Mit den Leitungsbauvorhaben Korridor B und SuedLink werden Ausbaumaßnahmen im Rahmen der Energiewende einmal mehr zur Geduldsprobe für Landeigentümer in den Kreisen Steinburg und Dithmarschen. Der dringende Bedarf, ab dem Ende des Jahrzehnts Windstrom aus dem Norden in Richtung Süden transportieren zu können, hat für die Eigentümer und Bewirtschafter betroffener Flächen der Region einen teilweise faden Beigeschmack – auch, weil sie ihre Bedenken durch manche Vorhabenträger und ihre Sorgen von der Politik zu wenig berücksichtigt sehen. Ein Ortstermin in der Wilstermarsch.
Mit Brokdorfs Bürgermeister Jörg Schmidt (CDU), Marcel Woidt und Ralf Schade haben sich an diesem Vormittag Ende November drei betroffene Flächeneigentümer der Region Zeit für ein Gespräch über ihre bisherigen Erfahrungen mit den Leitungsbauprojekten vor ihrer Haustür genommen. Was sie eint, ist die Forderung nach einem fairen Umgang und angemessenen Entschädigungen durch die Vorhabenträger.
Sensibles Bodengefüge
„Wir haben hier 18 Meter nicht tragfähigen Boden“, verdeutlicht Jörg Schmidt die besonderen Bodenverhältnisse der Region hinter dem Elbdeich. Nach einer Information über den geplanten SuedLink-Leitungsbau durch TenneT habe man schnell das Gespräch mit dem Unternehmen gesucht: „Unsere Position war es, durch die Bodenverhältnisse einem offenen Ausbau nicht zuzustimmen. Über diese Schiene sind wir in ein gutes Gespräch gekommen“, blickt Schmidt zurück. Dabei beginne das Problem schon bei den Vorwegbeprobungen, aus denen gerade bei Hochwasser „artesische Brunnen“ würden, wie Marcel Woidt hinzufügt. Bis 3 km ins Land habe man die Feuerwehr-Bohrbrunnen abschiebern müssen, da diese sonst auslaufen würden. „Dazu haben wir uns als Landeigentümer zusammengeschlossen und gesagt, wir wollen einen Vertrag haben, dass die Unternehmen sich ein Leben lang darum kümmern, dass diese Brunnen wieder verschlossen werden“, schildert Woidt. So brächen Löcher auch aus früheren Bohrungen, zum Teil nach Jahrzehnten, immer mal wieder auf. Über diese Gespräche habe man TenneT überzeugen können, das meiste grabenlos zu bauen. „Wir haben hier das Problem, wenn wir die tragende Schicht wegnehmen, dass wir diesen anmoorigen Boden so nicht wieder eingebaut bekommen. Das ist, als würde man die Statik herausnehmen. Das wabert hier ja alles“, schildert Marcel Woidt. Mit schweren Maschinen könne anschließend nicht mehr auf diesem Streifen gefahren werden. Mit TenneT sei man inzwischen so weit, dass das allermeiste im – wenn auch teureren – Bohrspülverfahren gebaut werde.
Es geht auch einvernehmlich
Was die Entschädigung und die Dienstbarkeit angehe, sei man mit TenneT so weit im Reinen: „Das läuft und damit kann man leben“, ist Schmidts Eindruck. Entschädigungen, auch durch den im Grüppenland schwierigen Straßen- und Wegebau, seien durch das Unternehmen „immer vernünftig angeboten“ worden. Dabei habe es stets geheißen: „Kommt zu uns, schnackt mit uns, da haben wir einen Ansprechpartner.“ So habe man vernünftig mit Eigentümern und Bewirtschaftern reden können oder es sei jemand herausgekommen. „Das fanden wir unterm Strich sehr gut“, sagt Jörg Schmidt. Einige meinten zwar, sie könnten da noch mehr herausholen, „aber die große Masse von uns ist mit TenneT jedenfalls zufrieden“.
„Da wird vernünftig das Gespräch geführt und nicht gleich die Enteignungskeule herausgeholt“, ist auch Woidts Eindruck. Die meisten kämen mit dem Verhalten von TenneT klar. „Wir wissen, dass wir es nicht verhindern können, aber wir versuchen, dass wir einigermaßen gut dabei wegkommen“, sagt Marcel Woidt. Durch das Bohrspülverfahren würden die Flächen immerhin nicht mehr alle komplett durchgeschnitten. TenneT habe offenbar verstanden, sind sich die drei einig, dass die anschließenden Kosten beim offenen Ausbau umso höher seien. Entschädigt würden die Dienstbarkeit und die Zeit der baulichen Maßnahmen, die eine Nutzung der Flächen verhinderten. Flurstücke, die unzugänglich „hinter“ einer Baumaßnahme liegen, werden mitentschädigt. „Das kann teuer werden, ist denen aber auch bewusst“, sagt Jörg Schmidt. „Wenn ich dort nicht mähen kann, habe ich das Futter nicht und muss es zukaufen.“
Von „der ersten Sekunde an nicht gegangen“ sei es dagegen mit Amprion, erläutert Woidt. Schon auf den ersten Infoabenden hätten die Flächeneigentümer erklärt, dass sie sich „bei den Beprobungen nicht einfach in den Boden bohren lassen, ohne vorher darüber gesprochen zu haben“, sagt er. „Da gab es dann gleich Diskussion.“ Dabei habe man Amprion klar gesagt, das Unternehmen müsse mit den Besitzern sprechen, bevor irgendetwas passiere. „Kommt her, schnackt mit den Besitzern, geht da hin, wo ihr das machen wollt, und dann wird eine Entschädigung ausgehandelt“ – so hätte es laufen können. „Unser größtes Problem ist, dass hier studierte Leute kommen, die meinen, sie wüssten das alles. Aber die, die hier wohnen und die Gegebenheiten kennen und genau wissen, was Sache ist, denen wird nicht geglaubt. Da heißt es dann: ‚Das wird schon alles‘“, ärgert sich Jörg Schmidt.
Als ein unrühmliches Beispiel der Zusammenarbeit mit Amprion nennt Schmidt im Frühjahr für Probebohrungen gelegte Platten, die bis zum ersten Schnitt nicht wieder von der Fläche genommen worden seien. So habe er 4 ha Grünland stehen lassen müssen. Zuvor sei ihm gesagt worden, dass er den Schaden selbst zu tragen habe, wenn er seine Technik an den Platten beschädige. „Also bleibst du davon ab. Da es sich um Grüppenland handelt, kann ich mit meinen Maschinen nicht einfach drüberspringen. Das haben die nicht so akzeptiert, sondern gemeint, ich hätte das Mähwerk einfach anheben und darüberfahren sollen. Das geht aber nicht, da ich es ausmachen und anheben muss“, berichtet Schmidt und ergänzt: „Da muss nur eine Lunke sein und das Mähwerk schlägt gegen die Platten – schon habe ich 15.000 Euro Schaden.“ Zudem dauere es jedes Mal, bis das Mähwerk ein- und ausgeschaltet, angehoben und abgesenkt sei. Danach kämen noch der Kehrer, der Schwader und der Silowagen. Am Ende habe er dann Rundballen gepresst, die er eigentlich nicht haben wollte. Eine Rechnung über seine Arbeiten in Höhe von 675 € habe er eingereicht, doch habe man ihm bereits vor Ort gesagt, dass das Unternehmen Amprion diese nicht komplett bezahlen werde. „Nun wollen sie einen Teil bezahlen und haben mir den Häcksler, den ich ja gespart habe, abgezogen“, erzählt Schmidt. Dabei habe er die Ballen nach Hause fahren müssen und auch das Verfüttern sei arbeitsaufwendiger. Die Begründung für den Abzug bei der Kostenerstattung habe der Landwirt erst auf Nachfrage bekommen. Daraufhin habe Schmidt wiederum eine Rechnung über Anbau und Bereitmachen des Mähwerks und des Kehrers und den Transport der Ballen nach Hause sowie die durch den späteren Mähzeitpunkt schlechtere Qualität geschrieben.
Gemeinsam organisiert
Insgesamt schätzen die drei Betroffenen ihre Lage im Ringen mit den Vorhabenträgern realistisch ein: „Schon bei der ersten Vorstellung hat man uns gesagt, dass man gegen diese Projekte sowieso nicht ankommt, da sie im überragenden öffentlichen Interesse liegen“, blickt Ralf Schade zurück. Seitdem sei mit Amprion, was die Kommunikation angehe, klar der Eindruck entstanden, „dass die nicht mehr machen, als sie müssen“. Schades Fazit: „Im Rahmen der Möglichkeiten haben wir uns organisiert, aber richtig wehren kann man sich gar nicht.“ Jörg Schmidt resümiert: „Wir wollen niemanden ausquetschen und fordern nichts, das uns nicht zusteht.“
Für Schmidt hat die Organisierung der Betroffenen vor Ort vor allem geholfen, vernünftige Gespräche mit TenneT zu führen. Amprion habe davon gewusst, sie „aber ganz bewusst nicht zusammengeholt“. Auch unterschiedlich hohe Ernteentschädigungen hätten für Ärger gesorgt. „Sie kommen nicht, sondern schicken dir was“, sagt Jörg Schmidt, der 32 ct / m² Fläche bekommen sollte, während andere nur 12 ct bekommen haben, weil dort Platten für einen kürzeren Zeitraum gelegen hätten. Dabei sei die Dauer völlig egal, so Schmidt: „Ob die Platten vier oder acht Wochen da liegen, da wächst das ganze Jahr nichts mehr.“ Auch Marcel Woidt berichtet von abgestellten Plattenlegefahrzeugen auf seinem Land, ohne dass vorher mit ihm gesprochen worden sei.
Immer wieder taucht im Gespräch das niederländische Unternehmen Gasunie auf, das die 55 km lange LNG-Leitung von Brunsbüttel nach Hetlingen gelegt und dabei, trotz aller Schnelligkeit der Arbeiten, offenbar auch einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat. Von „verbrannter Erde“ sprechen Schmidt, Woidt und Schade dabei. „Wo jeder aufgehalten hätte, haben die ab Oktober in einem nassen Herbst an der tiefsten Stelle gearbeitet“, sagt Ralf Schade. Mit manchen Maschinen hätte man das Unternehmen gar nicht auf die Flächen fahren lassen dürfen, fügt Woidt, noch immer verwundert, hinzu und verweist auf den Fall eines Abbruchbaggers einer österreichischen Firma in einem Wilstermarscher Moorloch. Weiterhin sei beim Rammen einer Spundwand etwa die Leitung eines Windparks gekappt worden oder auch die fertiggestellte LNG-Leitung zum Teil wieder aufgeschwommen.
Doch zurück zu den Stromtrassen: „Durch die lange Bauzeit“, befürchtet Jörg Schmidt, werde der Strom nach der Fertigstellung der Trassen „da unten gar nicht mehr gebraucht“. Mit Blick auf das Aus der Kernkraft in Deutschland hätte der SuedLink schon seit zehn Jahren fertig sein müssen, ist auch Ralf Schades Eindruck: „Das kommt alles viel zu spät und hat bei uns auch die Akzeptanz der Windenergie stark behindert. Die Phantomstromkosten hätte man schon seit zehn Jahren los sein können.“
„Die Zustimmung geht einfach stark zurück“, ist Schades Eindruck. Er, Marcel Woidt und Jörg Schmidt zeigen sich allgemein verärgert darüber, von der Gesellschaft nicht genügend mitgenommen zu werden, wie sie sagen. Dabei verweisen sie auf Energiewende-Staatssekretär Joschka Knuth (Grüne), der bei einer Amprion-Veranstaltung gesagt habe, die Landbesitzer sollten nicht über Gebühr belastet werden. „Jetzt kriegen wir hier zwei Leitungen durch, 100 Meter auseinander“, sagt Woidt. Jörg Schmidts Plan ist es nun, den CDU-Bundestagsabgeordneten Mark Helfrich über die Geschehnisse zu informieren und so Bewegung in die Sache zu bekommen. Marcel Woidt fürchtet, dass durch das Leitungsbündelungsgebot künftig noch mehr Vorhaben auf die Region zukommen könnten. Gehört von der Landes- und Bundespolitik fühlen sie sich insgesamt zu wenig.
Gebühren würden helfen
„Wir haben oft angemahnt, dass wir Durchleitungsgebühren haben müssen. Aber das ist politisch nicht gewollt und wird nicht durchgesetzt. Dabei würde das die Akzeptanz erhöhen“, sind sich Marcel Woidt, Ralf Schade und Jörg Schmidt sicher. Sie sprechen von einer geringen Summe pro durchgeleitetem Kilowatt, aufgeteilt auf die betroffenen Flächeneigentümer. „Diese Projekte kosten Milliarden von Euro und bei uns wird um die letzten paar Hundert Euro gestritten“, etwa wenn es um das Setzen von Pfählen mit dem Trecker oder Ziehen von Litzen gehe. „Wir wissen auch, dass es Leute gibt, die das ausnutzen wollen. Grundsätzlich diskutiert man mit denen aber über jeden Euro“, sagt Ralf Schade.
Vor allem durch Amprion würden sich die drei einen faireren Umgang wünschen. Dieser sei zum Teil unprofessionell oder auch arrogant gewesen. „Die gehen mit einem nicht vernünftig um, sondern kommen von oben herab. Da kommt immer nur: ‚Wir haben Ahnung und wir können alles‘“, pflichtet Marcel Woidt bei. TenneT habe gelernt, dass „das alles einfacher gehe“, wenn man die Landeigentümer mitnehme, sagt Ralf Schade. „Grundsätzlich wünschen wir uns, dass die Gesellschaft mehr mit uns redet und uns bei derartigen Bauvorhaben mehr mitnimmt. Dass „an den Menschen vorbeiregiert wird“, sieht Ralf Schade als Hauptproblem, warum die AfD so groß geworden ist.
Einschätzung des KBV-Steinburg: „Ohne Prüfung nichts unterzeichnen“
„Grundsätzlich stehen wir der Umsetzung der Leitungsvorhaben nicht entgegen, sondern begrüßen, dass Infrastruktur ausgebaut wird und der Strom seinen Nutzen findet“, sagt Ida Sieh. Die Geschäftsführerin des Kreisbauernverbandes (KBV) Steinburg gibt aber auch zu bedenken, dass die Leitungen in der Region in Böden verlegt würden, die dafür ungeeignet seien. „Wir wären dankbar, wenn die Diskussion wieder offener auch mit Blick auf Freileitungen geführt wird“, erkärte Sieh. Ihr Eindruck aus der Mitgliedschaft zeige, dass die verschiedenen Vorhabenträger sehr unterschiedlich wahrgenommen würden. Dabei komme es immer wieder vor, dass sich Landbesitzer nicht ernst genommen fühlten oder den Eindruck hätten, dass sich die Vorhabenträger nicht wie Gäste auf den Flächen verhielten, sondern diese „einnehmen“, ohne ausreichend zu kommunizieren oder vorab Rücksprache zu halten.
„Wir haben zudem aus vergangenen Leitungsbauprojekten die Erfahrung gemacht, dass sich nicht immer an Bodenschutzkonzepte gehalten wird oder auch bei schlechten Witterungsbedingungen Leitungen verlegt werden“, sagt Ida Sieh. Besonders die Kommunikation bei Amprion werfe jedoch Fragen auf, weshalb sich Mitglieder des KBV bei ihr beschwerten, woraufhin sie versuche, zwischen den Parteien zu vermitteln. Grundsätzlich hebt Ida Sieh hervor, stehe der KBV für jegliche Fragen in dieser Sache zur Verfügung. Sie rät dazu, bei allen Vorhabenträgern nichts zu unterzeichnen, bevor der Vertrag nicht geprüft wurde.



