Entgegen dem allgemeinen Trend, dass auch mittelständische Milchviehbetriebe in Schleswig-Holstein aufgeben, gibt es sie noch: junge Landwirte, die voller Elan und mit klaren Ideen den Einstieg wagen. Sie knüpfen an das Wissen der älteren Generation an, nutzen bestehende Strukturen und verbinden Altbewährtes mit neuen Wegen. Einer von ihnen ist Felix Schwartz aus Hardesby bei Sörup, Kreis Schleswig-Flensburg.
An einem ruhigen Sommermorgen liegt der Hof still zwischen sattgrünen Weiden. Es ist 9.30 Uhr, die Sonne steht am wolkenlosen Himmel, die Kühe grasen friedlich. Felix Schwartz begrüßt mich freundlich mit festem Händedruck und beginnt zu erzählen – von einem Weg, der in nur wenigen Monaten vom leeren Stall zum gut laufenden Milchviehbetrieb führte. Ohne Fördergelder, aber mit einer klaren Vorstellung, wohin es gehen soll.
Vom Stillstand zum Neustart
Seit dem Jahr 2000 ist der Hof in Familienbesitz. Vater Hans führte ihn lange als Milchviehbetrieb, stellte später auf Mutterkühe um. Von 2017 bis 2020 gab es nur noch die – gemolken wurde nicht mehr. „Für mich war das kein Dauerzustand“, erinnert sich der Junior. Ende September verließ die Mutterkuhherde den Hof mit Abschluss der Weidesaison. Kurz darauf, am 1. Oktober, zogen die ersten Milchkühe ein – mit finanziert durch den Verkauf der Mutterkühe. So gab es für den Hof nur etwa ein bis zwei Wochen im Leerstand.
Der heute 25-Jährige hatte 2019 seine Ausbildung zum Landwirt abgeschlossen und war für ein halbes Jahr nach Australien gereist, um den eigenen Horizont zu erweitern. Wieder zu Hause stand eigentlich der Beginn der HöLa, der höheren Landbauschule, auf dem Plan. Doch kurz vor deren Start kam ihm die Idee, den Milchviehbetrieb wiederzubeleben – und er setzte sie sofort um. So kamen mit dem Beginn der HöLa im Jahr 2020 auch die ersten 80 Kühe auf den Hof – eine Doppelbelastung, die er bewusst in Kauf nahm. „Das war schon sportlich, aber ich wollte beides: die Ausbildung abschließen und den Betrieb in Schwung bringen“, schildert Schwartz.
Vom Entschluss bis zur Milch
Der Vater reagierte zunächst zurückhaltend. Schließlich wusste er, wie arbeitsintensiv und risikobehaftet Milchviehhaltung ist. Doch die nötige Infrastruktur war noch vorhanden – sogar die Milchtanks und die Melkanlage standen ungenutzt bereit. „Wir wollten erst einmal abwarten – wie sich herausstellte, aus gutem Grund“, sagt Hans Schwartz heute.
Die Gelegenheit ließ nicht lange auf sich warten: In Dänemark gab ein Hof 80 Jersey-Kühe ab. Die Tierzahl passte, der Zeitpunkt auch, und Felix griff zu. „Man muss am Anfang mutig sein. Wer nichts wagt, der nicht gewinnt“, sagt er mit einem Lächeln.
Ohne Fördergelder oder sonstige Unterstützung ging es los. Die Jerseys kannten nur Melkroboter und mussten sich umstellen. In den ersten Wochen hakte es hier und da: kleinere technische Ausfälle, Kühe, die sich noch orientierten, viel Improvisation. Doch nach kurzer Zeit spielte sich der Ablauf ein. Nur der Milchpreis trübte den Start – mit 32 ct/l war er denkbar niedrig. „Heute sind es 50 Cent, das ist ein ganz anderes Arbeiten“, so Schwartz.
Warum Jerseys?
Die Wahl fiel nicht zufällig auf diese Rasse. Der alte Stall hat kleinere Maße, perfekt für Jerseys. Die Tiere sind robust, weidegängig und liefern eine Milch mit besonders hohem Fett- und Eiweißgehalt – daraus resultierten rund 20 ct/l mehr im Vergleich zur Standardmilch. „In Dänemark sind Jerseys gang und gäbe, bei uns in Schleswig-Holstein werden es mehr, aber es ist immer noch eine Nische mit Potenzial“, erklärt der Junglandwirt.
Auf der Weide zeigten sie ihren Charakter: neugierig, aufgeweckt, verschmust. Schwartz zeigt sich überzeugt: „Nur gesunde Kühe geben gute Milch. Deshalb gehören Kraulen und ein gutes Miteinander genauso dazu wie Füttern und Melken.“ Beim Rundgang stupsen einige Tiere sanft mit der Nase und beäugen interessiert die Weidebesucher.
Futter, Stall und Arbeit
Heute stehen 100 Milchkühe im Stall, bald werden es dank eines neuen, luftigen Stallabschnitts 120 sein. Dazu kommen 80 Jungtiere aus eigener Zucht, nur gelegentlich werden Färsen zugekauft. Die Weiden rund um den Hof bieten reichlich frisches Grün.
Gefüttert wird mit selbst produzierter Gras- und Maissilage, im Sommer grasen die Kühe tagsüber draußen. Ergänzt wird das Futter durch zugekauftes Schrot aus Raps und Mais. Der Tagesrhythmus ist klar strukturiert: Melken um fünf, Frühstück um halb acht, Kühe um sieben auf die Weide, zweiter Melkgang um 16.30 Uhr. „Wenn alles läuft, ist um 18.30 Uhr Feierabend – zumindest, wenn keine Kuh kalbt“, sagt Schwartz und grinst. „Das passiert übrigens gern mal an Sonntagen.“
Der Jersey-Fan arbeitet zusammen mit seinem Vater Hans, der als Angestellter voll im Betrieb eingebunden ist. Unterstützung gibt es von Felix’ Freundin, die ein Herz für Landwirtschaft hat und anpackt, wo sie gebraucht wird.
Vorerst keine Feriengäste
Früher bildeten Ferienwohnungen ein weiteres Standbein. Doch der laufende Hofbetrieb und die vielen Gäste waren auf Dauer zu anstrengend. „Das passte irgendwann nicht mehr“, beschreibt Felix Schwartz. Die Wohnungen sind jedoch noch vorhanden. Mit etwas Aufwand könnten sie wieder aktiviert werden – vielleicht, wenn seine Partnerin Lust habe, diese Aufgabe zu übernehmen. „Wir schauen einfach, was sich ergibt.“
Ein starkes Team
Während sich Felix Schwartz mit Vater Hans die Arbeit auf dem Hof teilt, ist Mutter Michaela vor allem außerhalb des Betriebs aktiv. Sie arbeitet als Friseurin – sorgt nebenbei aber auch dafür, dass ihre Männer nicht mit leerem Magen arbeiten müssen. „Für die Verpflegung zuständig“, nennt Felix das augenzwinkernd. Ein laufender landwirtschaftlicher Familienbetrieb funktioniere eben nur, wenn man als starkes Team zusammenarbeite.
Der Neustart war kostspielig – Kühe, Futter, Technik. Dazu kamen Formalitäten: Stallabnahmen, Genehmigungen, Auflagen. Mit laufendem Betrieb wächst auch die Bürokratie. Dokumentationspflichten zu Düngung, Gülle und Medikamenten müssen digital erfasst werden. „Vergisst man zum Beispiel, zweimal im Jahr die Tierzahl online zu bestätigen, kommt sofort Post mit hoher Strafandrohung – ohne Erinnerung. Das hilft keinem“, kritisiert er.
Auch technische Vorgaben seien nicht immer praxisnah. Etwa die Pflicht, Gülle streifenförmig mit Schleppschläuchen auszubringen. Bleibe der Regen aus, verschlechtere das die Qualität des Futters und verschmutze es unnötig.
Perspektiven vorhanden
Die Milch liefert er an das Deutsche Milchkontor. Dort würden der hohe Eiweiß- und Fettgehalt der Jersey-Milch besonders honoriert. Direktvermarktung sei aktuell kein Thema, Produktveredelung nur in Kooperation. „Jersey-Eis, das es andernorts schon gibt, wäre natürlich spannend“, überlegt Schwartz.
Im Juli ging der Hof offiziell in seinen Besitz über. Größer werden soll er vorerst nicht – lieber will er optimieren und modernisieren: neue Liegeboxen, verbesserte Abläufe, zeitgemäße Technik. Haltungsform 4 sei langfristig denkbar, wenn Abnehmer und Rahmenbedingungen passten.
Sein Rat an junge Landwirte: „Ziele fest im Blick behalten, dranbleiben, sich nicht entmutigen lassen – und bestehende Strukturen nutzen.“ Für die Politik hat er klare Worte: „Regeln müssen praktikabel sein und die Gegebenheiten vor Ort berücksichtigen. Einfach über die Köpfe hinweg zu entscheiden bringt nichts. Der Austausch mit dem Bauernverband ist wichtig.“
Privat findet Schwartz Ausgleich am Strand, beim Spaziergang mit Freundin und Hund oder beim Eisessen in der Region. Wirklich frei hat er selten – und braucht es auch nicht. „Die Arbeit mit den Tieren ist genau das, was ich machen will.“
Und so fasst er seinen Weg zusammen: „Wer seine Kühe gut behandelt, bekommt viel zurück – in Milch, Freude und im Gefühl, das Richtige zu tun.“



