Wie sieht Schweinehaltung aus, wenn Platz, Transparenz und regionale Kreisläufe im Vordergrund stehen? Eine innovative Genossenschaft in Mittelsachsen zeigt, was möglich ist.
Wie kommt man auf die Idee, einen Außenklimastall mit Auslauf zu bauen, in dem die Schweine extra viel Platz und Luft haben, im Stroh toben können und mit regionalem Futter inklusive Leinsamenextraktionsschrot gefüttert werden? Und noch dazu der Bau eines eigenen Schlachthofs direkt neben dem Stall? „Ganz einfach“, sagt Jan Gumpert, Vorstandsvorsitzender der Genießergenossenschaft Sachsen in Königshain. So wie das Schweine-Business und die Bezahlung laufe, wolle er nicht weitermachen, hat er 2020 beschlossen. Er informierte sich was Verbraucher wollen und nachfragen. So kam er auf die Idee, eine wie er sagt „Stalloase“ zu bauen, in der die Tiere ihr Leben genießen. Verbraucher können das regional erzeugte Fleisch mit einem Plus an Omega-3-Fettsäuren genießen und würden damit eine gute Tierhaltung unterstützen.
Gründung einer Genossenschaft
Jan Gumpert ist ein groß gewachsener Mann, der häufig ein Lächeln auf den Lippen trägt. Der studierte Landwirt sammelte viel Erfahrung im Leiten und Weiterentwickeln von Genossenschaften. Im Jahr 2000 kam er zur Agraset-Agrargenossenschaft Naundorf, dem Partnerbetrieb der kürzlich gegründeten Genießergenossenschaft. Zu Agraset gehören neben rund 5.000 ha Ackerbau, 1.000 Milchkühen auch 560 Zuchtsauen und 6.000 Schweinemastplätze.
Zusammen mit seinen langjährigen Mitarbeiterinnen Stephanie Friebel und Ute Nebelung sowie dem Vorstand der Volksbank Mittweida, Leonhard Zintl, entwickelte Jan Gumpert die Idee, die Genießergenossenschaft zu gründen. 2020/21 sehen sie sich viele Ställe an, stellen ihr Konzept bei der Volksbank Mittweida vor und versuchen potenzielle Genossenschaftsmitglieder für das Vorhaben zu gewinnen. Im Mai 2020 gründen sie die Genießergenossenschaft zusammen mit mehreren Landwirten, dem Genossenschaftsverband und der örtlichen Volksbank.
Gefunden haben Jan Gumpert und sein Team die Genossen über das Bekanntmachen bei Veranstaltungen und über Medienberichte. Viele Mitglieder seien bereits lange im Netzwerk der Agraset. Die meisten von ihnen sind Städter und leben in Sachsen. „Die können sich ja schließlich kein Schwein auf dem Balkon halten“, erklärt Jan Gumpert und lacht. „Deshalb haben sie sich uns als Bauern des Vertrauens gesucht. Wir dürfen ihre Schweine halten und erhalten dafür auch Wertschätzung.“ Mittlerweile gibt es rund 450 Anteilseigner. Die Genießergenossen erhalten ihre Dividende in Form von Wurst und/oder Geld.
Tierwohlstall aus Holzelementen
Eineinhalb Baujahre dauerte es, bis aus dem Traum Wirklichkeit wurde. Im August 2023 erfolgte die Einstallung der ersten 700 Mastläufer, die der Betrieb von der 2 km entfernten Agraset erwirbt. Um das Weihnachtsgeschäft mitnehmen zu können, werden die Tiere mit einem Gewicht von 8 bis 50 kg eingestallt. Insgesamt ist der Stall für bis zu 1.760 Tiere ausgelegt.
Der 165 m x 36 m große Stall wurde nach eigenen Vorstellungen und in Abstimmung mit Experten des Sächsischen Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie geplant. Beim Betreten fällt sofort der 10 m hohe und 4 m breite First auf. In Kombination mit dem verbauten Holz erinnert das Dach an eine Reithalle. Er sei ein nachhaltiger Holzwurm, sagt Gumpert. „Holz ist nun mal der einzige Baustoff, in dem Kohlenstoffdioxid gespeichert wird“. Deshalb wurde viel Holz verbaut.
Der Stall gliedert sich in drei Teile. Im Flatdeck für Tiere im Alter von 28 bis 56 Lebenstagen finden bis zu 440 Schweine Platz. Der Mittelmastbereich ist jeweils für bis zu 165 Tiere ausgelegt. In einem Endmastabteil werden bis zu 80 Tiere 27 Wochen alt.
Alle Buchten sind mit Stroh eingestreut. Tiere der Mittelmast und Endmast haben jederzeit die Möglichkeit, in den überdachten Auslauf zu wechseln. Dort befindet sich auch eine bis zu 5 cm tiefe Suhle. Im Durchschnitt steht jedem Schwein mindestens 2 m² Platz zu. Die Anlage entspricht der Haltungsform 4. „Aber das interessiert hier niemanden“, sagt Gumpert. „Den Haltungsform-Zirkus müssen wir nicht mitmachen.“
Fazit
In Sachsen hat eine neu gegründete Genossenschaft einen Tierwohlstall gebaut. Der Betrieb kombiniert Tierwohl, Nachhaltigkeit und Transparenz, ohne auf das Bio-Siegel zu setzen. Mit eigenem Schlachthaus wird das Fleisch direkt an Verbraucher vermarktet.
Lesen Sie hier Teil 2: https://bauernblattsh.de/wohlfuehloase-fuer-geniesser-schweine-2/
Genießergenossenschaft Sachsen eG
09306 Königshain-Wiederau
• Betriebszweige: Schweinemast nach höchsten Tierwohlstandards und mit eigener Schlachtung, Ackerbau
• Landwirtschaftliche Nutzfläche: 221 ha
• Angebaute Kulturen: Weizen, Gerste, Öllein, Mais, Hafer, Kartoffeln, Grasvermehrung
• Arbeitskräfte: 3 AK
Schweinemast (vergleichbar Haltungsstufe 4)
• Anzahl Plätze: 1.760
• Genetik: Mutter: Dänische Landrasse x Dänische Edelschwein,
• Vater: Duroc
• Ringelschwanz
• Masttagszunahmen: 750 g
• Verluste: 2 %
• Umtriebe: 1,7 pro Jahr (Mastdauer ca. 200 Tage)
• Mastendgewicht: 150 bis 160 kg
• Vermarktung: direkt an Endverbraucher (Genießergenossen, Hofläden, Gastronomie, Onlineshop)



