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Teufelskreis und Engelskreis

Editorial
Von Tonio Keller
Wirkung von Verlust und Gewinn humanistischer Werte. Skizze: Tonio Keller

Humanistische Werte wie Gemeinsinn, Gemeinwohl oder Gemeinschaft sind grundlegend für eine funktionierende Gesellschaft und für unsere Demokratie. Wenn sie bei einem Großteil der Bevölkerung lebendig und verinnerlicht sind, können die Menschen auch mit äußeren Krisen besser umgehen. Wenn sie verloren gehen, leidet das Zusammenleben, und am Ende bricht die Gesellschaft auseinander.

Seit Langem geht ein Wertewandel in der Gesellschaft vor sich. Dogmatisch-religiöse Werte sind kaum mehr prägend. Hie­rarchien flachen ab. Die individuelle Freiheit schafft zuvor nie da gewesene Möglichkeiten. Aus despotischen oder toxischen Bindungen in Familie oder Beziehung kann man sich leichter lösen als früher. Individualismus hat moralische Zwänge weitgehend abgelöst. Zweifellos ein Fortschritt!

Doch das hat einen Preis: den zunehmenden Verlust auch von positiven Werten, die die Gesellschaft zusammenhalten. Werte können heute weitgehend frei gewählt werden, und wer destruktive wählt, wird von der Umgebung kaum oder erst sehr spät sanktioniert. Für manche existiert solch eine Umgebung gar nicht, andere wählen eine, die sie in der Destruktion bestärkt.

Es können zwei unterschiedliche Kreisläufe entstehen, die in der Skizze veranschaulicht sind. Im Zentrum stehen die oben genannten Werte. Diese geraten nun unter den Einfluss äußerer Krisen – verursacht durch Corona, Ukraine-Krieg, Klimawandel, um nur die aktuellsten zu nennen. Folgen dieser Krisen sind erzwungene Verluste von Wohlstand und Handlungsmöglichkeiten bis hin zu Existenznöten, gepaart mit öffentlichen Appellen zum Verzicht auf dies oder jenes.

Was geschieht, wenn humanistische Werte schwinden? Das soll der linke Kreis in der Skizze symbolisieren. Vereinzelung nimmt zu oder der Rückzug in eine Gruppe, die destruktive Werte teilt – eine Blase. Die Verantwortlichkeit wird abgegeben an Politiker oder andere Mächtige. Genährt wird dies durch tatsächliche Skandale sowie durch erfundene oder aufgebauschte Verleumdungen. Am Ende steht eine Demokratieverachtung, die humanistische Werte, sofern noch vorhanden, weiter schwächen muss. Ein Teufelskreis.

In einem entsprechenden „Engelskreis“ (rechts in der Skizze) würden die humanistischen Werte gestärkt. Durch positive Erfahrungen in Familie, Freundeskreis, Nachbarschaft, Vereinen und ehrenamtlichem Engagement weiß man, dass diese Werte nicht Aufopferung und Selbstlosigkeit bedeuten, sondern auch Vorteile für einen selbst bieten: das Vertrauen, dass man bei Bedarf unterstützt wird. Die erlebte Erfahrung ist dabei entscheidend. Moralisches Predigen dagegen verpufft heute wirkungslos.

Dass man sich eingebunden weiß in eine Gemeinschaft, gibt ein beruhigendes Gefühl. Die Annahme der eigenen Verantwortung führt zu einer lösungsorientierten Haltung. Skandale werden nicht verschwiegen oder verharmlost, aber in ihrer Bedeutung eingeordnet. Hetze und Verleumdungen werden eher durchschaut und prallen ab. Dies alles stärkt die Demokratie. Gemeinsamer Spaß und Freude kommen dann von selbst.

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