Zum zehnjährigen Bestehen der Initiative Tierwohl (ITW) am 20. Januar passte diese Meldung: Laut Forsa-Umfrage kennen 71 % der Deutschen die Initiative Tierwohl. Das Konzept der ITW finden 85 % gut oder sehr gut und 80 % der Verbraucher nehmen die Haltungsform-Kennzeichnung bewusst wahr. 74 % erwarten dadurch eine langfristige Stärkung des Tierwohls.
Alexander Hinrichs, Co-Geschäftsführer der ITW, berichtete auf der Jubiläumsveranstaltung in Berlin von der Härte der ersten Jahre. Alle seien damals aber vom Geist geprägt gewesen, das Tierwohl in Deutschland weiterentwickeln zu wollen. Clemens Tönnies, Geschäftsführer der Premium Food Group, berichtete von seinem eigenen Meinungswechsel. Er habe damals gemerkt, dass man es mit der Leistung der Tiere „überdreht“ habe. Auch junge Landwirte hätten ähnlich gedacht, berichtete er. Wichtig sei aber gewesen, dass eine Veränderung der Tierhaltung prämiert werden müsse. Der Politik habe man mit der ITW gezeigt, dass die Wirtschaft in der Lage sei, auf freiwilliger Basis ohne Gesetzeszwang etwas zu verändern.
ITW als Kaufsignal für Verbraucher
Vorherige Programme seien „nischig“ gewesen, nie aus der Nische gekommen, gab Björn Fromm zu, Präsident des Deutschen Lebensmitteleinzelhandels. Die Lücke zwischen dem Tierwohlwunsch und der Kaufentscheidung des Verbrauchers sei allen bewusst gewesen. Die ITW habe dem Verbraucher im ersten Schritt diesen Wunsch erfüllt und ihm die Wahl abgenommen. Inzwischen habe sich die ITW allerdings als sichtbares Siegel und Kaufsignal auf dem Markt etabliert. Für Hubertus Beringmeier, Vorsitzender des Fachausschusses Rind und Schwein der ITW, war es einmalig, dass sich Tierhaltung, Futtermittelindustrie, Schlachtung und Handel an einem Tisch gesetzt und das Tierwohl weiterentwickelt hätten, und dies auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse. Beringmeier forderte gemeinsam mit Peter Wesjohann, Vorstandsvorsitzender der Lohmann & Co. AG, die Politik müsse sich aus dem Markt heraushalten. Wesjohann erwartet darüber hinaus staatliche Rahmenbedingungen für sichere Investitionen in die Tierhaltung. Wichtig sei ein klares Bekenntnis zu einer Tierhaltung in Deutschland. Dieses Bekenntnis gab Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) ab. Er lobte die ITW als klares Bekenntnis der Wertschöpfungskette zur Nachhaltigkeit und zu übergesetzlichen Standards. Trotzdem werde die Wettbewerbsfähigkeit gewährleistet. Während die ITW bis zum Jubiläum insgesamt 1,5 Mrd. € aufgebracht hat, betonte Özdemir die „Bauernmilliarde“ fürs Tierwohl, die sein Ministerium in schwierigen Zeiten gesichert habe. Der Minister lobte die staatliche Haltungskennzeichnung – hier könne eine kommende Bundesregierung nahtlos anknüpfen. Markus Mosa, Vorstandsvorsitzender der Edeka-Zentrale und Vorsitzender der Gesellschafterversammlung der ITW, hielt dem Minister entgegen, die ITW bedeute „null Bürokratie und null Steuergeld“. Diese Doppel-Null wünsche er sich von der staatlichen Kennzeichnung. Die ITW teile gern ihre Expertise und Strukturen für eine praxistaugliche Lösung über alle Haltungsstufen hinweg, versprach Mosa.
Orientierung weiter am Markt
Heute sind 10.000 Schweinehalter, 2.800 Geflügelhalter und 1.200 Rinderhalter bei der ITW organisiert. Robert Römer, ITW-Geschäftsführer, erklärte, die ITW werde sich weiterhin an der Ist-Situation im Markt orientieren und sich entsprechend der Kundennachfrage weiterentwickeln. Sarah Dhem, Präsidentin des Bundesverbandes der Deutschen Wurstund Schinkenproduzenten, forderte, man solle „im Machen bleiben“, auch in Zukunft agieren, statt zu reagieren. Tönnies setzte einen drauf und erklärte, die geplante Klimaplattform für die Tierhaltung dürfe nicht, wie die ITW seinerzeit, fünf Jahre bis zum praxistauglichen Einsatz brauchen. Sönke Hauschild
Initiative Tierwohl ist mittlerweile gut bekannt
Seit ihrer Gründung im Jahr 2015 hat die Initiative Tierwohl (ITW) rund 1,5 Mrd. € aus der Wirtschaftskette für eine tierwohlgerechtere Nutztierhaltung in Deutschland mobilisiert. Das hat ITW-Geschäftsführer Robert Römer im Rahmen einer Pressekonferenz auf der Grünen Woche in Berlin aufgezeigt. Seit 2015 ist die Zahl der teilnehmenden Betriebe in der Geflügelhaltung von 896 (2015) auf 2.812 (2024) gestiegen. Bei Sauenhaltern, Ferkelzüchtern und Mästern wuchs die Teilnehmerzahl im gleichen Zeitraum von 2.010 auf 9.948 Betriebe. Das 2022 eingeführte Programm für Rinderhalter wuchs von 267 auf 1.236 Betriebe. Alle ITW-Betriebe wurden in dieser Zeit insgesamt rund 160.000 Audits unterzogen, mit einer Durchfallquote von rund 0,8 %. Römer bezifferte den Marktanteil im Bereich Schweinefleisch auf 60 %, bei Geflügel auf 90 % und bei Rind auf 20 %. Auf die staatliche Haltungskennzeichnung für Schweinefleisch warf Römer einen kritischen Blick. Das zugrunde liegende Gesetz sollte entweder abgeschafft oder grundlegend überarbeitet werden. In der jetzigen Form sei die Haltungskennzeichnung nicht zu gebrauchen. Das gelte auch für den seit Anfang Dezember vorliegenden Änderungsentwurf der Ampel-Koalition. Darüber hinaus forderte Römer eine Anpassung der Kriterien des Bundesprogramms für den Stallbau, um mehr Betriebe zur Teilnahme zu bewegen. pm, mbw




