer unbekleideten Jungfer. Überdies sind weitere Kaminreliefs mit sinnlichen Motiven aus der Sagen- und Mythenwelt der Antike verziert. Zu den Exponaten erzählt Brümmer amüsante Anekdoten und Nachdenkliches. Ebenso kommen die aktuelle #MeToo-Debatte und das heutige Miteinander der Geschlechter zur Sprache. Der Austausch darüber ist bei den Führungen ausdrücklich erwünscht.
Zurück im Erdgeschoss gehen wir an Schaukästen vorbei, die über Franziska Gräfin zu Reventlow informieren. Sie begehrte schon früh gegen gesellschaftliche Schranken und die bürgerliche Moral auf und zahlte dafür einen hohen Preis: bittere Armut und gescheiterte Liebesbeziehungen. Eine Sonderausstellung in der Dachgalerie des Schlosses unter dem Titel „Frei leben! Die Frauen der Boheme 1890-1920“ läuft noch bis zum 30. März und widmet sich ebenfalls ihrem Wirken.
Zum Abschluss geht es für einen kleinen Spaziergang in den idyllischen Herzoginnengarten. Er wurde 2008 in Erinnerung an den Blumengarten der Herzoginnen in moderner Form wiederhergestellt. Ein Kunstwerk von Elisabeth Arlt erinnert seit 2016 auch dort an die Gräfin. In vier Steinblöcke ist ihr Lebensmotto eingemeißelt: „Alles möchte ich immer“.
Weitere Infos und den Kontakt für Gruppenanmeldungen zur Themenführung gibt es unter museumsverbund-nordfriesland.de



