Im Bauernblatt, Ausgabe 33 wurde ein Tierwohlstall in Sachsen vorgestellt (https://bauernblattsh.de/wohlfuehloase-fuer-geniesser-schweine/). In Teil 2 der Betriebsreportage geht es unter anderem um das Stallklima.
Beim Gang durch den Stall dieses Betriebes riecht es natürlich nach Schwein. Der Geruch ist sehr leicht und angenehm, was am guten Klima liege, wie Stallleiterin Stephanie Friebel erklärt. Der First und die Seitenwände sind offen. „Den Öffnungsgrad variieren wir je nach Windrichtung und Temperatur.“
Der Stall lüftet sich von selbst: Warme Luft steigt nach oben auf und kalte Luft kommt von den Seiten hinein. Durch die geräumige Bauhülle ist das Luftvolumen groß. Der Luftwechsel pro Stunde ist abhängig von der Windgeschwindigkeit und entspricht den natürlichen Bedingungen.
Damit den Schweinen trotz der Außenklimareize ihre Wohlfühltemperatur geboten wird, verfügen alle Buchten über eine Fußbodenheizung. Diese kann heizen und kühlen, weil eine Erdwärmepumpe die energetische Basis ist. Zusätzlich sind drei Ventilatoren installiert, die nur bei Bedarf laufen. Auch im Falle eines Fliegenproblems würden sie Abhilfe schaffen. Wärme stört die Schweine viel mehr als Kälte. Dann besteht immer noch die Möglichkeit, sich in der Suhle zu baden.
Regionales Futter
Gefüttert werden die durocblütigen Schweine mit eigenem Futter, das größtenteils von der Agraset in Dienstleistung auf den eigenen Flächen angebaut wird. Die Ration besteht aus 10 % Hafer, 42 % Gerste, 30 % Weizen, 15 % Leinsamenextraktionsschrot und 3 % Mineralfutter. Dadurch soll der Omega-3-Fettgehalt im Fleisch erhöht werden. Zusätzlich wird Stroh gefüttert. Das Futter ist rund um die Uhr verfügbar.
Im hinteren Teil des Stalls stehen drei Silos für die Mittel- und Endmast. In drei weiteren Silos lagert das energiereichere Ferkelfutter. Mithilfe von Futterschnecken gelangt das Futter einmal täglich über eine Metallbahn in die Futtersäulenautomaten. „Die Schweine müssen für ihr Futter arbeiten“, erklärt Ute Nebelung, langjährige Mitarbeiterin und Aufsichtsratsvorsitzende der Genießergenossenschaft. Nur wenn sie mit dem Rüssel die Automatenluke öffnen, fällt Futter aus dem Schlitz.
„Strohregen“ als Highlight
Es ist wieder so weit: Die Schweine grunzen, rennen und spielen. Der zwei Mal tägliche „Strohregen“ ist ein Highlight für die Tiere. Der an einem Schienensystem aufgehängte Strohroboter fährt über die Buchten, schneidet den Strohballen auf zirka 5 cm große Schnipsel und lässt sie langsam in die Buchten fallen.
Ältere Schweine erhalten weniger Stroh als junge. Bei den Ferkeln wird nur unter Aufsicht eingestreut. Das Stroh wird dann sofort manuell unter den überdachten Teilen des Flatdecks verteilt. Der Roboter kann zwölf verschiedene Routen fahren. Pro Tag werden 350 kg Stroh verbraucht, was einem Ballen von 1,20 x 1,80 x 2,40 m entspricht.
Ruhige Schweine
Im Stall ist es auffallend ruhig. Erst beim näheren Herantreten an die Boxen stehen die Schweine auf und kommen neugierig näher. Sie haben mindestens doppelt so viel Platz wie in der konventionellen Haltung. Diese Bewegungsmöglichkeiten nutzen die Tiere reichlich.
Außerdem wirken die Schweine ausgeglichen. Falls es doch einmal zu einer Rauferei kommt, können sie durch eine Schlupftür ausweichen. Jede Bucht ist durch eine Wand unterteilt, in der es auf jeder Seite eine Schlupftür gibt. Zudem kennen sich fast alle Tiere. Beim Umgruppieren kommen immer größere Tiere zusammen. Bisher sind hier noch keine Beißer aufgetreten.
Handarbeit bei der Hygiene
Ziel war es, dass die Schweine nur im Auslauf abkoten. Leider laufe das noch nicht nach Plan. „Wir suchen aktuell, wo die Luft zieht“, sagt die Aufsichtsratsvorsitzende Ute Nebelung. Einmal pro Woche misten die Damen den Stall mit dem Radlader aus. Den Ferkelbereich schieben sie drei Mal wöchentlich per Hand ab. Zusätzlich werden leere Abteile mit Hochdruck gereinigt und desinfiziert.
Vogelkot stellt kein Problem dar. Da der Auslauf mit einem Vogelsicherheitsnetz geschützt ist, verirrt sich selten ein Vogel in den Stall. Auch Staub ist kein Problem. Beim Bau wurde darauf geachtet, möglichst wenige Staubflächen zu schaffen.
Und die Gülle?
Auch das Güllemanagement ist ausgeklügelt: Der planbefestigte Boden hat ein 3%iges Gefälle. Der tiefste Punkt liegt im Auslauf. Der Jauche-Gülle-Sickersaft gelangt über einen Kanal zum Vorsammelbehälter und von dort zum Jauchebehälter.
In der Biogasanlage der Agraset wird der Schweinemist vergoren und anschließend von der Genießergenossenschaft zurückgekauft. Dadurch ist das Düngen der Felder deutlich geruchsärmer, was die Akzeptanz für den Betrieb in den umliegenden Dörfern stärkt.
Eine wichtige Rolle beim Bau des neuen Stalls spielte auch das Energiekonzept. Die Südseite des Daches ist komplett mit Photovoltaikmodulen bedeckt. Zusätzlich nutzt der Betrieb Erdwärme. Dadurch können der Stall und das Schlachthaus zu 100 % mit eigener Energie versorgt werden.
Tierwohl kostet Geld
Etwa 6,5 Mio. € hat der Stallbau gekostet. Rund 25 % der Summe wurden vom Freistaat Sachsen und der EU gefördert. Die Kosten für einen Tierplatz belaufen sich auf 4.000 €. „Die Tierwohlmaßnahmen und die Anforderungen des Bundesemissionsschutzgesetzes haben die Kosten verdoppelt“, erklärt Jan Gumpert, Vorstandsvorsitzender der Genießergenossenschaft. Auch die lange Mastdauer erhöhe die Kosten. Statt 100 Tagen in der konventionellen Mast stehen die Schweine hier fast 200 Tage lang im Stall. Das bedeutet auch eine verdoppelte Futtermenge: insgesamt 6 dt pro Schwein.
Die Zunahmen liegen bei durchschnittlich 750 g pro Tag. Im Vergleich zur konventionellen Haltung in der Agraset sind dies 250 g weniger. Die geringe Zunahme sei gewollt. „Unsere Tiere werden mit 150 bis 160 Kilogramm Lebendgewicht geschlachtet. Dafür laufen die Schweine zirka 30 Meter zum Schlachthof. Hier werden pro Woche 60 Tiere geschlachtet.“
Am wichtigsten seien ein gutes Tierleben und hohe Fleischqualität. Da ist sich das „Genießerteam“ einig. Die Ergebnisse aus den Schlachtungen überzeugen. Durch das langsame Wachsen ist das Fleisch gut marmoriert und hat eine feine Speckschicht. Verschiedene Tester loben das bekömmliche und leichte Fleisch. „Der höhere Omega-3-Fettanteil verbessert erheblich den Fleischgenuss“, ist Gumpert überzeugt. Dies belegen außerdem mehrere Doktorarbeiten.
Betrieb hat kein Biosiegel
Verarbeitet wird das Fleisch von zwei regionalen Landschlachtereien. Bio sei dabei nie ein Thema gewesen, sagt Gumpert. „Unsere Mitglieder legen Wert auf regionale Kreisläufe und auf Transparenz. Das Biosiegel hätte für sie keinen Mehrwert“, betont der Landwirt. Dieses Ergebnis zeigte sich ganz klar in einer Genossenschaftsabstimmung. Schließlich stamme das Futter aus kontrolliertem Anbau. Pflanzenschutz werde nur eingesetzt, wenn notwendig, und einzelne Tiere würden nur bei Bedarf behandelt.
In der Region vermarktet
Das Fleisch der Tiere wird direkt an Endverbraucher vermarktet, also an Genießergenossen, Hofläden, Gastronomie und Außerhausverpflegung. Wer nicht aus der Region kommt, kann das Fleisch und die Wurstprodukte im Online-Shop bestellen und an einem der aktuell zehn Abholpunkte einsammeln. Auch im Landmarkt der Agraset und in Hofläden in der Region können die Produkte erworben werden.
Aktuell läuft die Vermarktung in den sächsischen Großstädten Chemnitz, Dresden und Leipzig an. Auch mit Restaurants ist Jan Gumpert im Gespräch. Mit den Preisen des Lebenseinzelhandels könne das Genießerfleisch nicht mithalten. Trotzdem ist der Landwirt offen für regionale Kooperationen, die bereit sind, den Mehrwert des Fleisches und der Haltung zu vermarkten.
Regelmäßig bietet der Betrieb Führungen an, um Verbrauchern einen Einblick in die Arbeit der Schweinehalter zu geben. „Wer sieht, wie unsere Tiere gehalten werden, kann mit gutem Gewissen unser Fleisch kaufen“, ist sich Jan Gumpert sicher.
Fazit
In Sachsen hat eine neu gegründete Genossenschaft einen Tierwohlstall gebaut. Der Betrieb kombiniert Tierwohl, Nachhaltigkeit und Transparenz, ohne auf das Biosiegel zu setzen. Mit eigenem Schlachthaus wird das Fleisch direkt an Verbraucher vermarktet.
Genießergenossenschaft Sachsen eG
09306 Königshain-Wiederau
• Betriebszweige: Schweinemast nach höchsten Tierwohlstandards und mit eigener Schlachtung, Ackerbau
• landwirtschaftliche Nutzfläche: 221 ha
• angebaute Kulturen: Weizen, Gerste, Öllein, Mais, Hafer, Kartoffeln, Grasvermehrung
• Arbeitskräfte: 3 AK
Schweinemast (vergleichbar Haltungsstufe 4)
• Anzahl Plätze: 1.760
• Genetik: Mutter: Dänische Landrasse x Dänisches Edelschwein,
Vater: Duroc
• Ringelschwanz
• Masttagszunahmen: 750 g
• Verluste: 2 %
• Umtriebe: 1,7 pro Jahr (Mastdauer zirka 200 Tage)
• Mastendgewicht: 150 bis 160 kg
• Vermarktung: direkt an Endverbraucher (Genießergenossen, Hofläden, Gastronomie, Onlineshop)



