StartNachrichtenAgrarpolitikDie Natur kennt keine Nulltoleranz

Die Natur kennt keine Nulltoleranz

Editorial
Von Sönke Hauschild
Läuse an der Ackerbohne: Natur ist ein stets neu zu erkämpfender Kompromiss. Foto: sh

Natur ist wunderschön und verstörend brutal. Natur ist verschwenderisch und darin äußerst effizient. Was Natur nicht hat, ist eine Nulltoleranz. Es widerspricht den Gesetzen der Natur, auf feste Grenzwerte, möglichst Nulltoleranzen zu setzen. Denn Natur ist ein Kompromiss, oft ein erkämpfter und auf jeden Fall ein instabiler. Schon morgen können sich Umstände ändern, die Kompromisslinie verschiebt sich. Es ist alles im Fluss.

Und hier kommen die Büro-Naturschützer ins Spiel: Landwirtschaft ohne „Pestizide“, wie der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) es in seinem „Faktencheck“ fordert, weil diese gefährlich seien und nicht benötigt würden? Die Natur widerspricht. Gerade Pflanzen setzen auf art­eigene Gifte, weil sie keine Beine haben und vor Insekten oder Pilzsporen nicht weglaufen können. Die Faktenlage klärt Pflanzenschutzexperte Helge Treuherz im Interview.

Kompromisse überall – nur nicht bei den meinungsstarken NGO. Der BUND fordert eine „Pestizidabgabe“ und die Beschränkung des chemischen Pflanzenschutzes auf Notfälle. Der Ausbau des Ökolandbaus ist eine weitere Forderung. Diese wird allerdings nicht durch stete Wiederholung Wirklichkeit, sondern durch Kunden, die kaufen. Doch ob die Ware absetzbar ist, interessiert den BUND nicht. Er handelt nach dem Motto: Wer nur einen Hammer als Werkzeug hat, der behandelt jedes Problem als Nagel. Es ist der beliebte Tanz um die Nulltoleranz.

Bewusst unterschlagen wird, dass es einen Unterschied gibt zwischen der Gefahr und dem Risiko. In einfachen Worten: Es wäre gefährlich, einem Tiger im Park zu begegnen. Das Risiko geht zum Glück gegen null. Leider ist Risikobewertung kein Lehrfach beim BUND. Starre und damit einfache Forderungen sprechen entweder für intellektuelle Faulheit oder große Geldgier. Sie füllen das eigene Portemonnaie, aber widersprechen der Natur. Sie helfen dem Menschen, Kontrolle auszuüben. Und das ist in Maßen und von den richtigen – staatlichen – Institutionen in Ordnung!

Es wirkt wie Ironie, wenn der BUND Forderungen gegen Umwelt und Natur erhebt. Aber es stellt den Landwirt vor ein unlösbares Dilemma: Das eine soll er nicht – das andere kann er in der Praxis nicht. Die Büro-Naturschützer melden sich gern mit einfachen Rezepten zur Verbesserung der (Um-)Welt. Sie sollten zweierlei bedenken:

Die Natur macht immer noch die strengsten Gesetze. Wer dauerhaft den Boden malträtiert, der schießt sich schließlich aus dem Rennen.

Es gibt einen weiteren Bereich, gegen dessen Gesetze man besser nicht handelt: den Markt, also wir alle. Wir strafen schlechte Qualitäten ebenso ab wie hohe Kosten und kaufen am Ende Brotgetreide im Ausland.

Es bleibt der beste Kompromiss, denen, die der Natur täglich unsere Lebensmittel abringen, mehr Vertrauen entgegenzubringen – damit sie ihre Aufgabe noch besser erledigen. Das Wissen, das Können und das Wollen sind da; es braucht das Dürfen.

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