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Naturschutz in der Praxis erleben

Von Peer Rosenhagen, Landwirtschaftskammer SH
Seeadler und andere Vogelarten wie Schwarzstorch, Kranich und Fischadler stellen besondere Anforderungen an ihre Lebensräume. Fotos (2): Imago

Wie lassen sich Waldbewirtschaftung, Artenschutz und die Anforderungen des europäischen Naturschutzrechts miteinander verbinden? Eine Veranstaltung des Bildungszentrums für Natur, Umwelt und ländliche Räume des Landes Schleswig-Holstein (BNUR) in Zusammenarbeit mit den Schleswig-Holsteinischen Landesforsten (SHLF) Ende August gab darauf aus unterschiedlichen Blickwinkeln Antworten. Von den Prioritätenkonzepten des Landes über den Schutz von Seeadler und Schwarzstorch bis hin zu den Ansprüchen von Fledermäusen wurde deutlich: Erfolgreicher Naturschutz im Wald braucht Fachwissen, konkrete Ziele und vor allem die Zusammenarbeit der Beteiligten.

Wer sich mit Naturschutz im Wald beschäftigt, merkt schnell, wie vielfältig die Anforderungen sind. Lebensräume sollen erhalten, gefährdete Arten geschützt und gleichzeitig Wälder bewirtschaftet und weiterentwickelt werden. Genau diese unterschiedlichen Perspektiven zusammenzuführen, war eine der Stärken der Veranstaltung. Die verschiedenen Fachvorträge bauten aufeinander auf und spannten den Bogen von den rechtlichen Grundlagen bis zur Umsetzung im Wald.

Von der FFH-Richtlinie zur konkreten Maßnahme

Den fachlichen Einstieg bildeten die europäische FFH-Richtlinie und ihre Konsequenzen für den Naturschutz in Schleswig-Holstein. Dabei wurde bei den Ausführungen von Tanja Berlin aus dem Landesamt für Umwelt deutlich, dass die Vorgaben aus Brüssel keineswegs nur abstraktes Naturschutzrecht darstellen. Über die verschiedenen Anhänge der FFH-Richtlinie ergeben sich konkrete Verpflichtungen zum Schutz bestimmter Arten und Lebensräume.

Eine besondere Rolle spielen dabei die Prioritätenkonzepte Schleswig-Holsteins. Ihr Ansatz ist ebenso nachvollziehbar wie praxisorientiert: Nicht überall können gleichzeitig sämtliche denkbaren Maßnahmen umgesetzt werden. Deshalb wird zunächst betrachtet, bei welchen Arten und Lebensräumen besonderer Handlungsbedarf besteht und wo Maßnahmen besonders wirksam eingesetzt werden können.

Die Prioritätenkonzepte verbinden dazu unterschiedliche Ebenen. Neben erforderlichen Verbesserungsmaßnahmen innerhalb von FFH-Gebieten werden auch Maßnahmen außerhalb dieser Gebiete betrachtet, wenn sie für den Erhalt einer Art notwendig sind. Ziel ist es unter anderem, Schutzmaßnahmen besser zu koordinieren, landesweit einen Überblick über Schutzgüter und Handlungsbedarf zu gewinnen und begrenzte Mittel möglichst zielgerichtet einzusetzen.

Interessant war dabei auch der Blick auf die praktische Umsetzung. Zunächst werden vorhandene Daten ausgewertet und Schwerpunktgebiete ermittelt. Anschließend erfolgt eine Vorauswahl möglicher Maßnahmenflächen. Geeignete Flächen werden gemeinsam mit Eigentümern und Bewirtschaftern betrachtet und konkrete Maßnahmen abgestimmt. Danach folgen Umsetzung, Dokumentation und schließlich die Überprüfung, ob die angestrebten Ziele tatsächlich erreicht wurden.

Gerade aus Sicht eines Teilnehmenden wurde an diesem Punkt deutlich, wie entscheidend der Austausch mit den Menschen vor Ort ist. Ein fachlich überzeugendes Konzept allein reicht nicht aus. Naturschutzmaßnahmen müssen auch zu den jeweiligen Flächen und ihrer Nutzung passen.

Großvogelschutz: Rücksicht und Zusammenarbeit

Besonders anschaulich wurde es beim Thema Großvogelschutz, welcher von Kai-Martin Gercke aus der Projektgruppe Seeadlerschutz vorgetragen wurde. Arten wie Seeadler, Schwarzstorch, Kranich und Fischadler stellen besondere Anforderungen an ihre Lebensräume. Die Projektgruppe Seeadlerschutz Schleswig-Holstein beschäftigt sich intensiv mit ihrem Schutz und zeigte, welche Entwicklung durch kontinuierliche Arbeit möglich ist.

Am Beispiel des Seeadlers wurde dies besonders eindrucksvoll. Die Entwicklung des Bestandes in Schleswig-Holstein seit Ende der 1960er-Jahre zeigt einen deutlichen Aufwärtstrend. Aus nur wenigen Brutpaaren hat sich über Jahrzehnte wieder eine beachtliche Population entwickelt. Dieser Erfolg ist jedoch kein Grund, beim Schutz nachzulassen.

Denn Großvögel benötigen nicht nur geeignete Horstbäume. Entscheidend ist ebenso das Umfeld. Störungen während sensibler Brutzeiten können den Bruterfolg gefährden. Waldbewirtschaftung, Freizeitnutzung und Naturschutz müssen deshalb gerade im Umfeld besetzter Horste gut aufeinander abgestimmt werden.

Dass trotz positiver Bestandsentwicklungen weiterhin Gefahren bestehen, zeigte der Blick auf dokumentierte Todesursachen bei Greifvögeln. Wildtiere bewegen sich in einer vom Menschen intensiv genutzten Landschaft. Umso wichtiger sind Kenntnisse über Vorkommen, Brutplätze und sensible Zeiträume.

Auch der Schwarzstorch verdeutlichte, wie anspruchsvoll Artenschutz sein kann. Seit Jahren stagniert sein Bestand in Schleswig-Holstein bei nur wenigen Brutpaaren. Anders als sein bekannter Verwandter auf Hausdächern ist der Schwarzstorch auf ruhige, strukturreiche Waldlebensräume angewiesen und reagiert empfindlich auf Störungen. Schutzmaßnahmen müssen deshalb weit über den eigentlichen Horstbaum hinausgedacht werden.

Für die Praxis blieb vor allem eine Erkenntnis hängen: Erfolgreicher Großvogelschutz funktioniert nicht gegen Landnutzer und Waldbewirtschafter, sondern nur gemeinsam mit ihnen.

Was Fledermäuse im Wald wirklich brauchen

Eine Braune-Langohr-Fledermaus liegt in einem Fledermauskasten.

Einen weiteren Schwerpunkt bildeten die Fledermäuse. Der Vortrag von Matthias Göttsche aus dem Arbeitskreis Fledermaus brachte spannende Informationen zutage. Rund 15 der etwa 25 in Deutschland vorkommenden Fledermausarten sind auch in Schleswig-Holstein heimisch. Viele von ihnen sind eng an Gehölze und Wälder gebunden.

Dabei wurde schnell deutlich, dass „Wald“ aus Sicht einer Fledermaus nicht gleich Wald ist. Unterschiedliche Arten benötigen unterschiedliche Strukturen. Baumhöhlen und Spalten dienen als Quartiere, doch mindestens ebenso wichtig sind geeignete Jagdhabitate.

Vorgestellt wurden unter anderem Arten, die bevorzugt an Waldstrukturen und Offenbereichen jagen, andere nutzen besonders den Bereich unterhalb der Baumkronen oder orientieren sich an Gewässern und feuchten Waldstandorten. Entscheidend ist deshalb eine strukturelle Vielfalt. Alte Bäume, Höhlenbäume, Totholz, gestufte Waldränder, Lichtungen, Gewässer und unterschiedliche Altersklassen schaffen zusammen ein Mosaik, von dem verschiedene Fledermausarten profitieren können. Gerade diese Beispiele machten anschaulich, dass Biodiversität nicht allein über die Zahl vorhandener Baumarten beschrieben werden kann. Entscheidend ist ebenso, welche Strukturen ein Wald bietet.

Naturschutz als Teil der Waldbewirtschaftung

Habitatbaum im Wahlsdorfer Holz Foto: Peer Rosenhagen

Zum Abschluss rückte die praktische Waldbewirtschaftung in den Mittelpunkt. Am Beispiel der Schleswig-Holsteinischen Landesforsten zeigte Dr. Katharina Mausolf von den SHLF, wie Naturschutzaspekte systematisch in die Bewirtschaftung integriert werden können.

Dazu gehören unter anderem Habitatbäume und Totholzstrukturen, die gezielt erhalten werden. In den Landesforsten gibt es bereits eine große Zahl ausgewiesener Habitatbäume. Hinzu kommen Naturwaldflächen, auf denen sich Wälder ohne reguläre forstliche Nutzung entwickeln können, sowie Altholzbestände und weitere Elemente eines Biotopverbundes.

Bemerkenswert war dabei, dass Naturschutz nicht als einzelnes Zusatzprojekt dargestellt wurde, sondern als Bestandteil der langfristigen Waldentwicklung. Gerade alte und strukturreiche Wälder sind für zahlreiche Arten von besonderer Bedeutung. Gleichzeitig müssen Wälder unter sich verändernden klimatischen Bedingungen stabil und anpassungsfähig bleiben.

Die vorgestellten Prioritäten der Landesforsten verdeutlichten deshalb einen umfassenden Ansatz: Bewirtschaftung gemischter, alter und strukturreicher Dauerwälder, Integration von Stilllegungsflächen und weiteren Naturschutzelementen, Förderung von Totholz, Verbesserung des Wasserhaushaltes sowie die Zusammenarbeit mit Wissenschaft und Forschung.

Damit schloss sich der Kreis zum Beginn der Veranstaltung. Aus rechtlichen Vorgaben und wissenschaftlichen Erkenntnissen müssen letztlich Maßnahmen entstehen, die auf der Fläche funktionieren.

Nach den Vorträgen ging ins Wahlsdorfer Holz der Försterei Ahrensbök. Hier konnte der zuständige Revierförster Götz Mentz eindrückliche Praxisbeispiele zu den am Vormittag bearbeiteten Themen präsentieren und zeigen, wie es in der Praxis funktionieren kann.

Viele Impulse für die eigene Arbeit

Für die Teilnehmer lag der besondere Mehrwert der Veranstaltung in genau dieser Verbindung von Theorie und Praxis. Die einzelnen Beiträge behandelten sehr unterschiedliche Themen, ergänzten sich aber zu einem Gesamtbild: Artenschutz im Wald ist komplex, lässt sich aber mit fundiertem Wissen und klaren Konzepten in die Bewirtschaftung integrieren.

Besonders wertvoll waren die konkreten Beispiele. Die Entwicklung des Seeadlerbestandes zeigte, dass langfristige Schutzbemühungen messbare Erfolge bringen können. Beim Schwarzstorch wurde dagegen deutlich, dass Erfolge keineswegs selbstverständlich sind. Die Fledermäuse wiederum machten anschaulich, wie stark einzelne Arten auf ganz bestimmte Strukturen innerhalb eines Waldes angewiesen sind.

Gleichzeitig wurde deutlich, dass erfolgreicher Naturschutz Kooperation voraussetzt. Landesbehörden, Forstbetriebe, Naturschutzorganisationen, Flächeneigentümer, Bewirtschafter und Wissenschaft bringen unterschiedliche Kenntnisse und Perspektiven ein. Werden diese zusammengeführt, können Lösungen entstehen, die sowohl fachlich sinnvoll als auch praktisch umsetzbar sind.

Fazit

Am Ende der Veranstaltung blieb nicht nur eine Fülle neuer Informationen, sondern vor allem ein geschärfter Blick für die Zusammenhänge. Wer künftig durch einen Wald geht, sieht vielleicht nicht mehr nur Bäume und Bestände, sondern auch Habitatbäume, mögliche Quartiere, Jagdräume, Horststandorte und Totholzstrukturen. Die Veranstaltung vermittelte nicht nur Wissen, sondern machte verständlich, warum bestimmte Maßnahmen notwendig sind und welchen konkreten Beitrag sie zur Artenvielfalt leisten können.

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