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Demokratie beginnt nebenan

Die neue Qualifizierung zur Demokratie-Lotsin im Praxistest
Von Dr. Claudia Kleimann-Balke
Pressefreiheit – nur ein Punkt auf der Pro-Liste für Demokratie

Mit der Qualifizierung zur Demokratie-Lotsin begegnet der LandFrauenVerband wachsendem Antifeminismus, Rechtsextremismus und generell demokratiefeindlichen Strömungen.

Unsere Arbeit in den LandFrauenvereinen ist gelebte Demokratie“, betont LandFrauenpräsidentin Claudia Jürgensen. Gemeinsam mit Vertreterinnen aus Haupt- und Ehrenamt des LandFrauenVerbandes Schleswig-Holstein hat sie eine Proberunde durch die neue Qualifikation zur Demokratie-Lotsin gedreht – sozusagen im Schnelldurchlauf. „Demokratie ist so wertvoll. Wir alle müssen sie schützen. Als Verband ist es uns wichtig, Frauen im Einsatz für Demokratie zu stärken und ihnen geeignete Hilfsmittel und Know-how an die Hand zu geben.“

Was ist gut an Demokratie? Lena Haase, Claudia Jürgensen und Frauke Krohn (v. li.) haben mit der Beantwortung dieser Aufgabe kein Problem.

Der Tag steht ganz im Zeichen der Demokratie – und derer, die sie nicht wertschätzen, diffamieren, mit Füßen treten oder missachten. Für Lyn Blees und Lasse von Bargen ist das tägliches Geschäft, denn sie gehören zu den Regionalen Beratungsteams gegen Rechtsextremismus Schleswig-Holstein (RBT SH). Sie beraten da, wo viele fassungslos und hilflos sind, schulen Institutionen und Privatpersonen. In Workshops und Seminaren bilden sie Engagierte weiter und zeigen ihnen Handlungsoptionen auf. Gemeinsam mit dem LandFrauenVerband Schleswig-Holstein und dem Kieler Antigewalt- und Sozialtraining e.V. (KAST) bieten sie ab November die dreiteilige Qualifikation zur Demokratie-Lotsin an. In drei Modulen geht es, knapp zusammengefasst, um das Erkennen von demokratiefeindlichen Strömungen, Antifeminismus und speziell Rechtsextremismus, sowie das Einstehen für Menschenrechte. Dabei werden auch die Gründe beleuchtet, die Menschen dazu bewegen, sich rechtsextremer Ideologie oder rechtsextremen Einstellungen zuzuwenden. Untermauert und veranschaulicht werden die theoretischen Einheiten durch praxisnahe Übungen und offene Diskussionen.

Auf dem Workshop-Tisch liegen 30 Fotos verschiedener Symbole. Sie sind auf Plakate gedruckt, an Hauswände gesprayt oder auf Jacken gestickt. Viele hat man schon gesehen, nutzt sie möglicherweise selbst – nicht ahnend, dass sie ihre harmlose Bedeutung längst zugunsten demokratiefeindlicher und speziell rechtsextremer Ideologie eingebüßt haben. So haben sich rechtsradikale Gruppierungen beispielsweise das Handzeichen für „alles okay“ angeeignet. „Sie nutzen bewusst harmlose Zeichen wie dieses (Daumen und Zeigefinger zu einem Kreis geformt und die drei übrigen Finger abgespreizt) und deuten es für ihre Zwecke um. In ihren Kreisen steht es für ,White Power‘ – und niemand kann ihnen die Verwendung in der Öffentlichkeit verbieten, weil es ursprünglich keinen rechtsextremen Hintergrund hat“, erklärt Lyn Blees. In der Übung suchen die Teilnehmerinnen passende Paare, und schnell wird klar, dass viele Symbole im Alltag gar nicht wahrgenommen oder als rechtsextrem erkannt werden. „An vielen bin ich vermutlich bereits vorbeigegangen, ohne sie zu bemerken“, erzählt Anette Störtenbecker. „Die Übung hat mich dafür sensibilisiert. In Zukunft werde ich sicher genauer hinsehen.“

Eine weitere Praxiseinheit versetzt die Teilnehmerinnen in verschiedene unangenehme Situationen, die alle im Zusammenhang mit abwertenden Denkansätzen und Rechtsextremismus stehen: Eine abwertende Bemerkung über Homosexuelle an der Bushaltestelle oder die rassistische Äußerung während der Versammlung des Ortsvereins. Die Frage, die sich stellt, ist: Wie geht man damit um? Dafür gibt es leider keine Patentlösung. Vielmehr muss man versuchen, die Situation richtig einzuschätzen, Haltung zu zeigen, ohne rechten Haltungen eine Bühne zu bieten und vor allem sich nicht selbst in Gefahr zu bringen. In der Qualifikation werden deshalb angemessene Handlungsstrategien vermittelt und in praktischen Übungen erprobt.

Häufig muss man zweimal hinsehen, um zu erkennen, welches Symbol im rechtsextremistischen Zusammenhang steht. Fotos: Dr. Claudia Kleimann-Balke

„Diese Fallbeispiele haben mir richtig gut gefallen“, sagt Claudia Jürgensen. „Sie machen klar, wie nah das Problem ist und dass Rechtsextremismus längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Mich macht das sehr betroffen. Es ist wichtig, etwas dagegen zu unternehmen. Wir wollen Antworten geben und handeln können – wegzusehen kommt nicht infrage.“

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