Ein schlichtes Foto, auf dem ein Bekannter einen Bussard auf der Schulter trägt, löste bei Dirk Harders eine Leidenschaft für Greifvögel aus. Die währt nun schon 50 Jahre. Nach den Hausaufgaben gab es für den Schüler kein Halten mehr, der Hund kam an die Leine – und schon ging es hinaus in die Natur. „Ich muss in den Wald, suche Brutplätze“, rief er Freunden zu, die mit ihm in die Disco wollten, um Mädchen kennenzulernen. „Waldläufer“ nannten sie ihn fortan.
Der heute 63-Jährige widmet sein ganzes Leben den Greifvögeln. Er machte für sie Öffentlichkeitsarbeit in Kitas und Schulen, über Jahre auch im Schloss Glücksburg und im Westküstenpark St. Peter-Ording. Über Facebook erfuhren Scheichs in Katar vor vier Jahren von dem in Oldersbek (Nordfriesland) lebenden Greifvogelzüchter und -trainer, denn ein Falke aus seiner Zucht hatte dort einen Wettflug über 400 m gewonnen. Sie waren so beeindruckt von dem Tier, dass sie ihm anboten, in einem in der arabischen Welt hoch angesehenen Zuchtzentrum in Doha am Persischen Golf zu arbeiten.
Krönung des Lebenswerks
Ein Jahr ist er dort nun schon tätig. „Mir kommt alles vor wie ein orientalisches Märchen“, erzählt Harders anlässlich eines Kurzurlaubs in Nordfriesland. Er empfindet es als die Krönung seines Lebenswerkes. „So wie in meiner Heimat Hunde an der Leine geführt werden, sehe ich dort Kataris mit einem Falken auf der Hand – überall.“ Rund um Doha gebe es 23 Falken-Kliniken, ein weiterer Beleg für den Stellenwert, den dort die Vögel in der Gesellschaft besitzen. Sie dienen Repräsentationszwecken oder als Geschenk an Freunde, verkauft werden sie nie.
Alltag im Falcon Center in Doha: Dirk Harders betritt frühmorgens die Flure mit den Kammern, in denen die Falken leben. Er ahmt die Rufe der Vögel nach, die sie sofort erwidern. Für jeden nimmt er sich viel Zeit, vermittelt ihnen Gelassenheit. „Der einzige Weg der Kommunikation geht über das Futter“, betont Dirk Harders.
Mit einer Pinzette bietet er ihnen kleine Portionen an, als wären es Jungvögel. „Das zeigt den weiblichen Tieren: Das ist ein toller Jäger, es lohnt sich, mit ihm Nachwuchs zu bekommen.“ Oberstes Ziel sei, jeglichen Stress zu vermeiden. Ansonsten komme es nicht zur Reifung von Eizellen. Und beim männlichen Tier stocke die Samenproduktion. „Um noch mehr Ruhe hineinzubringen, nehme ich zu manchen auch einen Kaffee und ein Buch mit – alles in der Hoffnung, dass sie eines Tages anfangen, Eier zu legen.“ Da passt die Anekdote von „Lady5“: Das Wanderfalken-Weibchen nimmt kein Futter mehr an, alle fürchten, sie wolle nicht mehr leben. Weil Papiere fehlen, weiß keiner, wie alt sie ist. Vielleicht 18? Dirk Harders betritt das erste Mal ihre Kammer: „Sie guckt mich an, ich sie – da haben wir beide gemerkt, dass es klappen wird.“ Schnell kann er sie aufpäppeln und bald hat sie das erste Ei in ihrem Leben gelegt. Später finden sich doch noch Unterlagen, sie war sechs Jahre alt.
Greifvögel genießen in etlichen europäischen Ländern, vor allem aber in mehreren arabischen Ländern Kultstatus. Sie symbolisieren Ausdauer, Kraft und Schnelligkeit. So gilt der Wanderfalke mit mehr als 300 km/h als das schnellste Tier der Welt. Dirk Harders war bei Jagdmessen dabei und erlebte die Begeisterung für die Qualitäten der einzelnen Tiere – ähnlich wie es in seiner Heimat bei Züchtertreffen für Pferde zugeht. Eine zentrale Rolle in Dirk Harders‘ Leben spielt sein Sakerfalke Dana. Mit ihr begann er vor einem Vierteljahrhundert selbst zu züchten.
Bis heute begeistert das von Dana an ihre Nachkommen weitergegebene Erbmaterial die Falkner in der ganzen Welt. Sie kennen die Zuchtlinien und können sie zurückverfolgen bis in Harders’ nordfriesisches Dorf. Er beschreibt sein Erfolgsrezept: Alles sei eine Frage der Grundeinstellung zum Vogel und der persönlichen Fähigkeiten seines Trainers. Von Vorteil sei es, ein guter Ornithologe mit dem Spezialgebiet „Greifvögel“ zu sein. Die sich daraus entwickelnde Faszination sei ein wichtiger Baustein. Verantwortungsbewusstsein, Geduld, Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl seien zwingend notwendige Eigenschaften. „Man muss lernen, die Dinge aus der Sicht seines Greifvogels zu sehen, um seine Reaktionen verstehen zu können – und nur wer eine gute Hand für die Tiere hat, wird außergewöhnliche Ergebnisse erzielen können.“
So weit die Theorie. Umso größer war daher die Bestürzung, als Dana 1999 von einem Ausflug in freier Wildbahn nicht mehr heimkehrte. Für eine aktive Suche blieben ihm 125 Stunden Zeit, danach würde der an ihr angebrachte Sender den Betrieb einstellen und es wäre kein Signal mehr zu empfangen. Harders fuhr 5.000 km durch Schleswig-Holstein – keine Spur von Dana.
Erst elf Monate später tauchte sie wieder auf, ließ sich auf dem ehemaligen Polizeipräsidium in Hamburg nieder – und wurde von Dirk Harders eingefangen. Was die gesamte Fachwelt damals nicht glauben konnte: Dana wog nach der Zeit nur 8 g weniger, und nur 36 Stunden nach dem Einfangen setzte sie sich daheim in Oldersbek in der Küche des Hauses seelenruhig auf den Handschuh und nahm das ihr angebotene Futter an. „Ich führe das auf die hohe Intelligenz der Sakerfalken zurück, sie vergessen nicht, wo es ihnen gut gegangen ist.“ Entsprechend war auch das Medienecho. So veröffentlichte der Deutsche Falkenorden ihre Geschichte, wodurch Dana europaweit bekannt wurde. Experten sollen sich die Augen gerieben haben, weil sie so etwas noch nie gehört hatten. Alle gingen davon aus, dass das Tier im Laufe der Monate hätte verwildert sein müssen.
Dirk Harders ist fest davon überzeugt, dass er durch die Berichte über Dana auch in den Sozialen Medien den Job in Doha bekommen hat. Die Manager dort ließen sich die Story immer wieder einmal erzählen. Eher beiläufig bemerkt er noch, dass ihm bereits damals aus der arabischen Welt eine feste Anstellung angeboten worden sei. „Ich habe abgelehnt, wollte erst noch mehr Erfahrungen sammeln.“ Heute arbeitet er in der Zuchtsaison bis zu 16 Stunden bei Temperaturrekorden von 56 °C. Gelegentlich muss er auch nachts raus, da gibt es kein Pardon. Das Zuchtzentrum wurde einst von der Königsfamilie gebaut, gilt als eines der besten auf der Arabischen Halbinsel. Das Gebäude ist 10 m hoch, die Rundflughalle hat einen Durchmesser von 100 m. Inzwischen ist in Saudi-Arabien ein neues Zentrum gebaut worden, 300 m lang und voll klimatisiert.
Arbeit und Jagd mit Greifvögeln
Die Arbeit mit Greifvögeln beschreibt Thilo Henckell. Er ist Vorsitzender des Falkenorden-Landesverbands Schleswig-Holstein/Hamburg. Henckell erinnert daran, dass der Wanderfalke durch das Insektizid DDT in den 1970er Jahren fast ausgestorben war. Die Bestände erholten sich erst nach dem Verbot des Mittels. Bis heute kümmere sich eine großartige Gemeinschaft von Falknern und Ornithologen um die Vögel. Auch in den europäische Nachbarländern bemüht man sich erfolgreich um die Wiederansiedlung von waldbrütenden Wanderfalken, die völlig ausgestorben waren. Rund 1.200 dieser wunderbaren Greifvögel wurden beispielsweise nur in Deutschland von Falknern in Wäldern ausgewildert. All das sei ohne das Wissen aus der Falknerei nicht möglich gewesen. Heute gibt es wieder zirka 80 Paare der Baumbrüter und zirka 1.800 Brutpaare deutschlandweit. Henckell selbst betreibt im Norden von Hamburg eine Auffangstation, in der verletzte Greifvögel und Eulen gepflegt und fit für die Auswilderung gemacht werden. Die Falknerei, im engeren Sinn die Beizjagd, nennt Thilo Henckell „Jagd mit Greifvögeln auf frei lebendes Wild“. Er betont, dass die Tiere dabei ihrem eigenen Instinkt folgen, und zitiert den Tierfilmer Horst Stern: „Falknerei ist die Kunst, ein wildes Wesen an sich zu binden, indem man ihm immer wieder die Freiheit schenkt.“ Da man ihn ohnehin zu nichts zwingen kann, heißt es in der Falkner-Szene: „Der Vogel geht mit uns zur Jagd – und nicht umgekehrt.“




